30 Jahre Mauerfall Mehr erfahren
APUZ Dossier Bild

26.5.2002 | Von:
Detlef Josczok

Bildung - kein Megathema

Ein Zwischenruf

III. Wissensgesellschaft - Abschied von der Schule

Es gibt weitere Indizien dafür, dass "die Grenzen zwischen Öffentlich und Privat, Staatsaufgaben und gesellschaftlicher Sphäre immer stärker verschwimmen" [15] und auch die Organisation und Gewährleistung von Prozessen formalisierter Bildung von einer öffentlichen zur Privatsache werden könnte. So ist es kein Zufall, dass sich der Rückzug öffentlichen Engagements mit einem über die Informations- und Kommunikationstechnologien induzierten Strukturwandel verbindet. Die technologisch-wirtschaftlichen Akteure der angekündigten Informations- und Wissensgesellschaft springen in die bestehenden finanziellen und konzeptionellen Breschen. Hier verschränkt sich der "neue Glaube" [16] an Bildung mit der Heilsgewissheit und dem Mythos der neuen Medien. Dabei ist die Prämisse bereits anerkannt bzw. vorausgesetzt, dass die neuen Medien, einschließlich Internet, (auch) in Bildungsfragen den maßgebenden Dreh- und Angelpunkt darstellen. Der Einsatz und die Gewichtung von Computern, Multimedia, Internet in Schule und Unterricht wird kaum hinterfragt, vielmehr bildungspolitisch als Universalantwort vorgestellt: "So offen wie heute ist noch nie die Misere des Bildungs- und Ausbildungssystems als Ruf nach technischen Lösungen verstanden worden." [17]

Hier schließt sich der Kreis: Es ist nur folgerichtig, wenn diejenigen, welche die Schule (und andere Bildungseinrichtungen) materiell-technisch an die Erfordernisse der Informations- und Wissensgesellschaft anschließen - also dementsprechend ausstatten -, sich zugleich inhaltlich-konzeptionell einmischen. Jedenfalls ist die These nicht von der Hand zu weisen, privates Sponsoring (etwa) von Schulen sei das wirtschafts-, finanz- und bildungspolitische Instrument für die gesellschaftliche und ökonomische Durchsetzung der Informationsgesellschaft im Bildungsbereich [18] . Im Kontext der Digitalisierung deuten sich weitere Fragen an. Der Abschied von der neuzeitlichen Schule mit ihren inhaltlichen Vorgaben und Curricula wird nach Kräften betrieben, aber nicht reflektiert. Die Schule gerät zusätzlich zu den ohnehin drückenden Problemen in weitere Zielkonflikte und Dilemmata. Marianne Gronemeyer hat das auf eine knappe Formel gebracht: "Wenn die Schule den Modernisierungsforderungen nicht nachkommt, wird sie abgehängt, wenn sie ihnen nachkommt, macht sie sich überflüssig." [19] Die Schule, die wir kennen, ist auf diesem Weg, es gibt bereits einen stillen Strukturwandel der Schule. Der Digitalisierungsschub, der z. Zt. (nicht nur) die Schule und ihr gesellschaftliches Umfeld erfasst, führt langsam aber stetig zu einer Neustrukturierung der Voraussetzungen und Bedingungen, auf deren Grundlage unsere Bildungsinstitutionen ruhen. Im Vollzug technologischer Anpassungsprozesse und in Reaktion auf die "informatische Revolution" wird auch die Schule als Veranstaltung im öffentlichen Raum schrittweise zur Disposition gestellt [20] . Es ist nicht ohne Ironie, dass sich damit die radikale Schulkritik der sechziger und siebziger Jahre wieder in Erinnerung bringt: Die "Entschulung der Gesellschaft" wird jetzt möglicherweise im technologisch-soziokulturellen Wandel erreichen, was den Vordenkern eines "demokratischen Bildungssystems" (Ivan Illich) nicht gelungen ist - wenn auch mit durchaus anderen Vorzeichen.

Fußnoten

15.
Herfried Münkler, Selbstbindung und Selbst"ver"pflich"tung, in: Frankfurter Rundschau vom 16. Januar 2001, S. 20.
16.
K. A. Geissler (Anm. 1).
17.
O. Negt (Anm. 10), S. 31. Dafür stehen auch bildungspolitische Formeln wie "Anschluss statt Ausschluss", die über einen technologisch-quantitativen Impetus kaum hinausreichen; vgl. Interview mit der Bundesministerin für Bildung und Forschung, Edelgard Bulmahn, in: Vorwärts, (2001) 1, S. 28. Ausgesprochen lesenswert ist in diesem Zusammenhang der kritische Einspruch von Clifford Stoll, LogOut. Warum Computer nichts im Klassenzimmer zu suchen haben und andere High-Tech-Ketzereien, Frankfurt/M. 2001.
18.
Vgl. I. Lohmann (Anm. 14), S. 53.
19.
Marianne Gronemeyer, Lernen mit beschränkter Haftung. Über das Scheitern der Schule, Darmstadt 1997, S. 202.
20.
"Die informatische Revolution strukturiert die informatische Lage um, genauer: sie baut den öffentlichen Raum ab. Die Informationen dringen jetzt in den Privatraum, um dort empfangen zu werden. Geschäfte, Banken, Schulen, Kinos und alle übrigen Orte werden von den neuen Technologien ausgeschaltet." Vilem Flusser, Die Revolution der Bilder, Mannheim 1995, S. 75.