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26.5.2002 | Von:
Karl Wilhelm Fricke

Memoiren aus dem Stasi-Milieu

Eingeständnisse, Legenden, Selbstverklärung

III. Selektive Wahrheiten

Ein Prüfstein für die kritische und selbstkritische Sicht auf die Staatssicherheit ist die heutige Einstellung zur Arbeit mit Inoffiziellen Mitarbeitern (IM). Von einer ausdrücklichen Verurteilung jener "flächendeckenden Überwachung größerer Personenkreise" [40] , wie sie die Regierung Hans Modrow am Zentralen Runden Tisch in Ostberlin in der Sitzung vom 15. Januar 1990 erklären ließ, ist in den Erinnerungen von Großmann, Schwarz und Wolf nichts zu finden. Sie rechtfertigen und verklären im Gegenteil die Spitzeltätigkeit der Staatssicherheit.

Schwarz nimmt sie ausdrücklich in Schutz - die ehemaligen IM: "Das waren in der Regel Menschen, die freiwillig und in der Überzeugung, einer guten Sache zu dienen, für das MfS tätig waren. . . . Selbstverständlich diente die Zusammenarbeit mit inoffiziellen Mitarbeitern auch der Erforschung von Stimmungen und politischen Meinungen in der Bevölkerung und der politischen Haltung leitender Staats- und Wirtschaftsfunktionäre." Für ihn ist die Sache einfach. Er geriert sich geradezu als "Erfinder des ehrbaren Spitzels", wenn er schreibt: "Nach möglicherweise ehren-haften Motiven für eine Zusammenarbeit mit dem MfS wird nicht gefragt, da es die nach heutigem Verständnis nicht geben kann." [41] Die Frage, warum Stasi-Spitzel nicht erst neuerdings, sondern von jeher in der DDR verachtet wurden, beantwortet der ehemalige General nicht. Er stellt sie sich nicht einmal.

Der Verklärung der IM steht die Heroisierung der "Kundschafter an der unsichtbaren Front" gegenüber. Großmann stilisiert sie weithin zu Überzeugungstätern. "Die Mehrzahl der IM verpflichtete sich zur Zusammenarbeit mit uns aus politischen, zum Teil aus ideologischen Motiven. Sicher erhielten sie auch finanzielle Zuwendungen, Aber ausschließlich wegen des Geldes haben nicht viele gearbeitet, keiner nur unter Druck, einige aber unter fremder Flagge." [42] Das wäre, wozu hier nicht der Ort ist, empirisch zu widerlegen. Längst ist erwiesen, dass die Agenten und Spione der HVA bei weitem nicht immer Überzeugungstäter waren. Es ist auch viel Geld geflossen, gutes Westgeld. Selbst viel gepriesene West-IM wie Gabriele Gast (IM "Gisela") oder Rainer Rupp (IM "Topas") haben sich beachtliche materielle und finanzielle Vorteile gefallen lassen - von Klaus Kuron (IM "Berger" und "Stern"), der eine Gesamtsumme von annähernd 700 000 DM kassierte, ganz zu schweigen.

Zu den wenigen Neuigkeiten, die den Memoiren zu entnehmen sind, gehören die Enthüllungen über Stasi-Aktivitäten in Polen. Die legale Arbeit des MfS in dem "sozialistischen Bruderland" wurde im Wesentlichen von der HVA und von der Hauptabteilung II (Spionageabwehr) wahrgenommen. Außerdem arbeitete der polnische Sicherheitsdienst mit der Hauptabteilung VI im MfS zusammen, die für Passkontrolle, Fahndung an Grenzkontrollpunkten und Sicherung des grenzüberschreitenden Reiseverkehrs zuständig war. Nicht selten kooperierten auch die Untersuchungsorgane beider Sicherheitsapparate, wenn dies sachlich geboten schien.

In der Hauptsache ging es dem MfS um die Abschirmung der DDR-Vertretungen in Polen und um das operative Zusammenwirken in beiderseitige Interessen berührenden Spionageoperationen, ferner um die gemeinsame Bekämpfung von "Republikflucht" und Fluchthilfe auf dem Territorium Polens. In Warschau, wo der Schwerpunkt seiner Aktivitäten lag, unterhielt das MfS legal eine "operative Gruppe" mit Zweigstellen in Danzig, Stettin, Kattowitz und Breslau.

Mit der dramatischen Zuspitzung der innenpolitischen Entwicklung in dem östlichen Nachbarstaat 1980/81 verstärkte das MfS sein geheimdienstliches Engagement - veranlasst durch die Beunruhigung der Führung der SED über die innere Entwicklung in Polen. Die Furcht, das "polnische Virus" könnte auf die DDR überspringen, also das Beispiel der "Solidarnos!!!Kultura. Zugleich hatten wir den Auftrag, uns in Polen selbst um eine eigene Beurteilung der Lage zu bemühen." [43] In der Tat sammelte die Stasi-Aufklärung in Polen auch konspirativ Informationen durch Einsatz deutscher und polnischer IM und "beriet" den polnischen Sicherheitsdienst im Kampf gegen die "Solidarnosc".

Fußnoten

40.
"Seit 1985 ,flächendeckende' Überwachung angestrebt." Zwischenbericht über den Stand der Auflösung des ehemaligen Amtes für Nationale Sicherheit, zit. in: K. W. Fricke (Anm. 14), S. 188-195 hier S. 189.
41.
J. Schwarz (Anm. 10), S. 33 und 153.
42.
W. Großmann (Anm. 11), S. 244.
43.
M. Wolf (Anm. 8), S. 335.