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26.5.2002 | Von:
Uwe H. Bittlingmayer

"Spätkapitalismus" oder "Wissensgesellschaft"?

III. Soziale Polarisierung durch Wissen

In der Bildungssoziologie herrscht Konsens darüber, dass durch die Bildungsexpansion seit den siebziger Jahren eine paradoxe Bewegung eingesetzt hat. [27] Der Besitz hoher formaler Bildungstitel hat durch seine "inflationäre" Verbreitung seine Garantiefunktion in Hinblick auf die Erreichung hoher Einkommen und hohen Prestiges eingebüßt. Deswegen müssen mittlerweile neben den formalen Abschlüssen Schlüsselqualifikationen (so genannte soft skills) erworben werden, mit denen auch auf die veränderten Kompetenzanforderungen in der Ökonomie durch die "Informatisierung" der Arbeit oder die Abkehr vom klassischen Taylorismus reagiert wird. Auf der anderen Seite ist ein formaler Bildungsabschluss aber zur Conditio sine qua non für eine gehobene Position im sozialen Raum geworden. Trotz gestiegener biografischer Risiken ist die Investition in Bildungsabschlüsse immer noch die "beste Versicherung" gegen Erwerbslosigkeit. Beispielsweise betrug 1999 die Arbeitslosenquote bei Hochschulabsolventen, Meistern und Technikern etwa 5 Prozent, bei Lehrberufsabsolventen 8 und bei Unqualifizierten 18 Prozent. [28] So wird im ersten Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung herausgestrichen, dass das "weitaus größte Arbeitslosigkeitsrisiko . . . Männer und Frauen ohne formalen und beruflichen Ausbildungsabschluss (tragen), d. h., berufliche Ausbildungsdefizite führen bezüglich der Erwerbslage zu außerordentlich hohen Risiken" [29] .

Auch in der Verteilung der Einkommen spiegelt sich eine soziale Polarisierung durch Wissen wider. Zwar stiegen die Löhne aller Erwerbstätigen zwischen 1982 und 1995 an, der Graben zwischen Akademikern und Nichtakademikern vertiefte sich aber [30] . Vor dem Hintergrund eines stabilen Zusammenhanges zwischen Bildungsabschlüssen und Einkommen ist im Zeitraum von 1973 bis 1998 die Einkommensungleichheit aus Erwerbstätigkeit in Westdeutschland tendenziell gestiegen. Auch in Ostdeutschland kam es infolge höherer Arbeitslosigkeit zu einem Anstieg der Ungleichheit. Die Schere zwischen den Spitzenverdienern und den Beziehern von staatlichen Transfereinkommen und Geringverdienern ist weiter geöffnet denn je. Dabei ist "eine im Zeitverlauf nachlassende staatliche Umverteilung zugunsten des unteren Einkommensbereichs festzustellen" [31] .

Durch die Bildungsexpansion und die Entwicklungen in der Ökonomie wurden neue gesamtgesellschaftliche Standards geschaffen, die diejenigen, welche ihnen nicht genügen, weiterhin einem hohen Armutsrisiko im Kontext instabiler Lebenslagen aussetzen. Ironischerweise wird in zahlreichen politischen Gutachten zur Bekämpfung von Arbeitslosigkeit nicht nur die Aus- und Weiterbildung der Un- oder Geringqualifizierten, sondern auch die Senkung ihrer Arbeitslöhne in einem ohnehin ungleichen Einkommensverteilungssystem empfohlen. [32]

Den meisten Konzepten liegt ein Sedimentierungsmodell des Wissens zugrunde, dem zufolge Wissen "in the long run" auch den Akteuren zur Verfügung steht, die sich im unteren Bereich des sozialen Raums bewegen, und von dem sie, auch wenn sie gegenwärtig noch ausgeschlossen sind, profitieren werden. [33] Diese mit der Wissensgesellschaft verbundenen Hoffnungen auf mehr Chancengleichheit und Leistungsgerechtigkeit erweisen sich allein schon durch die stabile Reproduktion sozialer Ungleichheit im Bildungssystem als naiv. Kennzeichnend für die soziale Struktur in Wissensgesellschaften ist, dass das mit schulischem Misserfolg verbundene Armutsrisiko eben nicht gesellschaftlich kontingent, sondern herkunftsbedingt sozial ungleich verteilt ist. Der trotz der Bildungsexpansion weiterhin beobachtbare Zusammenhang zwischen der sozialen Herkunft und dem wahrscheinlichen Bildungserfolg ist vielfach nachgewiesen. In der Tretmühle um höhere Schulabschlüsse haben dabei zwar die Kinder der Mittelschichten gegenüber den Oberschichtskindern aufholen können (ceiling-Effekt). Kinder von - vor allem ungelernten - ArbeiterInnen haben aber "weiter an Boden verloren" [34] . Auf der Ebene der Bildungsabschlüsse ist also eine Reproduktion der "vorwissensgesellschaftlichen" sozialen Ungleichheitsstrukturen zu konstatieren. Insofern bleiben auch die mit den wissensgesellschaftlichen Entwicklungen verbundenen Optionssteigerungen nach wie vor sozial ungleich verteilt.

Um ein erstes Fazit zu ziehen: Angesichts der skizzierten Veränderungen, die für alle sozialen Akteure neue, vor allem bildungsgesteuerte Standards setzen und auf diese Weise zu gewandelten Vergesellschaftungsbedingungen führen, ist die Verwendung des Labels Wissensgesellschaft zunächst berechtigt. Allerdings können nur diejenigen an der wissensgesellschaftlichen Optionssteigerung partizipieren, welche die neuen Standards in Form von Schulabschlüssen und weiterführenden Kompetenzen halten können. Zugleich werden durch weitere Einschnitte ins soziale Netz und Lohnsenkungen für un- oder gering qualifizierte Arbeitskräfte die Polarisierungstendenzen weiter verstärkt. Im Kontext der sozial ungleichen Reproduktion schulischer Bildungspatente und des Erwerbs der Kompetenzen, die mittlerweile als selbstverständlich gelten, wird in der Wissensgesellschaft mithin auch systematisch die Zahl jener steigen, die aufgrund fehlender oder mangelnder Qualifikation gerade nicht an den Segnungen der Wissensgesellschaft partizipieren können. Deshalb bleibt die Rede von der Wissensgesellschaft mindestens ambivalent, die Hoffnungen auf eine durchgesetzte Leistungsgerechtigkeit im Kontext der sozial nivellierenden Wirkung von Technik scheinen ohnehin naiv. Moderne Informations- und Kommunikationstechnologien sowie Techniksysteme, mit denen in der Debatte um Wissensgesellschaften oft utopische Hoffnungen verbunden werden, sind eher das Problem als die Lösung.

Fußnoten

27.
Vgl. zum Beispiel Walter Müller, Erwartete und unerwartete Folgen der Bildungsexpansion, in: Jürgen Friedrichs/M. Rainer Lepsius/Karl Ulrich Mayer (Hrsg.), Die Dia"gnosefähigkeit der Soziologie, Sonderheft Nr. 38 der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Opladen 1998, S. 81-112.
28.
Vgl. Deutschland braucht eine moderne Innovationspolitik. Pressemitteilung des BMBF vom 22. 01. 1999 [URL: http://www.bmbf.de/deutsch/veroeff/presse/pm99/pm012299. htm]. Dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung zufolge stieg die Arbeitslosenquote von Unqualifizierten im Zeitraum von 1975 bis 1997 von 6 Prozent auf 24 Prozent.
29.
Lebenslagen in Deutschland. Der erste Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung, Bd. 1 - Bericht, hrsg. vom Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung, Bonn 2001, S. 130.
30.
Vgl. Marcus Butz, Lohnt sich Bildung noch?, in: Peter A. Berger/Dirk Konietzka (Hrsg.), Die Erwerbsgesellschaft. Neue Ungleichheiten und Unsicherheiten, Opladen 2001, S. 95-117.
31.
Lebenslagen in Deutschland (Anm. 29) S. 42.
32.
Vgl. u.Äa. Zur technologischen Leistungsfähigkeit Deutschlands (Anm. 9), S. 100.
33.
Vgl. z.ÄB. Nico Stehr (Anm. 19), S. 376.
34.
Rainer Geißler, Die Sozialstruktur Deutschlands. Zur gesellschaftlichen Entwicklung mit einer Zwischenbilanz zur Vereinigung, 2., neubearb. und erw. Aufl., Opladen 1996, S. 260.