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26.5.2002 | Von:
Jeanette Hofmann

Digitale Unterwanderungen: Der Wandel im Innern des Wissens

II. Erschütterung der Wissenschaftsordnung

An der Oberfläche äußern sich diese Veränderungen nicht zuletzt in semantischen Verschiebungen. Die inzwischen geläufige Gleichsetzung von Wissen mit Information ebnet allmählich den Unterschied ein zwischen dem Nachrichtenwert, der aus Daten gewonnen werden kann, und der Verstandes- bzw. Urteilskompetenz, die im Wissen ankert. Setzt der Erwerb von Wissen individuelle Erfahrung und reflexive Aneignung voraus, sind der Geltungsbereich und die Halbwertzeit von Informationen demgegenüber doch vergleichsweise gering. Eine Entdifferenzierung zwischen beiden Handlungskompetenzen liefe - entgegen den Grundannahmen der Wissensgesellschaft - faktisch auf eine Abwertung von Wissen in "vorläufige Endprodukt(e) umherliegender Erkenntnis- und Erfahrungsrohlinge" [6] hinaus.

Die semantischen Verschiebungen sind das ferne Echo eines Umbruchs im Inneren des Wissens, der medialen Ursprungs ist. Ausgelöst durch die Digitalisierung ändern sich die Bedingungen für die Erzeugung und Konservierung, die Verbreitung und Nutzung von Wissen in grundlegender Weise. Langfristig mögen sich die informationstechnischen Auswirkungen auf die Konstitution von Wissen als ähnlich weitreichend wie jene des Buchdrucks erweisen.

Die Digitalisierung entstofflicht den gesellschaftlichen Wissensfluss; sie löst ihn auf in elektrische Ladungen, einer in Nullen und Einsen ausgedrückten Folge von Rechenoperationen. Die Substanz des digitalen Werks unterscheidet sich folglich nicht länger von den Werkzeugen, mit denen es geschaffen, verbreitet und gelesen wird. Der Text, das Bild und der Ton bestehen aus dem gleichen Material wie die Software, die sie erzeugen. Die Kurzformel für diesen Sachverhalt lautet, dass in der digitalen Welt Lese- und Schreibrechte eine Einheit bilden: "Wo Werk und Werkzeug in eins fallen, ist jeder ,Nutzer' gleichzeitig Hörer, Bearbeiter und Komponist." [7] Im Zugriff auf elektronische Dokumente ist die Möglichkeit ihrer Manipulation immer schon enthalten.

Im Unterschied zum klassischen Druckwerk ist sein digitales Pendant daher immer nur vorläufig fixiert. Die Unterscheidung zwischen Original und Kopie, zwischen Nachdruck und Nutzung wird obsolet. Und der im Buchdruck gründenden Institution der autorisierten Originalfassung kommen unversehens die technischen Voraussetzungen abhanden. Selbst die heute so verehrte Figur des Autors mag irgendwann wieder in dem amorphen Ideenfluss untergehen, aus dem sie vor rund 250 Jahren herausgetreten ist. [8]

Auf den ersten Blick nehmen sich die neuen Lese- und Schreibfreiheiten, die uns die Informationstechnik beschert, wie ein Sakrileg aus. Erschüttern sie doch die ideellen und materiellen Grundfesten einer über Jahrhunderte gewachsenen Wissensarchitektur. Bei näherem Hinsehen wird man jedoch feststellen, dass der Konstitutionswandel des Wissens seit längerem in den gesellschaftlichen Alltag eindringt und dort Spuren in Form neuer Kommunikationsrituale, Kunststile, Konsum- und Produktionsweisen hinterlässt.

Digitale Wissensobjekte sind in Bewegung. Ihr flexibler, transitorischer Charakter zeigt sich in der Software durch laufende Updates, in der Musik im Samplen und Remixen von "Ohrwürmern", ja sogar im Schriftstück, das sich in Form des Hypertexts von der linearen Seitenordnung emanzipiert. Und doch ist es kein Zufall, dass das kreative Potenzial digitaler Wissensschöpfung in der Softwareentwicklung am deutlichsten zutage tritt. Weltweit verstreute Gemeinden von Programmierern demonstrieren die praktischen Möglichkeiten vereinter Lese- und Schreibrechte im Rahmen von Kooperationsprojekten. Jeder, der mag, kann sich beteiligen, indem er Programmcodes für Funktionen beisteuert, die er nützlich findet. Der veränderungsoffene, durch die "General Public Licence" [9] geschützte Quellcode [10] von Betriebssystemen wie Linux oder FreeBSD kultiviert kollaborative Arbeitsformen und kollektive Autorenschaften, die mit herkömmlichen Kooperationsmodellen, auch solchen der akademischen Welt, nur wenig gemein haben. [11] Im Internet haben die Freunde des offenen Quellcodes ihre kongeniale Arbeitsumgebung gefunden. Verteilte Kommunikationsdienste sorgen für den ungezähmt genialisch "plappernden Bazar" [12] , der zum Inbegriff kooperativer Softwareentwicklung geworden ist. So populär und legendenumwoben ist die Entstehungsgeschichte von Linux inzwischen, dass man sich fragt, wann die Diskussion über die Erfolgsbedingungen dieser Arbeitsform auf andere Felder der Wissenserzeugung übergreift.

Auch in der Zirkulation von Wissen, der Voraussetzung gesellschaftlichen Erkenntnisgewinns, bewirkt die Digitalisierung radikale Veränderungen. Der Computer hat das Kopieren in einen gleichermaßen trivialen wie universalen Mechanismus zur Diffusion digitalen Gedankenguts verwandelt. Die Besichtigung von Websites, das Laden, Lesen und Drucken von Texten, jeder Mausklick löst potenziell einen Kopiervorgang aus.

Dank des Internet sinken die Transaktionskosten für die Verbreitung von Informationen gegen null. Jedes im Netz verfügbare Werk lässt sich beliebig oft und ohne Qualitätsverlust kopieren. Aus Sicht der Nutzer bewirkt das eine noch vor wenigen Jahren unvorstellbare Erweiterung des sachlichen wie geographischen Erfahrungshorizonts. Je stärker sich das Internet ausdehnt, desto umfangreicher wird der weltweit archivierte Wissensvorrat. Es findet sich kaum mehr ein Schlagwort, zu dem eine der besseren Suchmaschinen keine brauchbaren Resultate liefern kann. [13] Robert Metcalf, der Vater des Netzwerkstandards Ethernet, hat die kumulative Wirkung des geteilten Wissensvorrats auf die Formel gebracht, der Wert des Netzes steige im Quadrat zur Anzahl seiner Netzknoten.

Fußnoten

6.
Manfred Faßler, Mediale Interaktion: Speicher, Individualität, Öffentlichkeit, München 1996, S. 361.
7.
Friedemann Karwohl, Das Paradigma des Urheberrechts. Ein Blick zurück und einer nach vorn, in: Neue Zeitschrift für Musik, (2001) 3, S. 26-29.
8.
Vgl. Martha Woodmansee, The Genius and the Copyright: Economic and Legal Conditions of the Emergence of the Author, in: Eighteen-Century Studies, 17 (1984) 4, S. 425-448.
9.
Die von Richard Stallman entwickelte General Public Licence (GPL), auch als copyleft bezeichnet, zielt darauf, Wissen vor Privatisierung zu schützen. Sie schafft Kollektivgüter, in dem sie die Nutzer dazu verpflichtet, den Quellcode von Programmerweiterungen wiederum als kollektives Eigentum zu definieren. [http://www.gnu.org/copyleft/gpl.html].
10.
Quellcode bezeichnet den mit Hilfe von Programmiersprachen erzeugten und veränderbaren Text einer Software. Kommerzielle Hersteller hüten diesen als Geheimnis.
11.
Vgl. Eben Moglen, Anarchism Triumphant: Free Software and the Death of Copyright, in: First Monday, 4 (1999) 8. [http://www.firstmonday.dk/issues/issue4_8/moglen/index. html].
12.
Eric S. Raymond, The Cathedral and the Bazaar, in: First Monday, 3 (1998) 3. [http://firstmonday.org/issues/issue3_3/raymond/index.html].
13.
Google etwa hatte im Frühjahr 2001 705 Millionen Webseiten indexiert und bot Zugriff auf knapp die doppelte Anzahl, vgl. [www.searchenginewatch.com].