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"Amerikanisierung" der politischen Kommunikation?

Politik und Medien in Deutschland und den USA

26.5.2002

VI. Schlussbetrachtung



Für die Struktur und Kultur der politischen Kommunikation in der Bundesrepublik und den USA sind seit Mitte der neunziger Jahre grundsätzliche Unterschiede auszumachen, die es auf den ersten Blick verbieten, in Deutschland von einer "Amerikanisierung" zu sprechen. In den USA sind die Medien die entscheidende strategische Ressource für politische Handlungsfähigkeit, ihre Regeln sind für alle Akteure der politischen Kommunikation die Regeln der Politikformulierung und -durchsetzung. In Deutschland hingegen sind die politischen Konstellationen noch so tragfähig, dass neben die Medienlogik eine relativ dominante politische Logik tritt.

Gleichwohl begann Mitte der neunziger Jahre in der Bundesrepublik ein Wandlungsprozess, der sich vor allem in den Orientierungen von Journalisten manifestiert: Danach treten für Journalisten in Deutschland die strukturellen Aspekte des politischen Prozesses etwas mehr in den Hintergrnd, während medienzentrierte Anforderungen der Darstellung von Politik bedeutsamer werden. Dass Journalisten sich in ihrer Beobachtung politischer Sprecher, ihren Handlungsdispositionen und in ihrem Selbstbild verändern, wird vor dem Hintergrund der stärkeren Ausdifferenzierung und Kommerzialisierung im Medienbereich plausibel, die mit einem zunehmenden Konkurrenzdruck unter den Medien verbunden sind.

Da die medienorientierte Logik der politischen Kommunikation für viele Journalisten den Vorrang vor der politischen Logik gewinnt, muss man zu einer ambivalenten Einschätzung der Entwicklung in der Bundesrepublik kommen. Ob dies letztlich zu einer "Amerikanisierung" führt, dürfte entscheidend davon abhängen, ob sich die institutionellen Strukturen der politischen Kommunikation auf der Seite des politischen Systems verändern. In den USA hat die Delegation von politischen Funktionen an die Medien dem politischen Publicity-Prozess einen kräftigen Schub verliehen und die bereits strukturell angelegte Medienorientierung der politischen Kommunikation verstärkt. Vor diesem Hintergrund ist auch für die Bundesrepublik anzunehmen, dass Amerikanisierungstendenzen in der politischen Kommunikation in dem Maße zunehmen, in dem die politischen Parteien ihre Funktionen an die (Medien)- öffentlichkeit abgeben.