"Wem gehört die Stadt??!", steht am Bauzaun für ein gigantisches Shoppingcenter - das "Bikini" - in Berlin, Nähe Kudamm und Bahnhof Zoo

24.11.2017 | Von:
Dieter Schott

Kleine Geschichte der europäischen Stadt

Im Jahr 800 lebten auf dem Gebiet der späteren Bundesrepublik im Durchschnitt vier bis fünf Menschen auf einem Quadratkilometer – heute sind es 229.[1] Städte existierten kaum; zwischen Wäldern und Sümpfen lagen nur in besonders begünstigten Flusstälern Siedlungsinseln. Allein entlang des Rheins und der Mosel gab es eine Reihe von früheren Römerstädten wie Trier, Straßburg oder Köln, in denen durch den Bischof als Stadtherr eine gewisse Kontinuität der Stadtgestalt gewahrt worden war.[2] Anders sah es in Italien, im südlichen Frankreich und in Spanien aus, wo der Zusammenbruch der römischen Herrschaft nicht in gleichem Maße zu einem Kollaps des stadtbasierten Gesellschaftssystems geführt hatte.

Östlich des Rheins und nördlich der Seine hatte die fränkische Eroberung zum Aufbau eines neuen landbasierten feudalen Gesellschaftssystems geführt, das primär auf die Versorgung eines Herren und dessen Familie und Gefolgschaft ausgerichtet war. Erst nachdem sich dieses System stabilisiert hatte, Bedrohungen von außen erfolgreich abgewehrt werden konnten und allmählich landwirtschaftliche Überschüsse entstanden, machte sich ein Bedarf an Städten bemerkbar. Städte erwuchsen meist nicht aus landwirtschaftlichen Dörfern, sondern entwickelten sich an besonderen Standorten, an sogenannten Gunstlagen, wo die Topografie Händler und Reisende zur Nutzung einer bestimmten Flussfurt oder eines Bergpasses zwang. Diese Gunstlage wurde von Herren ausgenutzt, indem sie von Reisenden, die Flussfurt oder Bergpass passieren wollten, einen Wegezoll, später dann ein Brückengeld verlangten. Häufig etablierten die geistlichen oder weltlichen Herren in der Nähe dieser Orte einen befestigten Sitz mit Handwerkern für ihre Haushaltung. Zur Versorgung der Handwerker, aber auch zum Austausch mit den durchziehenden Händlern, entstand ein Markt, der von den Herren rechtlich privilegiert wurde; sie verboten, in anderen Dörfern im Umkreis Markt zu halten.[3] Um den Markt und die Häuser der Handwerker und Herren zu schützen, wurde eine Befestigung aus hölzernen Palisaden und Erdwällen errichtet, die im Laufe der Jahrhunderte durch eine steinerne Mauer mit Türmen, Zinnen und Toren ersetzt wurde.

Viele Städte waren also zunächst "Großburgen", wie auch der Namenszusatz "-burg" älterer deutscher Städte wie Augsburg oder Regensburg zeigt.[4] Die Bewohner der "Großburgen" waren keineswegs persönlich frei, sondern in unterschiedlichen Graden von den jeweiligen Stadtherren abhängig. Erst im späten 11. Jahrhundert begann die Herausbildung einer "Stadtgemeinde" aus freien Bürgern, die sich zur Vertretung ihrer gemeinsamen Interessen zusammenschlossen. Zu Beginn des sogenannten Investiturstreits über die Besetzung geistlicher Ämter durch weltliche Machthaber öffneten die Bürger der Stadt Worms 1073 Kaiser Heinrich IV. die Tore ihrer Stadt und vertrieben ihren Stadtherrn, den Bischof, der sich gegen den Kaiser gestellt hatte. Als Gegenleistung verlieh der Kaiser 1074 den Wormser Bürgern das erste an eine Stadt gerichtete Privileg, das Worms weitgehende Freiheit von Reichszöllen sicherte.[5] In anderen rheinischen Städten, etwa in Köln 1076, folgten ähnliche Konflikte zwischen Stadtgemeinde und Stadtherren, in denen die Stadt dem Kaiser ihre Unterstützung zusicherte und dafür weitergehende Selbstverwaltungsrechte erhielt sowie ein höheres Maß an persönlicher Freiheit für die Stadtbürger zugestanden bekam. Wie Franz Irsigler betont, "beginnt [um 1100] eine neue Epoche des europäischen Städtewesens".[6]

Entwicklung des europäischen Städtenetzes

Wirtschaftlicher und demografischer Kontext der neuen Epoche war eine langfristige Expansion der Bevölkerung und des Siedlungsraums in großen Teilen Europas bis ins frühe 14. Jahrhundert. Begünstigt von einer Klimaerwärmung und gestützt durch technische Verbesserungen stiegen die landwirtschaftlichen Erträge. Das Land um die Siedlungen wurde gerodet, später dann auch mitten in den Wäldern; Sümpfe wurden trockengelegt. Zu diesem Landesausbau gehörte auch die sogenannte Ostkolonisation, die Anlage von Dörfern und Städten in von Slawen bewohnten Gebieten östlich der Elbe. Weil die Stadtherren im Zuge dieser Expansion beobachtet hatten, dass Städte lukrativ waren, setzten seit dem frühen 12. Jahrhundert systematische Gründungen von Städten ein, bei denen die Stadtherren diese "Gründungsstädte" mit umfangreichen Privilegien ausstatteten.

Das bekannteste Beispiel in Westdeutschland ist Freiburg im Breisgau. 1120 versprach Graf Konrad von Zähringen allen Siedlungswilligen einen Bauplatz, Frieden und Wegesicherheit in seinem Territorium, Schadensersatz, falls jemand dort beraubt werden sollte, und Zollfreiheit. Er gewährte den sich zu einer Schwureinung (coniuratio) zusammengeschlossenen Bürgern das Recht auf freie Wahl ihres Vogts und Pfarrers und sicherte ihnen zu, dass ihre Streitigkeiten nach dem "Recht aller Kaufleute, besonders der Kölner" verhandelt werden sollten.[7] Die Gründung "Freiburg" war recht erfolgreich, der Silberbergbau im nahen Schwarzwald, die Lage an einem Fernhandelsweg und am Rande der fruchtbaren Rheinebene machten die Stadt schnell zu einem regionalen Handelszentrum im Raum zwischen Bodensee und Straßburg.

So entstand im Verlauf des 12. und 13. Jahrhunderts in Europa eine vielfach gegliederte Stadtlandschaft, die in Grundzügen die bis heute vorfindliche Siedlungsstruktur prägte: Der größte Teil der aktuellen europäischen Städte wurde in der Wachstumsperiode zwischen 1100 und 1350 gegründet.[8] Allerdings blieb der Grad der Verstädterung noch relativ gering; im europäischen Durchschnitt wohnten etwa 10 bis 15 Prozent der Menschen in Städten, wobei hier große Unterschiede zwischen Regionen wie Norditalien und Flandern mit 30 bis 40 Prozent Stadtbewohnern, aber auch sehr gering urbanisierten Landstrichen in Nord- und Osteuropa mit nur 3 bis 4 Prozent vorlagen.[9] Norditalien und Flandern waren in dieser Periode die europäischen Führungsregionen in gewerblicher Entwicklung und Warenkultur. In Norditalien hatten Städte wie Venedig, Mailand, Genua und Florenz bereits um die 100000 Einwohner; in Flandern dominierten große Städte wie Brügge, Gent und Ypern.[10] Venedig und Genua importierten Luxuswaren wie edle Tuche, Waffen und Gewürze aus dem Orient und verteilten diese weiter in Europa. Ab etwa 1280 nutzten die italienischen Kaufleute dafür den Seeweg durch die Straße von Gibraltar rund um Portugal und Spanien mit dem Ziel, die bevölkerungsstarken Regionen im Nordwesten Europas zu erreichen. Brügge wurde zum wichtigsten Handelspartner für die Italiener und erlebte als Gegenstück zu Venedig in Nordwesteuropa eine längere Blütezeit.[11]

Die größeren europäischen Städte waren im Hoch- und Spätmittelalter in ein weiträumiges Handelsnetz eingebunden und erschienen als Teile von Netzwerken, die häufig von einer "Gateway-City", meist am Meer gelegen, dominiert und geprägt waren. Solche "Gateways" waren etwa Venedig, Genua und Brügge, aber auch London. Gab es durch Kriege oder Naturkatastrophen Probleme auf bestimmten Handelsrouten, sortierte sich das Netzwerk neu. Die Zugehörigkeit zu diesen Netzwerken war meist nicht politisch bestimmt; auch die berühmte Hanse, anfänglich um den Ostseehandel konzentriert, war nie ein fester Block.[12]

Aber nicht alle Städte waren Fernhandelsstädte. Die primäre Funktion der meisten kleinen und mittleren Städte war die eines agrarischen Absatzmarktes für ein kleineres oder größeres Umland sowie die Versorgung dieses Umlands mit gewerblichen Waren und spezialisierten Dienstleistungen. Für größere Teile Europas hat sich das Modell des Geografen Walter Christaller bewährt, der von einem hierarchisch gestuften System "zentraler Orte" ausgeht, wobei in dem zentralen Ort höchster Stufe praktisch alle Arten von Waren und Dienstleistungen verfügbar sind, während auf der niedrigsten Stufe nur die Waren des täglichen Bedarfs angeboten werden.[13]

Fußnoten

1.
Vgl. Friedrich-Wilhelm Henning, Das vorindustrielle Deutschland 800 bis 1800, Paderborn 19773, S. 19; Dieter Schott, Europäische Urbanisierung (1000–2000). Eine umwelthistorische Einführung, Köln–Weimar–Wien 2014, S. 28.
2.
Vgl. Edith Ennen, Die europäische Stadt des Mittelalters, Göttingen 19874, S. 31–44.
3.
Vgl. Felicitas Schmieder, Die mittelalterliche Stadt, Darmstadt 2005, S. 14–32.
4.
Vgl. Peter Johannek, Die Mauer und die Heiligen. Stadtvorstellungen im Mittelalter, in: Wolfgang Behringer/Bernd Roeck (Hrsg.), Das Bild der Stadt in der Neuzeit 1400–1800, München 1999, S. 26–38.
5.
Vgl. Schmieder (Anm. 3), S. 70f.
6.
Franz Irsigler, Über Stadtentwicklung. Beobachtungen am Beispiel von Ardres, in: Zeitschrift für Archäologie des Mittelalters 11/1983, S. 7–19, hier S. 9.
7.
Vgl. Schmieder (Anm. 3), S. 84f.
8.
Vgl. Heinz Stoob, Stadtformen und städtisches Leben im späten Mittelalter, in: ders. (Hrsg.), Die Stadt. Gestalt und Wandel bis zum industriellen Zeitalter, Köln u.a. 1985, S. 151–190, hier S. 151.
9.
Vgl. Peter Clark, European Cities and Towns, 400–2000, Oxford u.a. 2009, S. 34.
10.
Vgl. David Nicholas, Urban Europe 1100–1700, Basingstoke 2003, S. 19f.
11.
Vgl. Mark Girouard, Die Stadt. Menschen, Häuser, Plätze. Eine Kulturgeschichte, Frankfurt/M.–Wien 1992, S. 85–100; Wim Blockmans, Brügge als europäisches Handelszentrum, in: Valentin Vermeersch (Hrsg.), Brügge und Europa, Antwerpen 1992, S. 41–56.
12.
Vgl. Schott (Anm. 1), S. 58–64; Paul Hohenberg/Lynn H. Lees, The Making of Urban Europe, 1000–1994, Cambridge, M.A. u.a. 1995, S. 59–73.
13.
Vgl. Kersten Krüger, Kreis und Sechseck – die Modelle räumlicher Ordnung von Johann Heinrich von Thünen und Walter Christaller im Vergleich, in: Thünen-Museum Tellow (Hrsg.), Das Thünensche Erbe im Spannungsfeld zwischen Globalisierung und Regionalisierung, Tellow 2008, S. 77–89; Heinz Heineberg, Stadtgeographie, Paderborn u.a. 2001, S. 90.
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Autor: Dieter Schott für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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