30 Jahre Mauerfall Mehr erfahren
APUZ Dossier Bild

26.5.2002 | Von:
Paul B. Baltes

Das Zeitalter des permanent unfertigen Menschen: Lebenslanges Lernen nonstop?

III. Vom Lernen fürs Leben zu lebenslangem Lernen

Eine wortkluge Erfindung über die Rolle des Lernens im Leben gibt uns zwar das Gefühl, die Situation zumindest begrifflich erfasst zu haben. Aus dem Bildungsschlagwort "Lernen fürs Leben" wurde das Schlagwort des "lebenslangen Lernens".

Wie mit dem Begriff der Entwicklung schon seit Jahrhunderten im Allgemeinen [3] , so wird heute mit der Idee vom lebenslangen Lernen eine neue Utopie definiert. Sie verspricht uns bis ins hohe Alter Entwicklungschancen und Lebenselixier. Dieses Versprechen steht allerdings nicht nur auf starken Füßen. Erinnert sei nur an die seit der Antike etwa von Bildungsphilosophen immer wieder diskutierte Frage der Entzweiung von Körper und Geist im Verlauf des Lebens. [4] Und ganz in diesem Sinne sät auch unsere Alltagserfahrung Zweifel. Auf die Idee vom lebenslangen Lernen angesprochen, berichten Personen von einem zwiespältigen Gefühl: von Befreiung und Bedrohung.

Die moderne Lebensverlaufs- und Alternsforschung unterfüttert diesen erlebten Zwiespalt mit wissenschaftlicher Evidenz. [5] Einerseits hat die Gerontologie über das "junge" Alter, das so genannte dritte Lebensalter, Gutes zu berichten. 60- und 70-Jährige sind mental fitter und lernfähiger, ihr Gesundheitszustand ist objektiv und subjektiv besser, als allgemein angenommen wird. Es gibt wissenschaftliche Befunde, die darauf hindeuten, dass wir insgesamt in den letzten 25 Jahren körperlich und mental fitter geworden sind. Die heutigen 70-Jährigen sind in ihrem Funktionsstatus eher mit den damaligen 65-Jährigen vergleichbar.

Andererseits gibt es theoretische und empirische Gründe dafür, weshalb sich dieser Fortschritt nicht so ohne weiteres auf das höhere Alter ausdehnen lässt. [6] In der Tat, die große Unbekannte der Zukunft ist das hohe Alter. Dabei ist es wichtig zu erkennen, dass die steigende Lebenserwartung nicht nur die 60- und 70-Jährigen betrifft. Sie trifft auch auf die Hochbetagten zu, die 80-, 90- und 100-Jährigen. In Europa beispielsweise leben die heutigen 80-Jährigen etwa drei bis vier Jahre länger, nachdem sie 80 geworden sind, als die 80-Jährigen vor 25 Jahren, und auch die verbleibende Lebenserwartung der 100-Jährigen erhöhte sich während dieser Zeit deutlich. [7]

Erst in den letzten Jahren hat sich die Wissenschaft den Hochbetagten zugewandt. Die Ergebnisse dieser Forschungen sind weniger optimistisch als die über das junge Alter, das dritte Lebensalter. Befunde über das so genannte vierte Lebensalter jenseits der 80 zeigen deutlichere Funktionsverluste und vor allem auch geringeres Potenzial für Verbesserung - nicht nur für Personen, die an Demenz leiden. Ähnliche Befunde gibt es für andere Funktionsbereiche wie etwa das subjektive Wohlbefinden (siehe Abbildung 1).

Das fortgeschrittene Alter jenseits der 80 wird für den Durchschnittsmenschen zunehmend zu einer Belastung: emotional, geistig und körperlich. Es gibt zwar eine große Bandbreite und die berühmten Ausnahmen, aber der Durchschnittstrend in Richtung auf eine im hohen Alter zunehmende Dysfunktionalität und geringere Beeinflussbarkeit des Alternsvorganges ist eindeutig. [8]

Fußnoten

3.
Vgl. Richard E. Nisbett, History of the idea of progress, Basic Books, New York 1980; Johann Nicolaus Tetens, Philosophische Versuche über die menschliche Natur und ihre Entwicklung, Weidmanns Erben und Reich, Leipzig 1777; Vgl. Ulman Lindenberger/Paul B. Baltes, Die Entwicklungspsychologie der Lebensspanne (Lifespan-Psychologie): Johann Nicolaus Tetens (1736-1807) zu Ehren, in: Zeitschrift für Psychologie, (1999), 299-323.
4.
Vgl. Helmuth Plessner, Die Stufen des Organischen und der Mensch: Einleitung in die philosophische Anthropologie, Berlin 1965.
5.
Vgl. Paul B. Baltes, Alter und Altern als unvollendete Architektur der Humanontogenese, in: Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie, (1999) 32, S. 433-448.
6.
Vgl. Margret M. Baltes, The psychiatry of the oldest-old: The fourth age, in: Current Opinion in Psychology, (1998) 11, S. 411-415; P. B. Baltes (Anm. 5); K. U. Mayer/P. B. Baltes (Anm. 2).
7.
Vgl. James W. Vaupel/J. R. Carey/K. Christensen/T. E. Johnson/A. I. Yashin/N. V. Holm/I. A. Iachine/V. Kannisto/A.'A. Khazaeli/P. Liedo/V. D. Longo/Y. Zeng/K. G. Manton/J. W. Curtsinger, Biodemographic trajectories of longevity, in: Science, (1998) 280, S. 855-860.
8.
Vgl. P. B. Baltes (Anm. 5); ders./Karl Ulrich Mayer (Hrsg.), The Berlin Aging Study: Aging from 70 to 100, New York 1999.