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26.5.2002 | Von:
Jürgen Krönig

Jihad versus McWorld

III. Abschnitt

Die militärische Dominanz des Westens und insbesondere Amerikas garantiert nicht den Erfolg in dieser Auseinandersetzung. Die Vereinigten Staaten sind die einzige Supermacht der Welt - reich, selbstbewusst, ausgestattet mit der besten Waffentechnologie. Doch die Verwundbarkeit bleibt: Je komplexer ein System, desto störanfälliger ist es. Die vernetzte technologische Zivilisation ist hyperempfindlich; ihre Arterien können mit relativ simplen Methoden empfindlich getroffen werden. Die in Kamikazebomber verwandelten Passagierflugzeuge zerstörten ein ungeheures Maß an Know-how und Daten; ein Abrutschen der Weltwirtschaft in eine Rezession erscheint vielen unausweichlich.

Der Gegner aber, der solch verheerende Wirkung mit relativ begrenzten Mitteln zu erzielen vermag, ist nicht nur schwer zu fassen und zu treffen, zumal er als der Schwächere gar nicht daran denkt, sich zum offenen Kampf auf dem Schlachtfeld zu stellen. Auch verzichtet er darauf, sich zu seiner Tat zu bekennen: eine PR-Strategie des Schweigens, die mit dem Anschlag über Lockerbie begann und im propagandistischen Kampf um die Weltmeinung ein bedeutsamer Faktor ist. Wo sind die Beweise, die harte amerikanische Schläge rechtfertigen? Diese Frage wird mit Sicherheit nach einer militärischen Vergeltung durch die USA gestellt werden und in weiten Teilen der nichtwestlichen Welt auf kritischen Widerhall stoßen. Zugleich akzeptiert der Feind keine Tabuschwellen mehr, wie in New York demonstriert wurde. Der neue Terrorismus des islamischen Fundamentalismus unterscheidet sich vom klassischen Terrorismus, der Terror zumeist dosiert einsetzte. Wie leicht hätte die IRA einen Sprengsatz in der Londoner U-Bahn explodieren lassen können, mit verheerenden Folgen. Doch der klassische Terrorist trachtete stets nach politischem Terraingewinn in dem Staat, in dem er operiert.

Die zahllosen Gruppierungen aber, die der islamische Fundamentalismus schuf, führen einen "Heiligen Krieg". Alle Mittel sind gerechtfertigt in solch einem Konflikt, in dem junge Männer in den Tod gehen in der Erwartung ewigen Lebens. Es bedarf keiner großen Fantasie, sich Furcht einflößende Bilder auszumalen. Nichts wird nunmehr von Geheimdiensten und Generalstäben in den westlichen Hauptstädten ausgeschlossen - weder nuklearer oder biologischer Terror noch Kamikazeflüge gegen Atomkraftwerke und Ölraffinerien. Wer sich auf einem Kreuzzug gegen das Böse wähnt, wird vor nichts zurückschrecken. Das lehrt sogar die jüngere Geschichte. Der japanische Sektenführer Aum wollte sich nicht auf die Giftgasattacke in der U-Bahn von Tokyo beschränken. Er hatte ähnliche Angriffe in allen Metropolen der Welt geplant und konnte bei der Entwicklung von Waffen und Kampfstoffen auf Wissenschaftler zurückgreifen, die angesichts des angeblich herannahenden Endes der Welt entschlossen waren, die Apokalypse vorzeitig einzuleiten.