"Wem gehört die Stadt??!", steht am Bauzaun für ein gigantisches Shoppingcenter - das "Bikini" - in Berlin, Nähe Kudamm und Bahnhof Zoo

24.11.2017 | Von:
Felicitas Hillmann
Matthias Bernt
Laura Calbet i Elias

Von den Rändern der Stadt her denken. Das Beispiel Berlin

Städte leben vom Nimbus ihrer "Urbanität", ihrer verdichteten Vielfalt. Durch diese Vielfalt sind sie Schauplätze des Nebeneinanders ungleicher Entwicklungen und weisen infolge gesellschaftliche Fragmentierungen auf, die mit einer Hierarchisierung der Stadtstruktur in Ränder und Zentren einhergehen. Die Thematisierung von "Rand" und "Zentrum" kann auf einer metaphorischen Ebene angesiedelt sein oder sich auf reale, teilweise messbare sozialräumliche Differenzierungen beziehen. Diese Dopplung von Zuschreibung und städtischer Realität verschmilzt jeweils dann, wenn die Städte Objekte strategischer Interventionen und stadtpolitischer Projekte werden. Die Stadtpolitiken reagieren auf ganz verschiedene Facetten der Peripherisierung: auf die physische, ökonomische, soziale und kulturelle Distanzierung zum Zentrum beziehungsweise einer Abkoppelung vom Zentrum. Sie beziehen sich auf den Verschleiß, auf die Abwertung, Entleerung und Eigenständigkeit beziehungsweise entstehende Gegenwelten, kollektive Repräsentationen und Narrationen.[1] "Ausgrenzung", das ist nicht nur ein Ort am Rande oder außerhalb der Gesellschaft, sondern umfasst auch den dazugehörigen Prozess, der nicht in die Mitte, sondern an die Ränder der Städte führt.[2]

Vor gut einem Jahrzehnt identifizierten die Stadtsoziologen Hartmut Häußermann, Dieter Läpple und Walter Siebel drei zentrale Herausforderungen für die Stadtentwicklung des 21. Jahrhunderts:[3] erstens, die mit der Globalisierung einhergehend wachsende Ungleichheit zwischen Städten und die zunehmende sozialräumliche Polarisierung in den Städten selbst; zweitens, die Privatisierung auf den Wohnungsmärkten und, drittens, die Anerkennung und Förderung der multikulturellen Realität bis hin zu Enklaven. Alle drei Prozesse (Auf- und Abwertung, Ausverkauf, Mischung) sind aktuell hochrelevante Gegenstände der Stadtpolitik. Nun bilden Städte mit ihren Zentren und Peripherien ein eigenes Handlungsfeld, das aus einer Vielzahl häufig unbeständiger Akteurskonstellationen, Regeln und Praktiken besteht. Auf zunehmende Ungleichheit wird entweder "von oben" mittels geleiteter Strategien oder "von unten" durch weniger gelenkte Interventionen reagiert. Anhand der neuen Wohnungsfrage lassen sich diese Prozesse verdeutlichen. Die laufende Raumbeobachtung zeigt, dass Wachstumsdruck und starke Mietpreisentwicklung mittlerweile nicht nur die "Big Seven" unter den Städten in Deutschland kennzeichnet, sondern in zunehmendem Maße auch in den "kleinen" Großstädten vorhanden sind.[4] Experten erwarten, dass die wachsenden regionalen Disparitäten in der Wirtschaftsstruktur bis 2030 zu einer weiteren Spreizung der Immobilienpreise führen werden, die die Städte bevorteilen und ländliche Regionen benachteiligen.[5]

Im Folgenden gehen wir der Produktion von Zentren und Rändern in Städten nach. Berlin bietet sich als Beispiel an, da sich hier die Prozesse von Auf- und Abwertung, Ausverkauf und Veränderung der Mischung in markanter Weise finden lassen.

Fußnoten

1.
Vgl. Christoph Reinprecht, Soziale Ungleichheiten: Konzeptuelle Perspektiven, in: Nikolaus Dimmel/Martin Schenk/Christine Stelzer-Orthofer (Hrsg.), Handbuch Armut in Österreich, Innsbruck u.a. 2014.
2.
Vgl. Hartmut Häußermann/Martin Kronauer/Walter Siebel (Hrsg.), An den Rändern der Städte: Armut und Ausgrenzung, Frankfurt/M. 2004, S. 23.
3.
Vgl. Hartmut Häußermann/Dieter Läpple/Walter Siebel, Stadtpolitik, Frankfurt/M. 2008, S. 553ff.
4.
Vgl. Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR), Neue Ansichten auf die Wohnungsmieten. Bevölkerungsproportionale Kartogramme der Mietniveaus, BBSR-Analysen Kompakt 8/2016; BBSR, Wachstumsdruck in deutschen Großstädten, BBSR-Analysen Kompakt 10/2017.
5.
Vgl. Christian Westermeier/Markus M. Grabka, Zunehmende Polarisierung der Immobilienpreise in Deutschland bis 2030, in: Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung, DIW Wochenbericht 23/2017, S. 451–459, hier S. 455.
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