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26.5.2002 | Von:
Jürgen Krönig

Jihad versus McWorld

V. Abschnitt

Die westlichen Demokratien haben sich angesichts terroristischer Bedrohung bereits verwandelt, das zeigt ein Blick zurück über nur zwei oder drei Jahrzehnte: Flughäfen verwandelten sich in Hochsicherungszonen, wachsende Gefahren verlangen nach neuen Beschränkungen der Freiheit, die Methoden der Überwachung werden immer raffinierter. Big Brother in Form von Überwachungskameras ist omnipräsent. Für einen historisch einmaligen Massenwohlstand zahlen wir einen Preis, der ab jetzt noch höher werden dürfte. Manche Politiker haben das nach den Terrorakten ziemlich unverblümt ausgesprochen. Bürgerliche Freiheiten sind ein Luxus, den wir uns nur noch begrenzt leisten können. Im Juni erst kritisierte der amerikanische Verkehrsminister den Flughafen von Detroit, weil islamische Fluggäste strikter kontrolliert wurden; er sprach von einem Verstoß gegen die Bürgerrechte. Das wird kein Minister mehr sagen.

Hier offenbart sich auf andere Weise die Verletzlichkeit der westlichen Zivilisation. Ob Amerika, Großbritannien oder Deutschland - die meisten Staaten haben sich in multiethnische Gesellschaften verwandelt: Der Drang, Einlass zu erhalten, wächst; unaufhörlich steigt die Zahl der Menschen, die Armut, Unterdrückung oder Umweltkatastrophen entkommen wollen. Gelungenen Beispielen der Integration stehen ungelöste Probleme gegenüber - alle Gesellschaften kennen Fremdenhass, Verdrängungsangst und Rassismus. Nun dürften die Spannungen weiter zunehmen. Moslemische Minoritäten erleben bereits, dass sie kollektiv als Feinde ihrer neuen Heimat gebrandmarkt werden. Zugleich wird die "weiße" Mehrheit fortan mit der Furcht leben, dass sich unter den moslemischen Minoritäten auch Menschen befinden, die den Heiligen Krieg gegen den Westen führen werden. Eine Furcht, die durch Herkunft und Werdegang der Selbstmordbomber von New York und Washington bestätigt wurde.

Beunruhigend ist auch der Ausblick. Was immer Amerika tun wird, um Vergeltung zu üben - schon jetzt muss als sicher gelten, dass dadurch eines bewirkt wird: Die Zahl der Menschen, bereit zu Kampf und Tod im Heiligen Krieg, wird in den islamischen Ländern anwachsen. Kein Wunder, dass die Politiker in Europa trotz aller Loyalitätsbekundungen insgeheim sehnlichst hoffen, dass Washington sich nicht zu nicht mehr kontrollierbaren militärischen Aktionen hinreißen lässt. Doch selbst überraschende Mäßigung würde nichts daran ändern, dass der Heilige Krieg weitergeht.