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26.5.2002 | Von:
Thomas Leif

Macht ohne Verantwortung

Der wuchernde Einfluss der Medien und das Desinteresse der Gesellschaft

In den vergangenen Jahren hat sich in der politischen Diskussion zunehmend der Begriff der "Mediendemokratie" durchgesetzt. Der Einfluss der Medien auf die Politik ist stark gewachsen.

Einleitung

Politik ist nur das, was prominent vor allem in den elektronischen Medien stattfindet. Diesen Leitsatz der Berliner Republik lernt jeder Minister, Oppositionspolitiker, Parlamentarier oder Lobbyist - freiwillig oder unfreiwillig. Denn die Medienpräsenz entscheidet über den Marktwert eines Politikers und damit indirekt über künftige Listenplätze, Vorstandsposten oder mehr. Selbst ein brillanter, anerkannter Fachmann bleibt chancenlos, wenn er nicht in der Lage ist, die Essenz eines Leitz-Ordners in zwölf Sekunden zu präsentieren. Medienwirksamkeit - gemeint ist damit vor allem Fernsehtauglichkeit - wird zunehmend zum entscheidenden Auswahlkriterium, selbst für Kanzlerkandidaten. Die verdeckten, heimlichen Gesetze der Mediendemokratie werden wichtiger als die Regeln des Parteiengesetzes oder die Geschäftsordnung des Bundestages. Auf diese Entwicklung reagieren nur wenige prominente Politiker mit Mahnungen: die Talkshow dürfe Bundestags-Debatten nicht ersetzen.

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  • Ein Gespür für Fehlentwicklungen der "Mediendemokratie" hatten in Deutschland ausgerechnet die Bundespräsidenten. Richard von Weizsäcker, Roman Herzog und Johannes Rau setzten in ihren großen Reden zum Thema immer wieder jeweils eigene Akzente. Im Grundtenor waren ihre Warnungen eigentlich unüberhörbar. Aber die Botschaft versickerte im Dschungel der rund 2000 Agenturmeldungen, die täglich auf dem Bildschirm der Journalisten landen. Wichtiges und Unwichtiges, Aufgesetztes und Inszeniertes, Ernsthaftes und Belangloses - alles hängt hier zusammen und bildet gemeinsam eine zerstreute Öffentlichkeit, die jedoch nach einem Kompass, nach Orientierung für Wichtiges und Relevantes sucht.

    Die Kluft zwischen öffentlicher und veröffentlichter Meinung wird in der Medienberichterstattung immer größer. Ein Grund dafür ist die "Umkehr der Wichtigkeiten", wie Richard von Weizsäcker einmal analysiert hat. Gemeint ist damit, dass das Missverhältnis zwischen den Dingen, über die geredet wird, und den Themen, über die geredet werden müsste, immer grotesker wird. Was wichtig und was nebensächlich ist, welche Nachricht oder Geschichte in den Vordergrund gehört, und was aussortiert werden kann - darüber gibt es heute bei den Medienschaffenden keinen professionellen Konsens mehr. Alles reiht sich aneinander, bleibt unsortiert.