APUZ Dossier Bild

26.5.2002 | Von:
Jürgen Krönig

Jihad versus McWorld

IV. Abschnitt

Dem Islam wie anderen Religionen wohnen apokalyptische Tendenzen inne. Der Glaube an das nahe Ende der Welt verleiht Menschen die Gewissheit, Gott sei auf ihrer Seite und motiviert sie zu Attacken, bei denen sie ihr eigenes Leben zu opfern bereit sind. Professor David Cook, Islamist an der Universität Chicago, warnte in einer Studie, die er vor den Ereignissen schrieb, man könne die zahllosen islamischen Gruppierungen, die im Untergrund agierten, nur dann verstehen, wenn man die apokalyptischen Tendenzen ihrer Religion berücksichtige. Flugblätter, Pamphlete und Bücher dieser Gruppierungen seien an jedem Buchstand erhältlich und würden regelmäßig in Moscheen verteilt. Antiwestliche Haltungen würden darin mit Symptomen wie Gewalt, Amoralität, Hedonismus und Dekadenz begründet, die als Indizien für die Endzeit gelten. Die USA tauchen laut Cook in den meisten apokalyptischen Szenarien als das große Babylon auf. Das Titelbild eines einflussreichen Buches von Sa'id Ayyub, "Der falsche Messias", zeigt ein dämonisches Wesen, das in eine US-Flagge sowie Hammer und Sichel gehüllt ist und um den Hals den Stern von David trägt. Hamas in der Westbank und im Gazastreifen zählt zu den apokalyptisch inspirierten Gruppen; die Intifada von 1987 fiel nicht zufällig auf den Tag, an dem eine Weissagung vor 80 Jahren das Ende der Welt heraufziehen sah.

Solche Strömungen verbinden sich mit einem islamischen Radikalismus, der seine Stärke gewinnt aus einem brennenden Gefühl der Ungerechtigkeit. Aus moslemischer Sicht ist die Geschichte der vergangenen Jahrhunderte eine Serie von Kriegen und Demütigungen durch den Westen, durch das christliche Abendland. Im Westen nimmt man diese Sichtweise zu selten wahr und verweist auf die Gaben unserer Zivilisation - Schulen, Verkehrsverbindungen, Technologie, moderne Landwirtschaft, Satellitenfernsehen und den westlichen Lebensstil. Dabei übersehen wir, was der Vormarsch westlicher Zivilisation zerstörte: die religiöse Erziehung, ein Gefühl der Gemeinschaft, sozialen Zusammenhalt, das alte religiöse Rechtssystem sowie den Respekt für moslemische Kultur und Werte. Die armen, besitzlosen Massen in der islamischen Welt sehen sich als Opfer einer westlichen Verschwörung. Das Resultat kann aggressive Entschlossenheit sein, die sich mit religiös-fundamentalistischen Strömungen zu einer unheilvollen Mixtur verbindet.

Amerika und Europa sehen in Usama Bin Ladin den mastermind, den Drahtzieher des Terrors, der den Westen bedroht. Der jemenitische Millionär besitzt Fanatismus, Charisma und das Geld, um den Krieg zum Feind zu tragen. Die bittere Ironie: Der Ölhunger des Westens ermöglichte erst Bin Ladin und sein weitverzweigtes Netzwerk. Die westliche Zivilisation, die der amerikanische Politologe Benjamin Barber als McWorld bezeichnet, ist mit Jihad, dem "Heiligen Krieg", durch die Nabelschnur der Pipelines verbunden, durch die das Öl läuft, ohne das die industrielle Welt austrocknen würde. Die hedonistische westliche Spaßgesellschaft, die sich dem Dauertanz um das Goldene Kalb des Mammon hingibt, finanziert so die Kräfte, die sie zerstören wollen. Benjamin Barber, der einst Präsident Clinton beriet, warnt vor dem Zusammenspiel wie vor dem Zusammenprall von Jihad und McWorld. Er fürchtet, die zivile, demokratische Gesellschaft könne zwischen entfesseltem Turbo-Kapitalismus und religiöser Fundamentalopposition zerrieben werden.