Ausschnitt aus dem Gemälde "Der Chasseur im Walde" von Caspar David Friedrich aus dem Jahr 1814.

1.12.2017 | Von:
Jonas Hein

Klimaschutz durch Waldschutz? Eine kritische Bilanz nach zehn Jahren REDD+

Auf der UN-Klimakonferenz in Paris 2015 vereinbarte die internationale Gemeinschaft das Ziel, die durch Treibhausgase verursachte globale Erwärmung auf weniger als zwei Grad Celsius im Vergleich zur vorindustriellen Zeit zu begrenzen. Der Schutz von Wäldern gilt als zentral für das Erreichen dieser Vorgabe. Wälder sind aufgrund einer Vielzahl von Eigenschaften relevant für das Klima sowie für die Fähigkeit des Menschen, sich gegenüber Klimaveränderungen anzupassen. So beeinflussen sie etwa die lokale Wasserverfügbarkeit: Waldböden können vergleichsweise viel Wasser aufnehmen und ermöglichen daher die Grundwasserneubildung.[1] Dadurch kann Wald Auswirkungen von Dürren abmildern. Ferner wirken Wälder abkühlend auf ihre unmittelbare Umgebung. Es ist nachgewiesen, dass die Entwaldung auf der indonesischen Insel Sumatra in den vergangenen 16 Jahren zu einem Anstieg der Tagestemperatur um 1,05 Grad Celsius geführt hat. Dieser lokale Temperaturanstieg übersteigt die Effekte der globalen Erwärmung deutlich.[2]

Waldschutz, die Restauration degradierter Wälder und die Wiederaufforstung ehemals bewaldeter Flächen könnten bis zu 50 Prozent der für das Zwei-Grad-Ziel notwendigen Nettoreduktionen von Treibhausgasemissionen ausmachen.[3] Um Treibhausgasemissionen zu vermeiden, die durch Entwaldung ausgelöst werden, ist im Rahmen der internationalen Klimapolitik in den 2000er Jahren ein internationaler Mechanismus geschaffen worden: REDD+ (Reducing Emissions from Deforestation and Degradation, and the Role of Conservation, Sustainable Management of Forests and Enhancement of Forest Carbon Stocks in Developing Countries) soll durch Finanztransfers aus dem globalen Norden in den Süden Anreize für den Waldschutz schaffen.

Grundgedanke von REDD+

Die Idee, durch finanzielle Anreize Maßnahmen für den Erhalt von Wäldern zu stimulieren, basiert im Wesentlichen auf marktbasierten Naturschutzkonzepten. Diese gehen davon aus, dass Umweltprobleme entstehen, weil negative Externalitäten von Produktionsprozessen, wie etwa Treibhausgasemissionen, nicht mit Kosten verbunden sind. Wenn diese jedoch beispielsweise durch die Einführung von Kohlenstoffmärkten in das Marktsystem integriert würden, ließen sich Umweltprobleme lösen, so die Lehrmeinung der Umweltökonomik.[4]

Das Konzept sieht vor, dass Akteure, wie in diesem Fall Waldbesitzer, für Landnutzungspraktiken, die zum Erhalt von Ökosystemdienstleistungen beitragen, Zahlungen von denjenigen Akteuren erhalten, die auf diese Leistungen angewiesen sind – beispielsweise Unternehmen, die aufgrund von gesetzlichen Vorschriften ihren Treibhausgasausstoß kompensieren müssen. Um den Handel mit vermiedenen Emissionen auf Kohlenstoffmärkten zu ermöglichen, werden Emissionsreduktionen, die durch bestimmte Landnutzungspraktiken wie den Waldschutz entstehen, in handelbare Zertifikate umgewandelt. Daraus folgt, dass Ort und Art der Emissionsvermeidung irrelevant werden. Ob sie nun durch Investitionen in erneuerbare Energien oder aus Waldökosystemen gewonnen wurden – die Zertifikate sind eine gleichwertige und homogene Ware, deren Wert alleine durch die vermiedenen Emissionen errechnet wird.

Zahlungen für Ökosystemdienstleistungen und die Idee der Kompensation für entstandene Umweltschäden sind die Grundlage von REDD+. Der Mechanismus wurde als Win-win-Lösung bezeichnet, die es erlaube, sowohl kosteneffizient Treibhausgase einzusparen als auch die ländliche Entwicklung zu fördern und die Artenvielfalt zu schützen.[5] Folglich zeigten anfangs sowohl Regierungen im globalen Norden, insbesondere Deutschlands, der USA und Norwegens, als auch im Süden sowie Unternehmen wie der Erdölkonzern BP großes Interesse an der Idee.

Kritische Stimmen stellten infrage, inwieweit finanzielle Anreize tatsächlich zu zusätzlichem Waldschutz führen, und warnten, dass REDD+ Landnutzungskonflikte verschärfen könnte, anstatt zur ländlichen Entwicklung beizutragen. Darüber hinaus wurde kritisiert, dass durch REDD+ die Verantwortung, Treibhausgasemissionen zu reduzieren, in den globalen Süden abgeschoben werde, statt darauf hinzuwirken, dass Emissionen in den Weltregionen reduziert werden, in denen sie überwiegend entstehen.

REDD+ und die Klimarahmenkonvention

REDD+ geht auf die 11. Vertragsstaatenkonferenz der Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen (UNFCCC) 2005 in Montreal zurück. Dort wurde auf Initiative von Costa Rica und Papua-Neuguinea erstmals über einen Kompensationsmechanismus zur Reduzierung von Emissionen durch Entwaldung in Entwicklungsländern (RED) diskutiert. Zwei Jahre später wurde dieser im Rahmen der 13. Vertragsstaatenkonferenz 2007 in Bali um Maßnahmen zur Verringerung der Waldschädigung sowie zum Walderhalt, zur Verbesserung der Kohlenstoffspeicherfunktion von Wäldern und zur nachhaltigen Waldbewirtschaftung erweitert. Aus RED wurde REDD+, und der Mechanismus wurde in die Bali Roadmap aufgenommen, die den Weg zu einem Nachfolgeabkommen zum Kyoto-Protokoll zur UNFCCC vorgeben sollte, in dem 1997 erstmals verbindliche Zielwerte für die Eindämmung von Treibhausgasemissionen in den Industriestaaten festgelegt worden waren.

Die ersten weitreichenden Vereinbarungen zum REDD+-Mechanismus wurden 2010 auf der 16. Vertragsstaatenkonferenz in Cancun getroffen. Die sogenannten Cancun-Vereinbarungen fordern Entwicklungsländer zur Formulierung nationaler Strategien zur Reduktion von Entwaldung und Waldschädigung auf sowie Industrieländer, diese Prozesse finanziell zu unterstützen. Zugleich legen sie erstmals soziale und ökologische Richtlinien fest, die Cancun Safeguards, die beispielsweise betonen, dass REDD+ zur Armutsminderung beitragen soll und Rechte und Wissen von indigenen Gruppen und lokalen Gemeinschaften bei den Maßnahmen zu respektieren sind. Ihre rechtliche Verbindlichkeit gilt aber zumindest als umstritten.[6]

2013 wurde auf der Klimakonferenz in Warschau der rechtliche Rahmen für REDD+ in einer internationalen Vereinbarung abgesteckt, die Wald- und Klimaschutz verbindet. Diese sieht beispielswiese vor, dass Entwicklungsländer die Cancun Safeguards im Rahmen ergebnisbasierter Zahlungen umsetzen sollen. Finanztransfers erfolgen also nur dann, wenn die Entwaldung zuvor messbar reduziert wurde. Es bleibt allerdings offen, welche Länder sich an den Finanztransfers beteiligen. Letztendlich ist daher die Frage ungeklärt, wie der Waldschutz und die Bekämpfung der Entwaldung in Entwicklungsländern finanziert werden sollen.

Fußnoten

1.
Vgl. Jennifer Merten et al., Water Scarcity and Oil Palm Expansion: Social Views and Environmental Processes, in: Ecology and Society 2/2016, http://www.ecologyandsociety.org/vol21/iss2/art5«.
2.
Vgl. Clifton R. Sabajo et al., Expansion of Oil Palm and Other Cash Crops Causes an Increase of Land Surface Temperature in Indonesia, in: Biogeosciences 14/2017, S. 4619–4635.
3.
Vgl. Richard A. Houghton/Brett Byers/Alexander Nassikas, A Role for Tropical Forests in Stabilizing Atmospheric CO2, in: Nature Climate Change 12/2015, S. 1022f.
4.
Vgl. Graciela Chichilnisky/Geoffrey Heal (Hrsg.), Environmental Markets: Equity and Efficiency, New York 2000; Stefanie Engel/Stefano Pagiola/Sven Wunder, Designing Payments for Environmental Services in Theory and Practice: An Overview of the Issues, in: Ecological Economics 4/2008, S. 663–674.
5.
Vgl. Nicholas Herbert Stern, The Economics of Climate Change, Cambridge 2007.
6.
Vgl. Chris Lang, The Cancun Agreement on REDD: Four Questions and Four Answers, 18.12.2010, http://www.redd-monitor.org/2010/12/18/the-cancun-agreement-on-redd-four-questions-and-four-answers«.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/ Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Jonas Hein für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.