"Wem gehört die Stadt??!", steht am Bauzaun für ein gigantisches Shoppingcenter - das "Bikini" - in Berlin, Nähe Kudamm und Bahnhof Zoo

21.11.2017 | Von:
Jens Wietschorke

So tickt Berlin? Städtische Eigenlogiken in der Diskussion

Was macht einen Ort aus? Wie lassen sich Essenz und Atmosphäre einer Stadt einfangen? Vor zwei Jahrzehnten war die Frage nach den lokalen Besonderheiten und der kulturellen Einzigartigkeit von Städten noch weitgehend eine Angelegenheit des Feuilletons und der Reiseliteratur. Nur wenige Vertreterinnen und Vertreter der Sozial- und Kulturwissenschaften interessierten sich systematisch für das, was der Soziologe René König Ende der 1960er Jahre als "idiografische Erfassung" der Großstadt bezeichnete. König hatte die um 1960 publizierten Studien von Richard Wohl, Anselm Strauss und Kevin Lynch zu Gestalt und Image US-amerikanischer Städte gelesen und daraus den Schluss gezogen, "daß […] jede Großstadt ein ungeheuer komplexes Gebilde bedeutet, das jeweils die einzigartige Lösung einer einzigartigen Aufgabe darstellt". Idiografische Forschung interessiere sich für die "Dauerzüge", die eine Stadt im Laufe ihrer Geschichte entwickelt und die "die Identifizierung der betreffenden Stadt über lange Zeiträume über Jahrhunderte, ja sogar Jahrtausende erlauben".[1] Dagegen war der Mainstream der soziologischen Gemeinde- und Stadtforschung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts von der Annahme bestimmt, dass die einzelne Stadt nicht als eigenständiger soziologischer Gegenstand, sondern nur als Schauplatz und pars pro toto der Gesellschaft untersucht werden könne. Aus dieser Perspektive waren Städte lediglich Orte, an denen sich allgemeine Probleme der sozialen Schichtung, der sozialen Segregation und der politischen Partizipation innerhalb einer Gesellschaft verdichteten und die sich zudem als überschaubare Forschungsfelder anboten.[2] Die Stadt war – um es mit einem Begriffspaar des Sozialanthropologen Ulf Hannerz zu sagen – vielfach noch nicht focus, sondern lediglich locus der Forschung.

Vom "Habitus der Stadt" zur "Eigenlogik der Städte"

Seit der Jahrtausendwende ist das Feld idiografischer Stadtforschung auffallend in Bewegung geraten; das sozial- und kulturwissenschaftliche Interesse an dem spezifischen Charakter bestimmter Städte hat kontinuierlich zugenommen. Dabei wurde ein vielfältiges theoretisches Vokabular entwickelt, um Prozesse städtischer Singularitäts- und Identitätsbildung nachzeichnen und untersuchen zu können.

Unabhängig voneinander haben die Kulturwissenschaftler Martyn Lee und Rolf Lindner Ende der 1990er Jahre das Konzept eines "Habitus der Stadt" skizziert.[3] Sie gehen davon aus, dass Städte, ebenso wie soziale Akteure, im Laufe ihrer Geschichte bestimmte Routinen und Dispositionen ausbilden, die sie für bestimmte Entwicklungen anfälliger machen als für andere. Aus der stadtprägenden Ökonomie und ihren kulturellen Effekten entsteht so etwas wie ein ortsspezifischer Stil, ein distinkter Charakter der Stadt. Ein solcher wirtschaftsgeschichtlich grundierter Zugang zur Singularität der Stadt wurde mittlerweile in diversen Beispielstudien vorgeführt: Die traditionelle höfische Luxusproduktion, die Paris geprägt hat, macht den mondänen Charakter der Stadt verständlich, während die Signatur von Los Angeles durch den Glamour der Unterhaltungsindustrie und den "schönen Schein" bestimmt ist.[4] Industriell geprägte Städte und Stadtregionen wie Manchester oder das Ruhrgebiet wiederum haben ein Ethos der Arbeit und einen proletarischen Klassengeschmack angenommen, der über verschiedene eingeübte kulturelle Codes auch dann noch reproduziert wird, wenn die ehemaligen Leitindustrien im Strukturwandel untergegangen sind.[5] Dass etwa in Dresden als der ehemaligen kursächsischen Haupt- und Residenzstadt noch heute Residuen einer verfeinerten Repräsentationskultur zu finden sind, hat ein instruktives studentisches Forschungsprojekt zum 800-Jahr-Jubiläum der Stadt herausgearbeitet.[6] Und der Kulturwissenschaftler Lutz Musner beschreibt den Stadthabitus der österreichischen Hauptstadt in seinem Buch "Der Geschmack von Wien", indem er ökonomische Prägungen, soziale Konfigurationen und kulturelle Narrative aufeinander bezieht.[7]

Neben dem Konzept des "Habitus der Stadt" sind aber noch viele andere theoretische Zugänge zur Eigenart der Stadt zur Diskussion gestellt worden. Die Idee der "kumulativen Textur" städtischer Kultur des US-amerikanischen Soziologen Gerald D. Suttles ist hier ebenso zu nennen wie die Forschungen zum "kulturellen Imaginären" der Stadt oder zur Stadt als Wissens- und Geschmackslandschaft.[8] Harvey Molotch, Richard Freudenburg und Krista Paulsen sprechen vom "City Character",[9] andere Autoren vom "Lebenslauf" oder der "Biografie" einer Stadt.

Martina Löw und Helmuth Berking haben im Rahmen eines groß angelegten, vom Land Hessen geförderten Forschungsschwerpunktes an der Universität Darmstadt das Konzept der "Eigenlogik der Städte" entwickelt, das den vielleicht am weitesten reichenden Anspruch erhebt.[10] Ausgehend von einer Analyse "kultureller Pfadabhängigkeiten" möchte Martina Löw zu einer "Soziologie der Städte" vorstoßen, die "die verborgenen Strukturen der Städte als vor Ort eingespielte, zumeist stillschweigend wirksame Prozesse der Sinnkonstitution" aufdeckt und damit zur "systematischen Integration lokaler Differenzen und Potentiale in politische Strategien" beiträgt.[11] Dieser implizite Anwendungsbezug kennzeichnet die Darmstädter Eigenlogik-Forschung, aus der mittlerweile nicht nur ein Handbuch für Stadtplanung und Stadtentwicklung hervorgegangen ist,[12] sondern auch eine beachtliche Reihe empirischer Fallstudien. Von Titeln wie "Typisch Darmstadt!" über "Wie man lernt ein Berliner zu sein" und "Die diskutierte Region" bis hin zu "Wissen und Entscheiden" – einer Studie über lokale Differenzen strategischen Handelns im Kontext des Klimawandels – werden dabei immer wieder auch kommunalpolitische Handlungsmuster diskutiert und Optionen der Stadt- und Regionalentwicklung eröffnet.[13] Nicht von ungefähr zeigt auch die politikwissenschaftliche Stadtforschung großes Interesse an "eigenlogischen" Forschungsdesigns.[14]

Nicht zuletzt aus solchen Anwendungsbezügen heraus lässt sich die anhaltende Zugkraft des Konzepts "Eigenlogik der Städte" verstehen. Von der Eigenlogik-Forschung geht implizit das Versprechen aus, das strukturierende Prinzip von Orten aufdecken zu können, herausfinden zu können, wie eine Stadt "tickt". In einer Zeit, in der Ökonomie und Planungswissenschaften schon längst die kulturelle Seite der Stadtentwicklung und die "weichen Standortfaktoren" entdeckt haben, in der Stadtmarketing und city branding so hoch gehandelt werden wie noch nie, muss ein solches Versprechen auch die Förderinstitutionen überzeugen. Die nicht nur im deutschsprachigen Raum, sondern auch in der anglophonen Stadtforschung verstärkt diskutierten Fragen nach der uniqueness und distinctiveness von Städten haben mit einer öffentlichen Nachfrage zu tun, die auf ökonomische Strategien ebenso zielt wie auf touristische Erlebnisqualitäten und die Inwertsetzung des Lokalen durch kulturelles Erbe; die Frage, wie sich Städte als kulturelle Räume voneinander unterscheiden, wird im Zeichen einer verschärften Städtekonkurrenz und einer hochkompetitiven kommunalen Attraktivitätsbilanzierung immer interessanter. Auch und gerade der Blick in die Geschichte gewinnt dabei neue diagnostische Potenziale: Wenn man verstanden hat, wie es kommen musste, kann man vielleicht auch abschätzen, wie es weitergeht.

Fußnoten

1.
René König, Großstadt, in: ders. (Hrsg.), Handbuch der empirischen Sozialforschung, Band 2, Stuttgart 1969, S. 622–674, hier S. 665.
2.
Vgl. zu dieser Sichtweise exemplarisch Hartmut Häussermann/Walter Siebel, Stadtsoziologie. Eine Einführung, Frankfurt/M. 2004.
3.
Vgl. Martyn Lee, Relocating Location: Cultural Geography, the Specificity of Place and the City Habitus, in: Jim McGuigan (Hrsg.), Cultural Methodologies, London u.a. 1997, S. 126–141; Rolf Lindner, Die Stadt als terra incognita. Perspektiven der urbanen Ethnologie, in: Humboldt-Spektrum 2/1996, S. 42–46; ders., Der Habitus der Stadt. Ein kulturgeographischer Versuch, in: Petermanns geographische Mitteilungen 147/2003, S. 46–53.
4.
Vgl. Allen J. Scott, The Cultural Economy of Cities. Essays on the Geography of Image-Producing Industries, London 2000.
5.
Vgl. etwa Rolf Lindner, Das Ethos der Region, in: ders. (Hrsg.), Die Wiederkehr des Regionalen, Frankfurt/M. 1994, S. 201–231.
6.
Rolf Lindner/Johannes Moser (Hrsg.), Dresden. Ethnografische Erkundungen einer Residenzstadt, Leipzig 2006.
7.
Lutz Musner, Der Geschmack von Wien. Kultur und Habitus einer Stadt, Frankfurt/M. 2009.
8.
Für einen Überblick über diese Forschungsansätze vgl. Rolf Lindner, Textur, imaginaire, Habitus – Schlüsselbegriffe der kulturanalytischen Stadtforschung, in: Helmuth Berking/Martina Löw (Hrsg.), Die Eigenlogik der Städte. Neue Wege für die Stadtforschung, Frankfurt/M. 2008, S. 83–94; Jens Wietschorke, Anthropologie der Stadt: Konzepte und Perspektiven, in: Harald Mieg/Christoph Heyl (Hrsg.), Stadt. Ein interdisziplinäres Handbuch, Stuttgart–Weimar 2013, S. 202–221.
9.
Harvey Molotch/William Freudenburg/Krista E. Paulsen, History Repeats Itself, but how? City Character, Urban Tradition, and the Accomplishment of Place, in: American Sociological Review 5/2000, S. 791–823.
10.
Helmuth Berking/Martina Löw (Hrsg.), Die Wirklichkeit der Städte, Baden-Baden 2005; dies. (Anm. 8).
11.
Martina Löw, Soziologie der Städte, Frankfurt/M. 2008, S. 18f.
12.
Martina Löw/Georgios Terizakis (Hrsg.), Städte und ihre Eigenlogik. Ein Handbuch für Stadtplanung und Stadtentwicklung, Frankfurt/M. 2011.
13.
Die genannten Titel sind alle in der Reihe "Interdisziplinäre Stadtforschung" des Darmstädter Forschungsschwerpunkts im Campus Verlag erschienen: Martina Löw/Peter Noller/Sabine Süß (Hrsg.), Typisch Darmstadt. Eine Stadt beschreibt sich selbst, Frankfurt/M. 2010; Jochen Monstadt et al. (Hrsg.), Die diskutierte Region. Probleme und Planungsansätze der Metropolregion Rhein-Main, Frankfurt/M. 2012; Brenda Strohmaier, Wie man lernt, Berliner zu sein. Die deutsche Hauptstadt als konjunktiver Erfahrungsraum, Frankfurt/M. 2014; Hubert Heinelt/Wolfram Lamping, Wissen und Entscheiden. Lokale Strategien gegen den Klimawandel in Frankfurt am Main, München und Stuttgart, Frankfurt/M. 2015.
14.
Vgl. etwa Marlon Barbehön et al., Städtische Problemdiskurse. Lokalpolitische Sinnhorizonte im Vergleich, Baden-Baden 2015.
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Autor: Jens Wietschorke für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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