Ausschnitt aus dem Gemälde "Der Chasseur im Walde" von Caspar David Friedrich aus dem Jahr 1814.

1.12.2017 | Von:
Martina Grimmig

Holzwege in Venezuela. Der Tropenwald als soziale Landschaft

Der Tropenwald ist ein Ort, der vielfältige Sehnsüchte, Begierden und Ängste hervorruft. Als "Urwald" ist er das Symbol unberührter Natur schlechthin, als Lebensraum indigener Völker Ort des Wilden und Fremden, als Ressourcenraum Ziel von Goldgräbern, Holzunternehmen und Ölfirmen. Tropeninseln in Brandenburg und Indoor-Regenwälder wie das "Eden Project" in Cornwall vermarkten diese moraldurchdrungenen Vorstellungswelten. Zugleich sind auch zivilgesellschaftliches Interesse und Engagement für die Vielfalt tropischer Wälder gerade in Deutschland weitverbreitet. Jedes Schulkind lernt die globale Bedeutung dieser ökologisch wertvollen und gefährdeten Natur kennen, und kein anderes bedrohtes Biotop vermochte über die vergangenen Jahrzehnte so viel Spendengeld und politische Energie zu seinem Schutz zu mobilisieren wie die schwindenden Tropenwälder des globalen Südens.[1]

Dennoch schreitet der Verlust dieser Wälder fast ungebremst voran. Während der vergangenen zwei Dekaden gingen jährlich um die acht Millionen Hektar Tropenwald verloren, das heißt in etwa alle fünf Jahre Wälder von der Gesamtfläche der Bundesrepublik Deutschland.[2] Im Amazonas- und Kongobecken sowie im Inselarchipel Indonesien schrumpfen die Wälder vor allem zugunsten von Viehweiden, Soja- und Palmölplantagen sowie holzwirtschaftlicher Nutzung. Alle Warnungen und politischen Initiativen der vergangenen Jahrzehnte scheinen in dieser Frage bisher wirkungslos zu verpuffen, gleich ob sie sich auf die drohende Ausrottung unserer nächsten biologischen Verwandten, der Menschenaffen, beziehen oder auf den Verlust biologischer Vielfalt, die wertvolles Ausgangsmaterial für die Entwicklung neuer Arzneien und biologischer Wirkstoffe bildet. Und auch die Initiativen zur Verbesserung der Lage indigener Menschen, die in diesen Wäldern leben, haben nicht die Fortschritte erbracht, die viele sich im Gefolge der Weltumweltkonferenz von Rio de Janeiro 1992 erhofften.

Heute ist es vor allem der globale Klimawandel, der die Tropenwälder neu ins politische Bewusstsein gerückt hat, mit ihrem Potenzial zur Bindung von Kohlenstoff und der möglichen Vermeidung zusätzlicher Treibhausgasemissionen, die mit der Entwaldung und Trockenlegung von Torfböden einhergehen. Im Rahmen der UN-Klimakonvention sind daher spezielle Initiativen zur Reduktion von Treibhausgasemissionen durch die Vermeidung von Entwaldung entwickelt worden. Dazu gehören Zahlungen für Ökosystemleistungen, etwa für den Erhalt von Wäldern als CO2-Senken (REDD+).[3] Diese Ansätze werden gestützt von dem umwelt- und energiepolitisch gerahmten Leitbild einer grünen Ökonomie, die Natur- und Klimaschutz mit neuen Formen der Wertschöpfung verbinden will.

Der Schutz tropischer Wälder vollzieht sich dabei nicht mehr im Widerstreit mit wirtschaftlichen Interessen und kommerziellen Nutzungen, sondern ist als konstitutives Element dieser Inwertsetzung eingeschrieben. Manche Kritiker sehen in dieser neuen Verknüpfung von Umweltpolitik und Ökonomie die hegemoniale Verfestigung einer ökologisch destruktiven "imperialen Lebensweise".[4] Unbestritten ist sicherlich, dass der Tropenwald hier in einen sehr abstrakten Problem- und Verwertungszusammenhang eingebunden wird, der von nüchternem Kalkül geprägt ist. Dieses schließt auch die Rolle lokaler und indigener Gemeinschaften in Tropenwäldern ein, die in solchen Szenarien vor allem als potenzielle Anbieter von Ökosystemleistungen Beachtung finden. Die Möglichkeiten einer umfassenden Teilhabe und eines emanzipatorischen Einschlusses indigener Völker in die globale Klimapolitik sind dabei kaum zu erahnen.

Sperrige Realitäten

Die vielschichtigen Entwicklungen in den Wäldern der Sierra Imataca im Südosten Venezuelas – dem Feld meiner ethnologischen Forschung und Gegenstand der folgenden Ausführungen – lassen sich weder mit der Vorstellung eines bedrohten Naturparadieses angemessen verstehen, mit der die großen Umweltorganisationen in ihren Regenwaldkampagnen meist arbeiten, noch mit der Rettungslogik einer grünen Inwertsetzung, wie sie in den globalen Klimaforen verhandelt wird.[5] Die Region steht seit Jahrzehnten im Zentrum von Konflikten um natürliche Ressourcen, Tropenwaldzerstörung, indigene Rechte und Naturschutz. Hier liegen nicht nur bedeutende Zonen forstwirtschaftlicher und bergbaulicher Nutzung, die Waldregion zählt weltweit auch zu den wichtigsten Hotspots biologischer Vielfalt.

In der Region leben – nicht zuletzt – verschiedene indigene Bevölkerungsgruppen, darunter Angehörige der Kari’ña, die als direkte Nachfahren der einst von den Spaniern gefürchteten Kariben gelten.[6] Sie geben heute in vielerlei Hinsicht das Bild einer verlorenen und traumatisierten Kultur ab. Inmitten riesiger Forstkonzessionen und zahlreicher Zonen handwerklicher Goldgewinnung leben sie zurückgezogen in verstreuten und äußerlich sehr armselig wirkenden Gehöften weitgehend subsistent in und von dem, was der Wald und ihre kleinen Brandrodungsfelder bieten. Erreichbar sind ihre Siedlungen über eine unasphaltierte Piste, die sich vom Goldgräberstädtchen Tumeremo durch ein welliges Waldareal schlängelt und nach Osten bis an die venezolanisch-guyanische Grenze führt (Karte).

Nutzungskonflikte in den Wäldern des Sierra Imataca.Nutzungskonflikte in den Wäldern des Sierra Imataca. (© bpb)

Der offizielle Name des letzten kleinen Weilers lautet Bochinche, das bezeichnet umgangssprachlich Unordnung und Chaos, auch ein ausschweifendes Festgelage. Dieses Bedeutungsfeld ist durchaus passend, um die sozialen und ökologischen Zustände in dieser rauen, von dreckiger Arbeit und zerstörerischen extraktiven Energien dominierten Ressourcenfront zu beschreiben. Das gesamte Gebiet ist in Holzkonzessionen aufgeteilt, von denen die meisten auch aktiv bewirtschaftet werden. Chaos, Gewalt und Zerstörung werden jedoch vor allem mit dem volatilen Goldbergbau in Verbindung gebracht, der im Siedlungsgebiet der Kari’ña weitgehend informell und illegal organisiert ist und immer wieder neue Ströme von Menschen auf der Suche nach Glück und Perspektiven in das Gebiet lockt, darunter viele brasilianische garimpeiros.

Auch indigene Gemeinschaften beteiligen sich vielerorts am Goldgeschäft, verdingen sich in Minen oder haben eigene Kooperativen gegründet. Eine Hinwendung zur Goldsuche lässt sich auch bei den Kari’ña in Imataca beobachten, deutlicher noch unter denen, die sich jenseits der Grenze im ehemals britischen Guyana befinden. Neben gravierenden Umweltschäden verursacht der Abbau von Gold, vor allem durch den Einsatz von hochgiftigem Quecksilber, massive gesundheitliche und soziale Probleme. In jüngster Zeit ist die Region in erster Linie durch alarmierende Nachrichten über Malariaepidemien und extreme Gewaltkonflikte negativ in die Schlagzeilen gerückt.

Chaos und Unordnung ebenso wie exzessive Trinkrituale bestimmen denn auch das durchweg problembehaftete öffentliche Bild der Kari’ña in der Region. Sie werden als schwierig, verschlossen, kulturell verarmt und von sozialem Verfall sichtlich geprägte Gruppe beschrieben, die darüber hinaus schlecht organisiert ist und viel streitet. Unabhängig vom moralischen Gehalt verweisen diese Zuschreibungen auf einen in der Tat seltsam disparaten und schwer fassbaren Zustand hin, der Ausgeliefertsein und Ohnmacht beinhaltet, aber auch aktives Ausweichen und Beharrungsvermögen. Zusammen erzeugt dies eine diffuse Widerständigkeit, eine sperrige Art kultureller Resilienz. So fällt gerade angesichts der räumlichen Nähe zur venezolanischen Gesellschaft ins Auge, wie markant die Kari’ña eine soziale Distanz zu ihr wahren. Hinzu kommt, dass die Kari’ña kaum Ansätze zeigen, sich politisch zu organisieren und die Entwicklungen um sie herum mit einem gewissen Gleichmut hinzunehmen scheinen. Entsprechend wenig sind sie auch in die Netzwerke der venezolanischen Indigenen- und Umweltbewegung eingebunden, wie auch indigene Aktivisten aus der Region immer wieder ernüchtert feststellen müssen.

Die Kari’ña entsprechen also in vielerlei Hinsicht nicht den gängigen Erzählmustern und Bildern, wie sie in Medien, Wissenschaft und Politik über indigene Tropenwaldbewohner produziert und zirkuliert werden. Gerade die Aspekte, die weite Sympathien und Anerkennung zu mobilisieren vermögen – Selbstbestimmung, kulturelle Stärke und vor allem ökologische Weisheit – sind hier nicht ohne Weiteres zu finden oder zu entschlüsseln. Fernab jeglicher Tropenromantik fordert ihre Situation stattdessen dazu auf, sich differenzierter mit ihren sperrigen Realitäten zu beschäftigen und feinfühligere Analysen über die Zusammenhänge von Entwicklung, Kulturwandel und Naturzerstörung zu entwickeln, als sie in dem Bild eines durch Invasion bedrohten Tropenwalds und indigenen Lebensraums transportiert werden. Jenseits einfacher Dichotomien von Natur und Kultur, Tradition und Moderne, Opfer und Widerstand, lokal und global erfordert dies die Berücksichtigung breiterer historischer und politischer Kontexte.

Dabei ändert sich auch der analytische Blick auf natürliche Ressourcen, nämlich weg von der Vorstellung, diese Ressourcen als quasi naturhafte Substanzen mit besonderen Eigenschaften zu sehen, die sie nützlich und wertvoll machen. Vielmehr gilt es jeweils zu bestimmen, wie diese Substanzen als Ressourcen bedeutsam werden. Dies schließt die Betrachtung physischer Stofflichkeit, extraktiver Infrastrukturen und alltäglicher Nutzungspraktiken ebenso ein wie die kultureller Bedeutungsgehalte und gesellschaftlicher Diskurse über Entwicklung, Raum und Nation.[7]

In dieser Perspektive zeigt sich der Tropenwald als dynamische, immer wieder umkämpfte und neu beschriebene Landschaft, in der spezifische und wechselnde Materialitäten (in diesem Fall vor allem Gold, Gummi, Holz, Biodiversität und heute auch CO2) zu symbolisch dominanten Ressourcen werden, die unterschiedliche politische Ökologien hervorbringen. Diese können miteinander konkurrieren, sich überschneiden und sowohl lokale naturräumliche und soziale Verhältnisse als auch staatliche Visionen von Entwicklung prägen.

Mein Blick richtet sich im Folgenden vor allem auf die Ressource Holz. Sie steht im Zentrum eines bis heute besonders wirkmächtigen Naturregimes, in dem auf geradezu erstaunliche Weise Legitimation für staatliches Handeln erzeugt wird. Dabei werden die Wälder im Hinterland Guayanas in einen für die nationale Souveränität und Entwicklung geradezu schicksalhaften nationalen Ressourcenraum transformiert. Die Forstwirtschaft wird in diesem Zuge positiv mit staatlichen Ordnungsdiskursen verknüpft, über die sich der Zugriff des Staates auf dieses Gebiet und seine Ressourcen legitimiert. Die Anerkennung indigener Ansprüche und die Artikulation "anderer Ökologien" werden dadurch erheblich erschwert, wie am Beispiel der Kari’ña deutlich wird.[8]

Fußnoten

1.
Vgl. Michael Flitner (Hrsg.), Der deutsche Tropenwald: Bilder, Mythen, Politik, Frankfurt/M. 2000.
2.
Vgl. Fréderic Achard et al., Determination of Tropical Deforestation Rates and Related Carbon Losses from 1990 to 2010, in: Global Change Biology 8/2014, S. 2540–2554.
3.
Siehe den Beitrag von Jonas Hein in diesem Heft.
4.
Ulrich Brand/Markus Wissen, Imperiale Lebensweise. Zur Ausbeutung von Mensch und Natur im globalen Kapitalismus, München 2017.
5.
Vgl. Martina Grimmig, Goldene Tropen. Die Koproduktion natürlicher Ressourcen und kultureller Differenz in Guayana, Bielefeld 2011.
6.
Vgl. Neil Whitehead, Lords of the Tiger Spirit. A History of the Caribs in Colonial Venezuela and Guyana, Dordrecht 1988.
7.
Vgl. Tanya Richardson/Gisa Weshkalnys, Resource Materialities: New Anthropological Perspectives on Natural Resource Environments, in: Anthropological Quarterly 1/2014, S. 5–30.
8.
Philippe Descola, Die Ökologie der Anderen. Die Anthropologie und die Frage der Natur, Berlin 2014.
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Autor: Martina Grimmig für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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