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26.5.2002 | Von:
Uwe H. Bittlingmayer

"Spätkapitalismus" oder "Wissensgesellschaft"?

IV. Kultur als enthierarchisierte Sphäre der Wissensgesellschaft?

In Wissensgesellschaften soll sich die kulturelle Sphäre - wie bereits erwähnt - durch eine Enthierarchisierung aufgrund gesamtgesellschaftlicher Optionssteigerungen und neue Informations- und Kommunikationstechnologien auszeichnen. Diese These findet zum Teil in neueren kultursoziologischen Studien als Diversifizierung und Pluralisierung von Lebensstilen ihre Entsprechung. Das reicht bis hin zur Auffassung, dass sich in Deutschland fünf Erlebnismilieus bestimmen ließen, die sich gegenseitig, wenn überhaupt, verwundert oder desinteressiert beobachteten. [35] Die kulturelle Sphäre hat sich in dieser Perspektive von den Basisinstitutionen der Gesellschaft radikal entkoppelt. Beispielsweise wird der sozialen Herkunft keine prägende Funktion mehr für die individuelle Wahl der Freizeitaktivitäten und Präferenzen zugeschrieben. Den sozialen Akteuren, heißt es, obliege die Wahl, aus einem enormen kulturellen Angebot zu selektieren. Es ist nicht überraschend, dass dem Internet in diesem Kontext eine herausragende Bedeutung zugeschrieben wird.

Dagegen lassen sich verschiedene Argumente ins Feld führen. Zunächst setzt die Verfügung über ökonomisches Kapital oder aber der Umfang der gestaltbaren Freizeit Grenzen. Darüber hinaus lässt sich nach wie vor empirisch ein deutlicher Zusammenhang zwischen der milieuspezifischen sozialen Herkunft und den Präferenzmustern nachweisen. Die kulturellen Praktiken bleiben folglich (im Rahmen statistischer Wahrscheinlichkeiten) an die soziale Lage der Menschen gekoppelt und dokumentieren diese wiederum. [36]

Schließlich ist davon auszugehen, dass es in der kulturellen Sphäre nach wie vor Hierarchien gibt. Die Annahme veränderter enthierarchisierter Wahrnehmungsmuster sozialer Akteure aufgrund des gesellschaftlichen Wandels in den Sphären Ökonomie oder Politik ist falsch. Die kulturellen Praktiken bleiben mit dem marktwirtschaftlich-konkurrenzorientierten Moment der Vergesellschaftung vermittelt und behalten deshalb ihren Status der Dokumentation der jeweiligen Stellung im sozialen Raum. [37] Die durch neue Informations- und Kommunikationstechnologien zweifellos vorhandenen Optionen und Potenziale treffen - wie in allen vergleichbaren historischen Situationen bisher - auf mit herkunftsbedingt ungleichen Startchancen ausgerüstete soziale Akteure.

Fußnoten

35.
Vgl. Gerhard Schulze, Die Erlebnisgesellschaft. Kultursoziologie der Gegenwart, Frankfurt/M. - New York 1992; Thomas Müller-Schneider, Schichten und Erlebnismilieus. Der Wandel der Milieustruktur in der Bundesrepublik Deutschland, Wiesbaden 1994.
36.
Dieses Argument wird auch in den Studien der Hannoveraner Arbeitsgruppe um Michael Vester immer wieder hervorgehoben und empirisch untermauert. Vgl. z.ÄB. Michael Vester u.Äa., Soziale Milieus im gesellschaftlichen Strukturwandel, Frankfurt/M. 2001; ders./Daniel Gardemin, Milieu und Klassenstruktur. Auflösung, Kontinuität oder Wandel der Klassengesellschaft?, in: Claudia Rademacher/Peter Wiechens (Hrsg.), Geschlecht - Ethnizität - Klasse. Zur sozialen Konstruktion von Hierarchie und Differenz, Opladen 2001, S. 219-274.
37.
Vgl. zum grundlegenden Mechanismus Pierre Bourdieu, Die feinen Unterschiede. Zur Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft, Frankfurt/M. 1982; ausführlicher zur fortgesetzten kulturellen Hierarchie Uwe H. Bittlingmayer, Askese in der Erlebnisgesellschaft. Eine kultursoziologische Untersuchung des Konzepts nachhaltige Entwicklung am Beispiel des Car-Sharing, Wiesbaden 2000, Kap. 5-7; Thomas Schnierer, Von der kompetitiven Gesellschaft zur Erlebnisgesellschaft? Der "Fahrstuhl-Effekt", die subjektive Relevanz der sozialen Ungleichheit und die Ventilfunktion des Wertewandels, in: Zeitschrift für Soziologie, 25 (1996) 1, S. 71-82.