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"Amerikanisierung" der politischen Kommunikation?

Politik und Medien in Deutschland und den USA

26.5.2002

IV. Normen der Interaktion in der politischen Kommunikation



Die Normen der Interaktion zwischen politischen Sprechern und Journalisten liefern Anhaltspunkte über die Nähe bzw. Distanz der beiden Gruppen sowie die Art ihrer Zusammenarbeit bei der Produktion und Verarbeitung politischer Informationen. [26] In der konkreten Situation lässt sich Distanz z. B. dadurch ausdrücken, dass der Umgang als geschäftsmäßige Sache charakterisiert wird, die von professionellen journalistischen Regeln und Orientierungen über die Interessenkonstellation der beiden Akteure gesteuert wird. Je mehr sich die Akteure auf professionelle journalistische Normen zurückziehen können, umso mehr wächst ihre Autonomie gegenüber der jeweils anderen Gruppe. Die entgegengesetzte Position der Nähe kommt über den Bezug auf gemeinsame soziale Normen oder gemeinsame politische Werte zustande. Allgemeine Normen wie gegenseitiges Vertrauen, Wahrhaftigkeit oder Fairness sind Grundlagen der Interaktion, die in ihrer Konsequenz die Distanz und Autonomie der Akteure eher verringern, weil ihre Verletzung persönliche Verhaltenskonsequenzen hat. Genauso dürfte die Verletzung gemeinsamer politischer Werte Konsequenzen haben, die das Verhältnis der beiden Gruppen belastet.

Vergleicht man die Aussagen deutscher und amerikanischer Akteure, so ergibt sich (vgl. Schaubild 1) ein klares Muster der normativen Orientierung: Die Akteure der politischen Kommunikation in den USA beziehen sich vorwiegend auf professionelle journalistische Normen des gegenseitigen Umgangs, während bei den Sprechern und Journalisten in Deutschland soziale Normen im Vordergrund stehen.

Mit anderen Worten, die Handlungserwartungen in den USA konzentrieren sich darauf, dass die professionellen journalistischen Regeln von beiden Gruppen eingehalten werden. Dazu gehören berufliche Professionalität, die Objektivität bzw. Unparteilichkeit der Information, die Berücksichtigung von inhaltlicher Ausgewogenheit und Vielfaltskriterien sowie die Transparenz der Information im Sinne der Überprüfbarkeit. Im Gegensatz dazu wird unter den deutschen Akteuren deutlich mehr Wert auf ethisch korrektes Verhalten, Offenheit und Ehrlichkeit im Umgang sowie auf soziale Gleichbehandlung von Journalisten durch politische Sprecher gelegt.

Der Ländervergleich zeigt also, dass beim Umgang von politischen Sprechern und Journalisten unterschiedliche Handlungsspielräume wahrgenommen werden. Dies drückt sich auch in den Vorstellungen über die Interessenkonstellationen in der politischen Kommunikation aus: In beiden Ländern wird zwar gleichermaßen betont, dass die Interaktion insbesondere als ein Austauschverhältnis verstanden wird. Gleichwohl betonen deutlich mehr deutsche als amerikanische Akteure die Interessenidentität, während umgekehrt deutlich mehr amerikanische Befragte auf Interessengegensätze verweisen.

Das Muster der Länderunterschiede bleibt auch bestehen, wenn man die deutschen Sprecher mit den amerikanischen Sprechern und die deutschen Journalisten mit den amerikanischen Journalisten vergleicht. Allerdings zeigt sich, dass die gravierenden Unterschiede bei den journalistischen Professionsnormen vor allem dadurch zustande kommen, dass die amerikanischen Journalisten mit deutlicher Mehrheit und in den meisten Fällen doppelt so häufig wie ihre deutschen Kollegen auf die journalistischen Professionsnormen als steuernde Faktoren der Interaktion bestehen. Während Journalisten die Distanz zu politischen Sprechern betonen, versuchen politische Sprecher, die Nähe zu Journalisten zu stabilisieren. Dafür spricht die starke Betonung von sozialen Normen als Steuerungsfaktoren des Austausches. Bemerkenswert ist im Vergleich von politischen Sprechern in den USA mit ihren Kollegen in der Bundesrepublik, dass die deutschen Sprecher deutlich stärker allgemeine soziale Normen wie Vertrauen und Glaubwürdigkeit, Offenheit und Ehrlichkeit sowie Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit betonen.

Die Unterschiede in den normativen Verortungen spiegeln sich auch in der generellen Einschätzung des Verhältnisses von Journalisten und Sprechern wider: In den USA wird die Beziehung zwischen Journalisten und politischen Sprechern von 10 Prozent der Befragten als konflikthaltig, von 37 Prozent als ambivalent und von 53 Prozent als harmonisch eingeschätzt. In der Bundesrepublik hingegen ist für 77 Prozent der Befragten von einem harmonischen Verhältnis, für 20 Prozent von ambivalenten und nur für 3 Prozent von einem konflikthaltigen Verhältnis auszugehen. Dieses Muster ist sowohl für die politischen Sprecher als auch für die Journalisten konsistent.

Die unterschiedliche Einschätzung der Konflikthaltigkeit des Verhältnisses der beiden Akteursgruppen liefert Hinweise auf mögliche Ursachen unterschiedlicher politischer Kommunikationskulturen in der Bundesrepublik und den USA. Bei einem eher ambivalenten oder konflikthaltigen Verhältnis wie in den USA ziehen sich beide Gruppen auf journalistische Professionsnormen als Steuerungsmechanismen der Zusammenarbeit zurück. Anhaltspunkte für diesen Mechanismus finden sich auch in der Kommunikatorstudie von Donsbach: "Das Verhältnis zwischen Journalisten und Politikern in den USA ist eher als eine professionelle Beziehung zu beschreiben. Sie ist nicht von ideologischen Grundpositionen bestimmt, sondern von der Überzeugung der amerikanischen Journalisten, dass die unabhängige Recherche von Informationen absolute Priorität gegenüber allen anderen Tätigkeitsmerkmalen hat." [27] In der Bundesrepublik hingegen ist das Verhältnis zwischen politischen Sprechern und Journalisten auf Konsens angelegt, was erklärt, dass hier primär soziale Normen die Interaktion steuern. Hier geht es, mit den Worten von Saxer, um die "emotionale Integration" [28] und die Aufrechterhaltung des Verhältnisses durch die Herstellung von sozialer Nähe: So "nimmt dann auch mit räumlicher und sozialer Nähe zu Machtelite und Honoratioren die journalistische Neigung ab, diese harsch zu kritisieren, zumal wenn sie zugleich als Informanten für die journalistische Produktion unentbehrlich sind" [29] .

Diese Interpretation der Unterschiede lässt sich erhärten, wenn man die Regelverstöße betrachtet, die im jeweiligen Land zu Konflikten zwischen Journalisten und politischen Sprechern führen. Schaubild 2 zeigt, dass in den USA vor allem die Verletzung sozialer Normen als Belastung des Verhältnisses von Journalisten und politischen Sprechern angesehen wird. [30] Jeder zweite politische Sprecher in den USA kritisiert, dass es Konflikte beim persönlichen Umgang mit Journalisten gebe, dass Fairness verletzt und Vertrauen gebrochen werde und dass getroffene Absprachen nicht eingehalten werden. Diese Konflikte werden auch von einem Drittel der amerikanischen Journalisten gesehen. In der Bundesrepublik hingegen führen vor allem solche Regelverstöße zu Konflikten, bei denen professionelle Normen nicht eingehalten werden. Journalisten sehen die Ursachen von Konflikten in einer Verletzung des Quellenschutzes, während sich die politischen Sprecher über unwahre, falsche oder einseitige Darstellungen sowie über das in ihrer Sicht "niedrige" Niveau der Berichterstattung beschweren.

Das Bild, das sich aus den Befunden zu den Regelverstößen ergibt, mag auf den ersten Blick überraschend sein. So zeigt sich, dass die Konflikte, die zwischen Sprechern und Journalisten auftreten, gerade in solchen Bereichen ausgetragen werden, die die Aufrechterhaltung der Beziehung nicht gefährden. Dies bedeutet, dass die Interaktion zwischen Journalisten und politischen Sprechern in jedem der beiden Länder gerade dadurch aufrechterhalten wird, dass die entscheidenden Grundnormen nicht verletzt werden.

Das entscheidende Kriterium beim Austausch politischer Botschaften ist in den USA, ob die Informationen eine "gute", im Sinne von mediengerechte und reichweitenstarke Story abgeben. Kommt es zu Missstimmigkeiten, dann wird dies der Person des Journalisten oder Sprechers persönlich angelastet, die professionelle Rolle wird indessen nicht in Frage gestellt. In Deutschland hingegen geht es um das Stichwort: "Vertrauen gegen Vertrauen": "Wer sich... dieser emotionalen Integration eher verweigert und getreu der Distanznorm lebt, dürfte größere Schwierigkeiten haben, wertvolle Quellen zu finden." [31] Diese Orientierung führt in Deutschland dazu, die gegenseitige Vertrauensbasis nicht in Frage zu stellen. Bei Konflikten wird der jeweilige Partner indessen als "schlechter" Journalist oder "unfähiger" Pressesprecher bezeichnet.


Fußnoten

26.
Vgl. Ulrich Saxer, Bericht aus dem Bundeshaus. Eine Befragung von Bundeshausjournalisten und Parlamentariern in der Schweiz, Zürich 1992, S.59f.
27.
Wolfgang Donsbach, Journalismus versus journalism - ein Vergleich zum Verhältnis von Medien und Politik in Deutschland und den USA, in: ders. u. a. (Anm. 11), S.283 - 316, hier S.291.
28.
U. Saxer (Anm. 26), S. 73.
29.
Ebd., S.59.
30.
Angegeben ist jeweils der Prozentsatz der Befragten, die die jeweilige Aussage gemacht haben. Da es in der Regel zu Mehrfachnennungen kam, summieren sich die Prozentwerte nicht zu 100 Prozent.
31.
U. Saxer (Anm. 26), S. 73.