"Wem gehört die Stadt??!", steht am Bauzaun für ein gigantisches Shoppingcenter - das "Bikini" - in Berlin, Nähe Kudamm und Bahnhof Zoo

24.11.2017 | Von:
Wolfgang Kaschuba

Die Stadt, ein großes Selfie? Urbanität zwischen Bühne und Beute - Essay

Städte sind – historisch betrachtet – immer Laboratorien gewesen, in denen die wirtschaftliche, soziale und kulturelle Entwicklung der Gesellschaft insgesamt vorangetrieben wurde. Das hängt mit der historischen Genetik und Dynamik der europäischen Stadtgesellschaften zusammen. Denn sie alle entstanden durch die Zuwanderung von Menschen, Ideen und Waren. Sie alle wuchsen durch die Ausweitung von Produktion, Handel und Markt. Und sie alle inszenierten sich auf ihrem langen Weg in die Moderne vor allem als Orte einer spezifisch "urbanen Kultur": in Gestalt von sozialer Atmosphäre und kultureller Vielfalt, von imposanten Gebäuden und Plätzen, vor allem aber auch von Fremden, die kamen und blieben, wie der Kulturphilosoph Georg Simmel das städtische Prinzip einmal lakonisch beschrieb.[1] – Daran ist in Zeiten fremdenfeindlicher Diskurse zu erinnern.

Diese Idee einer "inneren" Urbanisierung, also der Entwicklung einer spezifisch großstädtischen Mentalität, nahm um 1900 vor allem der Soziologe Max Weber auf. Er sprach vom "Duft der Freiheit", der nun aus den modernen Städten weit hinaus aufs Land wehe und den Zuwanderern verführerische neue Lebensweisen und Lebensstile verspreche.[2] Und dieses Versprechen bedeutete viel in einer Welt, in der das Arbeiten wie das Feiern, die Kleidung wie die Liebe noch strikter sozialer Kontrolle unterworfen waren. Da meinte Urbanisierung auch den Sprung von der "Nachtwächterstadt" des 19. Jahrhunderts zur modernen "Nachtstadt" des 20. Jahrhunderts, also zu einer Stadt, die nun rund um die Uhr von Unruhe und Dynamik geprägt war, vom Alltag aus Industriearbeit und Massenkultur, von neuen öffentlichen Räumen und sozialen Milieus, von architektonischen wie lebensreformerischen Experimenten: mit Stadtparks und Gartenstädten, Fabrikkathedralen und Mietskasernen, Stadttheatern und Straßenbahnen. Urbanität inszenierte sich damit als der neue Lebens- und Kulturstil der Moderne.[3]

Fußnoten

1.
Vgl. Georg Simmel, Die Großstädte und das Geistesleben, Frankfurt/M. 2006 [1902]; ders., Exkurs über den Fremden, in: ders., Soziologie. Untersuchungen über die Vergesellschaftung, Berlin 1908, S. 509–512.
2.
Max Weber, Wirtschaft und Gesellschaft, Tübingen 19725 [1921/22], S. 742f.
3.
Vgl. Wolfgang Kaschuba, Die Überwindung der Differenz. Zeit und Raum in der europäischen Moderne, Frankfurt/M. 2004, S.126 ff.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/ Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Wolfgang Kaschuba für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.