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26.5.2002 | Von:
Karl Wilhelm Fricke

Memoiren aus dem Stasi-Milieu

Eingeständnisse, Legenden, Selbstverklärung

II. Aufschlussreiche Eingeständnisse

Ein Vergleich der Memoiren ergibt viel Übereinstimmung in Erfahrungen und Erkenntnissen der drei Ex-Generäle, was nicht überrascht, denn alle drei standen jahrzehntelang im Dienst des MfS. Das prägt Gesinnung und Mentalität. Selbstverständlich waren alle drei auch Mitglieder der SED. Generell beklagen sie nicht ohne Larmoyanz ihre Enttäuschung über die Russen, speziell über die "sowjetischen Tschekisten", die "Freunde" vom KGB, weil sie sich von ihnen verraten und verkauft fühlen. Wolf wollte es trotz seiner "wachsenden Zweifel an Gorbatschow" lange Zeit "nicht für möglich halten, dass der Erste Mann der Sowjetunion deren engste Freunde und Verbündete sang- und klanglos ihrem Schicksal überlassen könnte" [16] . Für Schwarz war es "nur schwer zu begreifen, warum Gorbatschow im Herbst 1989, wenn auch nicht verbal, so doch in der Tat, sich mehr und mehr vom Sozialismus lossagte und schließlich die DDR fallen ließ" [17] . Auch für Großmann war, "es bitter, von den ,sowjetischen Freunden' in Moskau im Stich gelassen zu werden" [18] .

Als im Kreml die Stimmung längst umgeschlagen war, hofften die DDR-Geheimdienstler in Ostberlin noch immer auf das Wunder aus Moskau: "Wir glauben unerschütterlich an den Einfluss und die Kräfte der UdSSR. Sie wird die DDR niemals aufgeben" [19] , bekennt Großmann. "Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass die Sowjetunion helfen wird, personelle und damit politische Veränderungen in der DDR herbeizuführen." [20] Ohne Näheres erwähnt er "mehrere Zusagen", aber sie werden nicht eingehalten. "Wir glauben . . . fest an die ,unverbrüchliche Freundschaft' zu und die ,feste Kampfgemeinschaft' mit unseren ,sowjetischen Freunden'", schreibt er in hölzernem Stasi-Jargon. "Doch die Würfel sind längst gefallen. In einer Beratung des ZK der KPdSU mit Michail Gorbatschow am 26. Januar 1990 hatte Krjutschkow [21] kühl festgestellt, dass die DDR nicht mehr zu halten sei." [22] Nicht ohne Resignation gelangt Wolf schließlich zu folgendem Resümee: "Die DDR war zu Stalins Zeiten Objekt sowjetischer Interessen gewesen, und sie blieb es unter Chruschtschow, Breshnew, Andropow, Tschernjenko, bis Gorbatschow sie der NATO überließ." [23]

Den Untergang der DDR haben die ehemaligen Generäle für undenkbar gehalten. Sie setzten bis zuletzt auf die Führung der SED und ihre Verjüngung, auf eine von ihr ausgehende Erneuerung in Herrschaft und Gesellschaft. "Letztlich reduziert sich aber alles auf den Glauben, dass vor allem personelle Veränderungen an der Spitze erforderlich sind, um den Weg für Reformen frei zu machen. Wir hoffen auf die biologische Lösung und auf Aktivitäten jüngerer Kräfte, wie eben Egon Krenz." [24] Die Elite der Staatssicherheit hoffte, aber sie wartete untätig.

Heute sind Schuldzuweisungen an der Tagesordnung. Auf den revolutionären Herbst '89 bezogen, räsoniert Schwarz: "Wir wurden von unserer Regierung, die zwar erst wenige Tage im Amt war, aber trotzdem die Verantwortung für die innere Sicherheit hatte, genauso im Stich gelassen, wie von Krenz während der überstürzten Öffnung der ,Mauer'. Man überließ uns ganz allein die Verantwortung." [25] Hieraus will er auch erklären, warum die Staatssicherheit dem Geschehen kampflos zusah: "Wir wollten die Waffen nicht gegen das Volk einsetzen! Das hätte unseren moralischen und politischen Auffassungen und unserer Erziehung widersprochen. Andererseits waren wir auch nicht bereit, eine Führung zu verteidigen, die sich mehr und mehr als unfähig erwiesen hatte, die anstehenden Probleme zu lösen. Sie hatte die Macht bereits verspielt." [26]

Die Frage, warum von der Staatssicherheit keinerlei Impulse zur Reform des Regimes ausgingen, lässt sich aus den Memoiren mit zwei Hinweisen beantworten. Zum einen war die Stasi-Repressionselite von absoluter Ergebenheit gegenüber der SED erfüllt. Auch die drei ehemaligen Generäle waren gläubige Kommunisten, die nichts ohne Weisung der Partei zu tun gewohnt waren. "Das MfS handelt im Auftrag der Politik. Es ist kein Staat im Staate, sondern Machtinstrument der herrschenden Partei, ihr Schild und Schwert, wie Mielke oftmals betont hat. Die jeweils Mächtigen entziehen sich später der Verantwortung, dies laut zu sagen. Honecker, Krenz und später auch Modrow." [27] Zum anderen mangelte es ihnen an Mut und Zivilcourage. Großmann räumt das heute offen ein: "Uns fehlt der Mut. Wir sind verstrickt in Parteiräson, Parteidisziplin und in die Angst vor persönlichen Nachteilen, eingebunden in die starren Strukturen, Teil des Ganzen, letztlich aber isoliert vom Ganzen. Trotzdem glauben wir unverdrossen an den Fortbestand der DDR." [28]

Im Gegensatz zu seinem Nachfolger will Wolf an die Reformfähigkeit des Systems gar nicht erst geglaubt haben. Mangelnde Courage, eine eigene Meinung zu vertreten, hätte ihn mitnichten gelähmt, behauptet er. "Es war vielmehr der Zweifel, in dem System, wie es beschaffen war, durch offenes Opponieren etwas Sinnvolles bewirken zu können. Wie viele meiner Freunde scheute ich davor zurück, heilige Kühe wie die in der Verfassung festgeschriebene führende Rolle der Partei anzutasten." [29]

Großmann hat Wolfs "oppositionelle" Zweifel freilich nie wahrgenommen. "Wann stemmte er sich gegen das System, wann versuchte er, uns zu einer widerständigen Haltung zu bewegen? Oder meint er etwa die unverbindlichen Gespräche, in denen wir uns über die desolate Innen- und Wirtschaftspolitik der Partei- und Staatsführung aufregten oder über ihre Haltung zur Sowjetunion?" [30] Die Fragen stellen heißt, sie zu beantworten.

Auch in anderer Hinsicht ist Großmann ehrlicher als Wolf, der stets darauf bedacht ist, die HV A als weniger belastet darzustellen als die Diensteinheiten der Abwehr - so als ob nicht auch die Aufklärung in die innere Repression eingebunden gewesen wäre. "Wir gehören zum MfS und unterliegen allen Befehlen und Weisungen, auch denen zur Bekämpfung der Opposition", räumt Großmann vorbehaltlos ein. "Natürlich arbeiten wir mit den Diensteinheiten der Abwehr zusammen, gewähren Diensthilfe entsprechend der jeweiligen Aufgaben. Wenn wir etwas über Fluchthilfeunternehmen erfahren, geben wir das weiter. Ebenso informieren wir die Spionageabwehr . . . Unsere DDR-IM sind angehalten, auch Informationen für die Abwehr zu erarbeiten." [31] Das ist ein Eingeständnis mit Seltenheitswert, auch wenn es das Zusammenwirken von Abwehr und Aufklärung im MfS keineswegs in vollem Umfang erfasst.

Kritisches zum System der DDR wird, wenn überhaupt, in den Memoiren nur in kleiner Dosierung formuliert und zumeist mit der Tendenz, der Partei die politische Verantwortung für das Tun der Staatssicherheit zuzuweisen. "Der politische Druck, den ,Klassenfeind' vor allem mit strafrechtlichen Mitteln zu bekämpfen, ging vor allem von einigen führenden Funktionären der SED aus, die besonders in der Abstiegsphase der DDR weder gewillt noch in der Lage waren, sich mit abweichenden Meinungen auseinander zu setzen." [32] Schwarz beschreibt damit die Einstellung der Politbürokratie nicht nur in der von ihm so genannten Abstiegsphase, sondern zu jeder Zeit der DDR, und es mutet ein wenig blauäugig an, milde geurteilt, wenn er auf die falsche Sicherheitsdoktrin des MfS verweist. Ihrem Wesen nach hätte sie in der Erwartung an das MfS bestanden, "dass es jederzeit die Lage im Lande so beherrschte, dass es nirgends Überraschungen geben konnte. Es entwickelte sich eine Atmosphäre der Intoleranz, die dazu führte, dass aus dem ,Klassenfeind' ein Gespenst gemacht wurde, das überall saß" [33] .

Vor allem konnte das Gespenst des "Klassenfeinds" beschworen werden, wenn wirklich etwas passiert war im Staat der SED. Rückblickend bringt auch Großmann dasselbe Argument vor, wenn er das Sicherheitsdenken des MfS als "Staats- und Parteidoktrin" definiert. "Der Unfehlbarkeitsanspruch der Parteiführung, alles für das Volk zu tun, die beschworene politisch-moralische Einheit zwischen Volk und Partei ließ einfach nicht zu, Kritik zu tolerieren, sie als produktiv für die Gesellschaft anzusehen. Zweifel an der realen Politik konnten nur vom Klassenfeind kommen. Damit wurde es eine Angelegenheit der Staatssicherheit." [34] Das ist zweifellos richtig gesehen, aber es ist zu rekapitulieren, dass die Entscheidungsträger in der Zentrale wie die Bezirkschefs des MfS jahrzehntelang genau nach dieser Sicherheitsdoktrin gehandelt haben, mit der Konsequenz, dass Ursachen dort gesucht wurden, wo keine zu finden waren.

Der Einfachheit halber wurde der "Klassenfeind" zumeist im Westen geortet. Auch die Opposition in der DDR galt als fremdgesteuert. "Politisch differenziert mit Oppositionellen umzugehen ist Mielkes Sache nicht. Er sieht nur die eine Möglichkeit, sie konsequent zu bekämpfen. Für ihn steht fest, dass sie alle von außen beeinflusst und gesteuert werden." [35]

Die einst goldbetressten früheren Stasi-Generäle ließen sich von Mielke widerspruchslos auch die fixe Idee von der "politisch-ideologischen Diversion" oktroyieren. Erst heute wird sie von ihnen verworfen: "Dass sich hinter dem Terminus ,ideologische Diversion' Elemente polizeistaatlichen Denkens verbargen, ist unbestreitbar." [36] Auch Wolf ringt sich nun zu einer kritischen Wertung durch: " ,Politisch-ideologische Diversion' - der deutschen Abkürzungssucht folgend PID genannt - wurde zu einem bestimmten Element der Sicherheitsdoktrin und zur Grundlage der verfassungs-widrigen Repression Oppositioneller, PID war die entscheidende Waffe, mit der die Dogmatiker ihre verkrustete Macht behaupteten, bis sie zerbrach." [37]

Als nicht minder aufschlussreich erscheint die Sicht auf die Opposition der DDR, wie sie die Memoiren der Stasi-Veteranen heute freigeben. Auch da lässt sich Schwarz als Kronzeuge aufrufen: "Eine Öffentlichkeit für Kritik gab es kaum", offenbart er. "Ein Zeichen für mangelnde Demokratie war auch eine Intoleranz, die leicht eine andere Meinung als feindlich abqualifizierte. Statt sich mit diesen Meinungen auseinander zu setzen, wurde von den Sicherheitsorganen erwartet, dass sie solche Probleme mit ihren Mitteln lösen sollten" [38] , was sie denn auch lange Zeit getan haben. Wenn Schwarz allerdings unterstellt, dass mancher "ja erst durch die Bearbeitung durch das MfS eine Bedeutung als Oppositioneller" erhielt, "die er in Wirklichkeit gar nicht hatte", wenn er vom "so genannten Widerstand" spricht und "die vielen selbst ernannten Opfer" verhöhnt, wenn er Stasi-Auflöser erfindet, "die behaupteten, 40 Jahre lang verfolgt worden zu sein, auch wenn sie erst 25 Jahre alt waren" [39] , so belegt er damit nur seine Befangenheit in anachronistischem Feindbilddenken.

Fußnoten

16.
M. Wolf (Anm. 8), S. 15.
17.
J. Schwarz (Anm. 10), S. 16.
18.
W. Großmann (Anm. 11), S. 208.
19.
Ebd., S. 167.
20.
Ebd., S. 160.
21.
Wladimir Alexandrowitsch Krjutschkow war von 1988 bis 1991 Chef des KGB.
22.
Ebd., S. 206.
23.
M. Wolf (Anm. 8), S. 124.
24.
W. Großmann (Anm. 11), S. 167.
25.
J. Schwarz (Anm. 10), S. 8.
26.
Ebd., S. 91.
27.
W. Großmann (Anm. 11), S. 170.
28.
Ebd., S. 171.
29.
M. Wolf (Anm. 8), S. 486.
30.
W. Großmann (Anm. 11), S. 115.
31.
Ebd., S. 130.
32.
J. Schwarz (Anm. 10), S. 140.
33.
Ebd., S. 86.
34.
W. Großmann (Anm. 11), S. 178.
35.
Ebd., S. 159.
36.
J. Schwarz (Anm. 10), S. 88.
37.
M. Wolf (Anm. 8), S. 126.
38.
Ebd., S. 23.
39.
J. Schwarz (Anm. 10), S. 140, 89, 90 und 75.