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26.5.2002 | Von:
Detlef Josczok

Bildung - kein Megathema

Ein Zwischenruf

IV. Bildung - Lückenbüßer der Gerechtigkeitsdebatte

Trotz allem macht Bildung derzeit eine handfeste Karriere: Sie mausert sich zu einem strategischen Bezugspunkt der Gerechtigkeitsdebatte und füllt in den Auseinandersetzungen um die Zukunft und Modernisierung des Sozialstaats und der Arbeitsgesellschaft zunehmend eine theoretisch-programmatische Lücke. "Bildung" wird als Referenzbegriff für die ungeklärten Problemlagen der Republik etabliert. Die traditionelle Diskussion um Solidarität und Gerechtigkeit, Teilhabe und Chancengleichheit wird dabei Zug um Zug auf Perspektiven öffentlicher Gewährleistung einer individuellen Grundausstattung reduziert. Man spricht von Bildung, um über anderes nicht (mehr) reden zu müssen; man packt ihr wenn nicht alles, so doch vieles von dem auf, was Politik nicht mehr zu tragen, zu begründen und zu vertreten bereit ist. Bildung ist so zum Beispiel zu einem Zentralbegriff in der Diskussion um den "Dritten Weg" und zum "neuen Mantra" [21] geworden. Auch das weist in Richtung verstärkter Privatisierung: Über Ausbildung/Qualifizierung wird dem Einzelnen eine Basis, eine "Anschubfinanzierung", gegeben [22] ; sodann sind Staat, Gesellschaft, Politik gegenüber einem Individuum, das jetzt für sich selbst zu sorgen hat, "aus dem Schneider". Erinnert sei hier an die Thesen der sächsisch-bayrischen Zukunftskommission, die das Ziel definiert, "die Bevölkerung . . . gemäß den Lebens- und Wirtschaftsbedingungen (der) unternehmerischen Wissensgesellschaft" zu qualifizieren. Dabei wird der Schule explizit die Rolle zugedacht, über "Persönlichkeitsformierung"(!) eine "gründliche Allgemeinbildung und die Vorbereitung auf die Arbeitswelt" zu erreichen. [23] Die Frage, "wie . . . wir Sicherheit und Gerechtigkeit in der ,Wissensgesellschaft' (organisieren)" [24] , ist dann zur öffentlichen Entlastung und mit Blick auf das "Einstiegskapital" (Bildung als Ausbildung/Qualifizierung) im Wesentlichen geklärt. Bildung erscheint als programmatischer Fluchtpunkt eines Weltbildes, das nur den Markt bzw. die Menschen als "Kuratoren ihres Humankapitals" [25] zur Kenntnis nimmt. Andererseits läge das "übergreifende Ziel der Politik des dritten Weges" in der Tat darin, "den Menschen dabei zu helfen, ihren eigenen Weg innerhalb der großen Transformationen unserer Zeit zu finden" [26] - nämlich hier mit Blick auf Bildung und Bildungspolitik für eine "Ausstattung" zu sorgen, die über den engen Horizont von Ausbildung/Qualifizierung (weit) hinausgeht. Bliebe die Frage, was sich Politik heute überhaupt noch zutrauen kann und zutrauen will, um gegenüber der Wirtschaft nicht noch weiter ins Hintertreffen zu geraten. Es mutet jedenfalls fast nostalgisch an, heute daran zu erinnern, dass mit Bildung "keine Angelegenheit des ökonomischen und technischen Bedarfs, sondern (ein) Bürgerrecht, eine einklagbare Verfassungsnorm des demokratischen und sozialen Rechtsstaates" angesprochen ist. [27]

Fußnoten

21.
Anthony Giddens, Der Dritte Weg. Die Erneuerung der sozialen Demokratie, Frankfurt/M. 1999², S. 128. Anmerkung der Redaktion: Zum Dritten Weg siehe auch Aus Politik und Zeitgeschichte, B 16-17/2001.
22.
Zum Terminus "Anschubfinanzierung" vgl. Wolfgang Storz, Mehr als nur Appelle, in: Frankfurter Rundschau vom 6. November 2000, S. 3.
23.
Vgl. Frankfurter Rundschau vom 2. Dezember 1997, S. 9 ("Wie die Deutschen zu unternehmerischen Kräften kommen sollen").
24.
Gerhard Schröder, Die zivile Bürgergesellschaft, in: Die Neue Gesellschaft, 16 (2000) 4, S. 201, 203.
25.
Mathias Greffrath, Und wo bleibt die soziale Gerechtigkeit?, in: Frankfurter Rundschau vom 3. März 2001, S. 7.
26.
Anthony Giddens, Die Konsequenzen der Moderne, in: Gewerkschaftliche Monatshefte, 51 (2000) 6, S. 33.
27.
Vgl. O. Negt (Anm. 10), S. 29.