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26.5.2002 | Von:
Jeanette Hofmann

Digitale Unterwanderungen: Der Wandel im Innern des Wissens

III. Verteilungskonflikte um Wissen

Der Mehrwert geteilten Wissens veranlasst Optimisten zu der Hoffnung, das Internet werde den weltweiten Zugang zu Wissen demokratisieren. Wau Holland, der im Juli dieses Jahres verstorbene "Bitschmied", Mitgründer und Alterspräsident des Chaos Computer Clubs, gehörte hierzulande zu den Vordenkern dieser Idee: "Der Computer ist eine Maschine zum Kopieren und Verändern von Bits." [14] Dass die Nutzung digitalen Wissens seine Kopie voraussetzt und der Zugang zur digitalen Kopie neben Leserechten auch Schreibrechte einräumt, steht im Zentrum der wieder aufgeflammten Auseinandersetzung um geistiges Eigentum. Das einst in zähem Ringen zwischen hungernden Literaten und über Raubkopien besorgten Verlegern ausgehandelte Urheberrecht gesteht den Autoren Besitztitel am individuellen Ausdruck von Ideen und Fakten zu, die per se als freies Gemeingut gelten.

Die Unterscheidung zwischen freien Ideen und Fakten auf der einen und ihrer individuellen Form auf der anderen Seite entwickelte sich zum konzeptionellen Fundament eines zeitlich wie sachlich expandierenden Arsenals von Eigentumsrechten. Von chemischen Verbindungen wie dem Brustkrebsgen bis zu den "look and feel"-Komponenten einer Benutzeroberfläche reichen die heute durchsetzbaren Besitzansprüche.

Der englische Begriff des Copyrights markiert den Dreh- und Angelpunkt des Urheberprivilegs: die Kontrolle über die Vervielfältigung geistigen Eigentums. Vervielfältigungsbeschränkungen, die für analoge Wissensgüter vergleichsweise leicht durchsetzbar waren, verändern durch die Digitalisierung, welche die Unterscheidung zwischen Nutzung und Nachdruck aufhebt, ihre ursprüngliche Bedeutung. "In der digitalen Welt verlangt selbst der routineförmigste Zugriff auf Information unausweichlich die Herstellung einer Kopie"; so beschreibt der Amerikanische National Research Council das digitale Dilemma. [15] Die im Geiste der "Gutenberg Galaxie" [16] formulierten Schutzrechte sind mit den Erzeugungs- und Nutzungspraktiken digitaler Wissensbestände nicht länger kompatibel. Entsprechend kann das Urheberrecht alltägliche Techniken des Kopierens, Manipulierens und Speicherns von Daten nur mehr in Form mühsam ausgehandelter Ausnahmegenehmigungen nachvollziehen.

In der Grauzone zwischen legaler und illegaler Praxis der Wissenszirkulation breitet sich derweil ein neuer Typ des Verteilungskonflikts aus. Verlage und Verwertungsgesellschaften gehen inzwischen mit digitalen Plomben, Wasserzeichen und Nutzungslizenzen gegen die Routinehandlung des Kopierens vor. Gewiefte Praktiken des "reverse engineering" [17] im Verein mit dezentralen, als peer-to-peer Netze ausgelegten Tauschbörsen im Internet unterlaufen diese Bemühungen wiederum. Gewinner im Konflikt um die Kontrolle über Wissen sind derzeit nicht in Sicht. Zu den Verlierern gehören indessen schon jetzt die Leihbibliotheken, die bislang für den öffentlichen Zugang zu urheberrechtlich geschütztem Wissen sorgen und nun mit hohen Lizenzgebühren konfrontiert sind.

Der Wandel im Inneren des Wissens wird sich irgendwann auch in einer erneuerten Wissensordnung niederschlagen müssen, wenn diese nicht als zu eng gewordenes Korsett verkümmern soll. Eine Wissensordnung, welche die digitalen Lese- und Schreibrechte als Quelle kollektiver Kreativität förmlich anerkennt, hätte im Übrigen zweifellos Rückwirkungen auf das Verhältnis zwischen Industrie- und Wissensgewerbe. Denn wenn uns der Planet Internet eines lehrt, dann ist es wohl der Autonomiegewinn in der Verfolgung eigener Ideen, der aus der lose vernetzten Vielfalt teils konkurrierender, teils kooperierender Anwendungs- und Verwertungskontexte entspringt.

Es bleibt die Frage, wie wohl ein Urheberrecht aussähe, das im digitalen Zeitalter entworfen worden ist und ausdrücklich darauf zielte, die Gemeinwohleffekte frei zirkulierenden Wissens mit individuellen Gratifikationsansprüchen neu auszubalancieren.  

Internetverweise der Autorin: 


Newsticker, auf denen sich täglich aktuelle Meldungen zu den einschlägigen Themen finden:


www.heise.de (deutsch)


http://www.fitug.de/news/horns/index.html (überwiegend deutsch)


www.wired.com (englisch)


Internetmagazine mit längeren Beiträgen:


Telepolis: http://www.heise.de/tp/ (überwiegend in deutsch)


http://www.firstmonday.dk/ (peer-reviewed internet journal, englisch)


Mailinglisten und moderierte Kommunikationsdienste:


Fitug e.V. (Förderverein Informationstechnik und Gesellschaft)


Mailingliste von Fitug zu finden unter: www.fitug.de (in Deutsch)


Moderierter Kommunikationsdienst:


www.slashdot.org (in Englisch)


Wissenschaftliches Forschungsprojekt zu offenem Kode und offenen Inhalten:


Berkmann Center an der Harvard Law School:


http://cyber.law.harvard.edu/projects/opencode.html


Linux Sites für Entwickler:


www.suse.de

Fußnoten

14.
Interview mit Wau Holland: Zensurgelüste wie im Mittelalter, in: Telepolis, 25. Januar 2001. [http://www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/te/4764/1.html].
15.
National Research Council, The Digital Dilemma: Intellectual Property in the Information Age, Washington D.C. 2000. [http://www.nap.edu/html/digital_dilemma/].
16.
Marshall McLuhan, The Gutenberg Galaxy: The Making of Typgraphical Man, Toronto 1962.
17.
Vgl. dazu den Konflikt zwischen der Recording Industry Association of America (RIAA) und Edward Felton, der an einem Wettbewerb der Secure Digital Music Initiative teilgenommen hatte. Nachdem es dem Wissenschaftler gelungen war, die Mehrzahl der Schutztechnologien zu entschlüsseln, wurde ihm die Publikation seiner Ergebnisse untersagt. [http://infowarrior.org/resources/sdmi/].