30 Jahre Mauerfall Mehr erfahren
APUZ Dossier Bild

26.5.2002 | Von:
Detlef Josczok

Bildung - kein Megathema

Ein Zwischenruf

II. Fortschritt ins Private?

Es gibt mittlerweile auch im Bildungsbereich Anzeichen für den "Abbau der gemeinwohlorientierten öffentlichen Infrastruktur" [7] . Angesichts notorisch knapper Kassen verabschiedet sich die öffentliche Hand in kleinen, aber stetigen Schritten aus der flächendeckenden Verantwortung für die Finanzierung des Bildungssystems bzw. lässt sich diese Verantwortung abnehmen. Die Erwartungen richten sich - fortwährend gesteigert - auf den privaten Sektor. Gängige Stichworte sind hier z. B. Sponsoring und Werbung oder - mit Blick auf die Hochschulen - Drittmittel und Stiftungslehrstühle. Die Überschrift lautet Public Private Partnership. In der Schule deutet sich inzwischen eine Entwicklung an, die sich mit der Bezeichnung Pflicht/Kür charakterisieren lässt. Der Rückzug beginnt mit dem mittlerweile offen ausgesprochenen Eingeständnis, dass in Zukunft von Seiten des Staates nicht mehr alles finanzierbar sein wird. Nun ist die inhaltliche und finanzielle Gewährleistung von Schulen und Hochschulen nach wie vor öffentlicher Auftrag - noch. Denn wenn die öffentliche "Pflicht" durch die private "Kür" ergänzt, abgerundet werden soll und muss, bleibt die Frage nach der perspektivischen Ausrichtung des Bildungssystems bzw. die nach den zu erwartenden "Systemeffekten". In der Tat ist nicht zu übersehen, dass "die Privatisierung von Bildung - über die Finanzen - Fortschritte (macht)" und eine darüber zu führende öffentliche Debatte drängend wird. [8]

Die öffentliche Hand steht nun allerdings vor Finanzierungsfragen, die nicht problemlos, gleichwohl aber ausdrücklich politisch zu beantworten sind. Angesichts der allein im Schulbereich landauf-landab nicht enden wollenden Querelen um die Ausstattung der Etats bedarf es der Verständigung darüber, was denn - quantitativ wie qualitativ - zukünftig überhaupt noch unter öffentlich verantworteter Bildung - Ausbildung und Qualifizierung eingeschlossen - verstanden und wo dementsprechend investiert werden soll. Zudem ist die Vermutung nicht aus der Luft gegriffen, dass der (implizite) Auftrag der Schule, "Bildung und Erziehung" auch in ihrer sozialen Dimension zu gewährleisten, heute immer drängender wird. Hier formuliert sich m. E. eine Grundsatzfrage, die auch mit Blick auf die verfügbaren öffentlichen Ressourcen, zugleich aber mit Blick auf den überkommenen Auftrag von Schule, neu definiert und akzentuiert werden muss.

Aber zurück zum eingangs formulierten Problem: Wollen wir wirklich, dass die Unterscheidung zwischen dem öffentlichen Raum Schule und dem wirtschaftlichen Bereich qua Werbung/Sponsoring aufgehoben wird? Noch jedenfalls definiert sich Schule durch eine Innen-Außen-Differenz, auch gegenüber der Wirtschaft. Schließlich kann man nicht auf der einen Seite Werteabstinenz, Orientierungslosigkeit und Konsumorientierung ("Spaßgesellschaft") bei Schülerinnen und Schülern beklagen und sich auf der anderen Seite genau die dazu passende "Infrastruktur" in die Schule holen. Es sei denn, man formulierte ganz ausdrücklich, dass es auch in der Schule in erster Linie um eine Orientierung auf Märkte und die Erziehung von Konsumenten geht. Dann bestünde tatsächlich "die ganze Idee der Schulbildung . . . darin, die Jugendlichen für ihren Eintritt in das Wirtschaftsleben ihrer Gesellschaft kompetent zu machen" [9] . Hier liegt im Übrigen ein Paradoxon, mit dem sich Schule heute ganz offensichtlich konfrontiert sieht: Sie soll ausbügeln, was zuvor (jenseits der Institution Schule) bewusst und sehr (markt)konform angelegt und eingeübt worden ist. Die gesamtgesellschaftlich in Gang gesetzte "Plünderung der Gemeinwesensubstanz" [10] soll von der Schule sozusagen im Alleingang und auf Knopfdruck wettgemacht werden. Das Schlagwort von der "Werteerziehung" klingt in den Ohren!

Der Verfassungsrechtler Dieter Grimm spricht von einer "verbreiteten Tendenz in der Gesellschaft, gegen Geld Autonomie zu verkaufen", und demonstriert das ebenfalls am Thema Sponsoring. Dabei werde "viel zu wenig erkannt, dass der kurzfristige Nutzen, den solche Spenden erbringen, mit einer Langfristeinbuße an . . . Autonomie erkauft wird" [11] . Der Hinweis ist interessant, weil sich mit ihm ein Phänomen ansprechen lässt, das sich in neuer Qualität präsentiert. Gesponsert wird längst nicht mehr nur vor dem Hintergrund begrenzter Image- und PR-Effekte sowie allgemeiner gesellschaftspolitischer "Landschaftspflege", sondern mit Blick auf strategisch orientierte und unmittelbare Mitgestaltung. Damit verflüchtigt sich der politische Gestaltungsauftrag bzw. droht ein Verlust konzeptioneller Autonomie: Politik und Staat verabschieden sich in kleinen, aber stetigen Schritten aus der gestaltenden Verantwortung für Bildung.

Während Politik und Administration unter den tagespolitischen Anforderungen stöhnen und das System, den "Tanker", in schwierigem Fahrwasser, bei finanzieller Ebbe und hohem (medialem) Außendruck, irgendwie flottmachen bzw. flotthalten müssen, wird die konzeptionelle Arbeit - wie sollen Schule und Hochschule, Ziele und Prozesse des Lernens und Lehrens zukünftig aussehen und ausgerichtet sein? - zunehmend mit der Unterstützung privater Dritter organisiert. Hier spielt sich eine freundliche Übernahme eigener Art ab: Die Tage klassischer Lobbyarbeit scheinen gezählt - man macht es gleich selbst. [12] Rolf Wernstedt, ehemaliger Kultusminister in Niedersachsen, hat das mit Blick auf die von Bertelsmann und dem ehemaligen Bundespräsidenten Herzog gemeinsam organisierten Bildungsforen beschrieben und hinzugefügt: "Die Bildungsdebatten finden, was ihre Wirksamkeit und Kraft angeht, kaum mehr in den Schulen und Hochschulen (mithin: den politisch-parlamentarischen Institutionen; D. J.) statt. Was Bildung ist und zu sein hat, bestimmen die Bedürfnisse der New Economy." [13] Ob New oder Old Economy - das Thema Wirtschaft ist mit einer Heftigkeit in Schule und Hochschule angekommen, die noch vor wenigen Jahren zumindest Nachfragen herausgefordert hätte. Zwar ist der praxisorientierte Kontakt von Wirtschaft und Schule zu begrüßen, zu fragen bleibt aber, ob die Ökonomie der eigentliche, gar ausschließliche Takt- und Ratgeber von Schule und Hochschule sein soll. Man muss Public-Private-Partnership nicht als "Anfang vom Ende öffentlicher allgemeiner Schulen und Universitäten" charakterisieren, sollte sich aber Rechenschaft darüber geben, wohin die Reise gehen soll. [14]

Fußnoten

7.
Josef Esser/Guido Felhölter/Ronald Noppe, Wider den neoliberalen Angriff auf das Gemeinwohl, in: Frankfurter Rundschau vom 16. Dezember 1999.
8.
Vgl. Uwe Christiansen, Wirtschaft: Der heimliche Erzieher?, in: ForumE (Verband Bildung und Erziehung) vom 3. März 2000, S. 18Äff., sowie ders./Jörg E. Feuchthofen, Wirtschaft: der heimliche Erzieher?, in: Wirtschaft und Berufserziehung, (1999) 9, S. 13Äff. und S. 18.
9.
Neil Postman, Die Zweite Aufklärung, Berlin 1999, S. 158. Das Thema verdiente mittlerweile eine ausführliche Abhandlung.
10.
Oskar Negt, Kindheit und Schule in einer Welt der Umbrüche, Göttingen 1997, S. 42.
11.
Dieter Grimm, Prioritätenwechsel in der Gesellschaft von Freiheit zu Sicherheit, in: Hans Eichel/Hilmar Hoffmann (Hrsg.), Ende des Staates - Anfang der Bürgergesellschaft, Reinbek 1999, S. 181.
12.
Das (holperige) Schlagwort von der "Bertelsmannisierung der Bildungspolitik" sei Pars pro toto angeführt; vgl. Marco Finetti, Die heimlichen Bildungsminister, in: Die Woche vom 14. Oktober 2000, sowie Albrecht Müller, Die Wohltäter aus Gütersloh, in: Vorwärts, (1999) 5, S. 24 und Sabine Etzold, Die Lotsen aus Gütersloh, in: Die Zeit, Nr. 19 vom 2. Mai 1997.
13.
Werner Herzog habe sich, so Rolf Wernstedt, nach dem Bildungskongress im April 1999 gegen den Eindruck wehren müssen, "er sei nur Staffage von Bertelsmann", in: Frankfurter Rundschau vom 29. Juni 2000, S. 6 ("Halbwertzeit"); vgl. dazu auch Karl-Heinz Heinemann, Vor dem neuen Ruck, Frankfurter Rundschau vom 21. Januar 1997, S. 6.
14.
Ingrid Lohmann, Schul-Sponsoring, in: Pädagogik, 51 (1999) 1, S. 53.