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24.11.2017 | Von:
Mathias Wilde
Thomas Klinger

Städte für Menschen. Transformationen urbaner Mobilität

Automatisierte urbane Mobilität?

In der Bild- und Zeichensprache der technikorientierten Zukunftsentwürfe städtischer Mobilität steht allerdings wieder das Automobil im Zentrum. Die Technik verspricht ein Utopia der Fortbewegung auf bestehenden Pfaden: Wie von Geisterhand gesteuert überqueren autonom fahrende Kapseln schnell und kollisionsfrei innerstädtische Kreuzungen,[26] selbstfliegende Taxi-Drohnen und Minikopter erschließen den Luftraum als dritte Dimension der Städte und Metropolen.[27] Zudem sehen sich die Städte schon heute eingebunden in einen globalen Wettbewerb, bei dem Effizienz und Geschwindigkeit des örtlichen Verkehrssystems eine entscheidende Rolle einnehmen. Um hier mithalten zu können, seien "die Beschleunigung und Verbesserung der städtischen Verkehrsflüsse ein zentraler Faktor der Mobilitätsentwicklung".[28] Dieser Logik folgend wären die Stadtverwaltungen darauf angewiesen, "die Kapazität ihrer bestehenden Straßeninfrastruktur durch die Nutzung neuer Technologien zu steigern".[29] Mobilität sollte derart automatisiert und optimiert ablaufen, dass die technologiegestützten Systeme reibungsfrei und weitgehend unbeeinträchtigt von menschlichen Fehlern funktionieren.

Die Technologie- und Mobilitätskonzerne verschweigen allerdings die Folgen ihrer Zukunftsentwürfe. Ähnlich wie das Automobil eine Flut an Gesetzen und Normierungen nach sich zog, wird die Automatisierung unserer Fortbewegung ein neues Maß der Regulation hervorbringen. Einen Vorgeschmack darauf gibt aktuell die Verordnung zur Regelung des Betriebs von unbemannten Fluggeräten. Möchte man den Luftraum mit Drohnen nutzen, ist seit dem 1. Oktober 2017 eine Bescheinigung zum Nachweis ausreichender Kenntnisse und Fertigkeiten zum Betrieb von Flugmodellen erforderlich – damit führt der Gesetzgeber nach einigen Jahren der unregulierten Nutzung einen Führerschein für Drohnen ein.

Bereits die Zunahme automobiler Fortbewegung war begleitet von Regularien, die die Menschen in den Seitenraum der Straße verwiesen, das Queren der Fahrbahn nur noch im rechten Winkel an den dafür vorgesehenen Stellen erlaubten und anderweitige Straßennutzungen als Ordnungswidrigkeit mit Bußgeld sanktionierten. Es bleibt nicht auszuschließen, dass sich der Gesetzgeber die Einführung autonomer Verkehrssysteme zum Anlass nimmt, die Komplexität des Verkehrsgeschehens weiter zu reduzieren. In einer automatisierten Zukunft ist der Mensch das unberechenbare Element, entzieht er sich doch der Programmierung. Warum sollten Zäune nicht künftig die Menschen daran hindern, die Fahrbahn zu betreten und den reibungslosen Betrieb autonomer Systeme zu unterbrechen? In einem Beitrag über die technologiegestützte Verbesserung der Verkehrssicherheit in Schweden wird das Denkmuster technikorientierter Planung so zusammengefasst: "Weil Menschen jeden Alters zu blöd sind, sich im Verkehr durchgängig vernünftig zu verhalten, muss das System eben komplett idiotensicher gemacht werden".[30]

Kritische Stimmen zeichnen bereits die Dystopie einer Metropolis der Klassen mit einer fabrik- und fließbandartigen Organisation der Fortbewegung.[31] Wenn wir stattdessen die Wiederbelebung oder auch nur den Erhalt lebendiger Städte in den Vordergrund stellen wollen, ist es erforderlich, autonome Verkehrssysteme mithilfe von Planungsvorgaben und Gesetzen so zu gestalten, dass sie erstens vielfältige Fortbewegungs- und Begegnungsformen ermöglichen und zweitens die Lebens- und Aufenthaltsqualität urbaner Räume nicht noch mehr einschränken. Dieser Sichtweise folgend käme der Regulation autonomer und digital gestützter Mobilität gerade nicht die Aufgabe zu, allein Effizienz, Geschwindigkeit und Kapazität zu maximieren, sondern im Gegenteil die Verkehrsarten zuerst hinsichtlich ihrer Umwelt- und Sozialverträglichkeit zu priorisieren. Dies könnte beispielsweise mithilfe von differenzierten Zugangs- und Bepreisungsmechanismen geschehen.[32]

Fußnoten

26.
Vgl. Ford 2017: Simulation autonomer Mobilität, 15.9.2017, http://www.3sat.de/mediathek/?mode=play&obj=68819«.
27.
Vgl. Mit der Drohne zum Hotel fliegen – Testbetrieb startet in Dubai, 15.2.2017, http://www.faz.net/-14879022.html«.
28.
Siemens AG, Verkehrsmanagement neu gedacht – Städte auf dem Weg in die Zukunft, München 2014, S. 4.
29.
Ebd.
30.
Marco Evers, Das Ende des Sterbens, in: Der Spiegel 34/2015, S. 100–103, hier S. 102.
31.
Vgl. Autonome Fahrzeuge sind eine riesen Dystopie – Martin Lanzendorf im Corsogespräch mit Adalbert Siniawski, 19.9.2017, http://www.deutschlandfunk.de/corso.806.de.html?drbm:date=2017-09-18«.
32.
Vgl. Heiner Monheim, Moderne I+K Techniken – Eine Chance für die Finanzierung und Steuerung des Verkehrs, in: Verkehrszeichen 2/2015, S. 26–32.
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Autoren: Mathias Wilde, Thomas Klinger für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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