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26.5.2002 | Von:
Detlef Josczok

Bildung - kein Megathema

Ein Zwischenruf

V. Ausblick auf ein Megathema

"Die Antwort auf unsere behauptete oder tatsächliche Orientierungslosigkeit ist Bildung - nicht Wissenschaft, nicht Information, nicht die Kommunikationsgesellschaft, nicht moralische Aufrüstung, nicht der Ordnungsstaat." [28] Der Zustand unseres Gemeinwesens stimmt wenig optimistisch, denn mittlerweile brennt es nicht nur am Rand, sondern in der Mitte der Gesellschaft. Dass das auch etwas mit Fragen einer "ganzen" Bildung, dem viel zu lange vernachlässigten Nachdenken über Sinn, Ziele und Prioritäten institutionalisierter Bildungs- und Erziehungsbemühungen jenseits der Ausrichtung an der "Doktrin der Marktorthodoxie" zu tun haben könnte, wird, aller Aufregung um "Werteverfall" und Rechtsextremismus zum Trotz, noch immer kaum wahrgenommen [29] . Eine zur "Ich-AG" mutierte Gesellschaft - die das Soziale, den gesellschaftlichen Zusammenhalt, zwar noch im Munde führt, aber nicht mehr im Alltag vorlebt und politisch-programmatisch umsetzt - verlangt von ihren Bildungsinstitutionen einen unmöglichen Spagat: nämlich das, was an sozialer, zivilgesellschaftlicher Substanz verloren gegangen ist und weiter verloren geht, kurzfristig auszugleichen, zugleich dem wachsenden Druck globalisierter ökonomischer Anpassungsprozesse (mit fortwährend gesteigerter "Exzellenz" und "Leistung") Paroli zu bieten. Auch hier stehen Bildung und Ausbildung in einem, letztlich unauflösbaren, Spannungsverhältnis. Denn "wie . . . können langfristige Ziele verfolgt werden - wenn man im Rahmen einer ganz auf das Kurzfristige ausgerichteten Ökonomie lebt?" [30]

Wo bleibt das Positive? Der Vorschlag lautet: Dem Thema Bildung (und Erziehung) wieder mehr Sensibilität und Aufmerksamkeit entgegenbringen, das Thema Bildung "für voll" nehmen. Zugegeben - dafür bräuchte es eine Art Gestaltwandel in der Wahrnehmung gesellschaftlicher, politischer und ökonomischer Zusammenhänge, eine veränderte Haltung gegenüber den Herausforderungen dieser Zeit [31] . Immerhin - es gibt öffentliche Stimmen, die sich zunehmend deutlicher artikulieren: Erinnert sei an den gemeinsamen Bildungskongress der evangelischen und katholischen Kirche, der - etwa mit Blick auf eine "verhängnisvolle Industrialisierung des Bildungswesens" (Kardinal Lehmann) - Zeichen gesetzt hat [32] . Es gibt Nachdenklichkeit, Einspruch und Widerspruch, ein erneuter Diskurs zum Thema Bildung ist möglich. Was aber "ist" Bildung? Wie kann man sich ihr nähern? Man wird hier, am Rande bemerkt, keine nostalgische, gar pflichtgemäße Rückbesinnung auf Humboldt, schon gar keinen Kanon verpflichtender "Bildungsgüter" bemühen müssen. Die Dinge liegen, denke ich, einfacher - und schwieriger zugleich. Bildung bleibt eine auf die Aufgabe gesellschaftlicher Integration gerichtete, gemeinwohlorientierte politische Kategorie: Unter welchen Prämissen, mit welchen Zielen soll sich diese Gesellschaft - nicht nur, aber auch mit Blick auf nachwachsende Generationen - miteinander einrichten? Man mag das - oben ist von einer Chiffre die Rede gewesen - ebenfalls als "regulative Idee" bezeichnen, so, wie sie Ernst Fraenkel mit Blick auf den Begriff des Gemeinwohls als zentrale Kategorie pluralistischer Demokratie beschrieben hat. [33] Damit käme jenes "Mehr" an Bildung zur Sprache und zur Entfaltung, das eingangs angedeutet worden ist. Ein (pragmatischer) Kern von Bildung ließe sich durchaus als Ausbildung und Qualifizierung bestimmen, wenn zugleich das, was darüber hinausreicht, ausdrücklich mit gedacht, mit thematisiert und mit diesem pragmatischen Kern in Beziehung gesetzt würde [34] . Wie ließe sich das praktisch - im Ansatz - bestimmen? Ich schließe mich hier Hartmut von Hentig an, der auf sechs orientierende "mögliche Maßstäbe" hinweist, was als Ziel, Zweck und Ergebnis von Bildung "nicht fehlen" darf [35] :

1. Abscheu und Abwehr von Unmenschlichkeit;

2. die Wahrnehmung von Glück;

3. die Fähigkeit und den Willen, sich zu verständigen;

4. ein Bewusstsein von der Geschichtlichkeit der eigenen Existenz;

5. Wachheit für letzte Fragen;

6. die Bereitschaft zu Selbstverantwortung und Verantwortung in der res publica.

Mir scheint das nach wie vor ein sehr konkreter Hinweis für eine überfällige, grundsätzliche Entscheidung zu sein. Wenn wir uns darauf verständigen, solche Maßstäbe und Fragen mit in den Blick zu nehmen und um deren Realisierung und Beantwortung ernsthaft zu ringen, beginnen wir, über Bildung zu reden. Das wäre dann in der Tat ein Megathema.

Fußnoten

28.
Hartmut von Hentig, Bildung. Ein Essay, München - Wien 1996, S. 11.
29.
Vgl. Norman Birnbaum, Siegt die Marktorthodoxie, stirbt die Demokratie, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, 43 (1997) 12, S. 1447: "Die Doktrin . . . zögert nicht, die Behauptung von der Überlegenheit des Marktes auf Gebiete wie die Versorgung mit Dienstleistungen der Kultur, der Bildung und der Infrastruktur auszuweiten, wo sie sich als sowohl asozial wie dysfunktional erweist."
30.
Richard Sennett, Der flexible Mensch. Die Kultur des neuen Kapitalismus, Berlin 1998, S. 12.
31.
Es gibt Anhaltspunkte, über die zu reden und zu streiten lohnte: So hat z.ÄB. die Denkschrift der nordrhein-westfälischen Bildungskommission neben ihren (schulorganisatorisch-)praktischen Hinweisen auch Grundfragen von Bildung zur Diskussion gestellt; vgl. Denkschrift der Kommission "Zukunft der Bildung - Schule der Zukunft" beim Ministerpräsidenten des Landes NRW, Neuwied - Kriftel - Berlin 1995, v.Äa. S. 23-73. Die Initiatoren des "Heidelberger Memorandums" haben Fragen einer "zukunftsfähigen Bildung" und Leitstichworte (Arbeit; Demokratie; Wissen; Lernen) für eine bildungspolitische Debatte formuliert; vgl. Frankfurter Rundschau vom 25. November 1998 sowie Die Zeit vom 26. November 1998. Die "Potsdamer Erklärung" hat Ende 1999 unter der Überschrift "Chancengleichheit - Leitbegriff für Politik und Gesellschaft im 21. Jahrhundert" ebenfalls Grundlagen für eine solche Diskussion thematisiert; vgl. Potsdamer Erklärung (Gesellschaft Chancengleichheit e.ÄV.) vom Januar 2000 (Broschüre).
32.
Bildungskongress der Deutschen Bischofskonferenz und der Evangelischen Kirche in Deutschland am 16. November 2000 in Berlin: "Tempi - Bildung im Zeitalter der Beschleunigung. Wissen braucht Maß - Lernen braucht Ziele - Bildung braucht Zeit" (Tagungsunterlagen); vgl. auch Frankfurter Rundschau vom 17. November und 7. Dezember 2000. Erinnert sei auch an die deutlichen Hinweise von Bundespräsident Rau, u.Äa. seine Reden zur Verleihung des Hans-Böckler-Preises, in: Frankfurter Rundschau vom 17. Oktober 2000, S. 8, und zum Kongress Forum Bildung am 14. Juli 2000 in Berlin (Pressemitteilung Bundespräsidialamt vom 12. Juli 2000).
33.
Vgl. H. Münkler (Anm. 15), S. 20. Im Anschluss an "Fraenkel lässt sich auch für Bildung konstatieren, dass sie kein "Apriori" besitzt, d.Äh., dass über das, was Bildung je auszumachen hätte, eine (immer wieder neu ansetzende) "gesellschaftspolitische Verständigung ("a posteriori") erfolgen muss.
34.
Bundespräsident Rau hat auf dem Kongress Forum Bildung von "drei bleibenden Zielen von Bildung" gesprochen: (1) Entwicklung der Persönlichkeit; (2) Teilhabe an der Gesellschaft; (3) Vorbereitung auf den Beruf; vgl. Pressemitteilung Bundespräsidialamt (Anm. 32), S. 3. Für eine grundsätzliche Erörterung verweise ich insbesondere auf die NRW-Bildungskommission, die anschlussfähige "Elemente eines zeitgemäßen Bildungsbegriffs" skizziert hat; vgl. o.Äa. Denkschrift (Anm. 31), S. 30Äff.
35.
Vgl. H. v. Hentig (Anm. 28), S. 75Äff.