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26.5.2002 | Von:
Karl Wilhelm Fricke

Memoiren aus dem Stasi-Milieu

Eingeständnisse, Legenden, Selbstverklärung

V. Kein Grund zur Geschichtsrevision

Die Geschichte der DDR muss nicht umgeschrieben werden, auch nicht die Geschichte des MfS. Die Stasi-Memoiren liefern keinerlei Grund zur Geschichtsrevision, es sei denn, biographische Details finden sich darin, Persönliches, freilich nicht fehlerfrei. Etwa Wolfs Version vom Führungswechsel Ulbricht/Honecker deckt sich nicht mit wissenschaftlich fundierten Forschungsergebnissen. Nicht einmal das Datum nennt er richtig. "Auf dem VIII. Parteitag der SED im Juni 1971 wurde Honecker die Macht anvertraut" [48] , schreibt er. Tatsächlich vollzog sich dieser Wechsel entsprechend einer zwei Monate zuvor in Moskau getroffenen Absprache mit Leonid Breshnew am 3. Mai 1971 - und Schauplatz des Vollzugs war die 16. Plenartagung des ZK der SED und nicht der VIII. Parteitag, der vom 15. bis 19. Juni 1971 in Ostberlin abgehalten wurde. Eine marginale Ungenauigkeit, gewiss, aber nicht die einzige und insoweit ein Indiz dafür, wie unpräzise Wolf im Detail ist.

Gemeinsam ist den drei Ex-Generälen, dass ihre Erinnerungen kein Schuldbewusstsein reflektieren. Wolf bekennt sich immerhin zu seiner Mitverantwortung. "Wenn ich mich entschieden gegen Versuche wehre, die Geschichte der DDR zu kriminalisieren und ihre antifaschistischen Ursprünge zu leugnen, kann ich dennoch meinen Anteil an der Verantwortung für die Schattenseiten ihres Systems und für die Ursachen ihres Scheiterns nicht abstreiten. Durch meine Position und meine Tätigkeit war ich Teil dieses Systems, nahm ich an der Macht teil. Mit der Macht umzugehen bedeutet aber immer, Verantwortung für ihren Missbrauch, auch durch andere, auf sich nehmen zu müssen." [49] Jedes Unrechtsbewusstein ist ihm und seinen Genossen von einst fremd. Letztlich gleichen die Memoiren der drei Ex-Generäle Rechtfertigungsschriften in eigener Person und Sache.

An ihrer Rechtfertigung werkelten auch 23 ehemalige Stasi-Generäle und Obristen, die sich unlängst mit einer "Erklärung ehemaliger MfS-Verantwortlicher gegen die permanenten Hexenjagden auf Inoffizielle Mitarbeiter" [50] zu Wort meldeten, um sich unter Schmähung ihrer Opfer von einst für eine Ehrenrettung ihrer Inoffiziellen Mitarbeiter von einst einzusetzen. Aktueller Anlass war ihnen "die jetzige Kampagne gegen die ehemaligen Inoffiziellen Mitarbeiter des MfS, die im MDR arbeiten". Sie unterstellten - wohlgemerkt - eine Kampagne und gaben sich empört. "Ausgegrenzt, verunglimpft und beleidigt" würden sie, die ehemaligen IM, dabei hätten sie "eine ehrenhafte diskrete Aufgabe übernommen", sie wären "unverzichtbar" gewesen für die Staatssicherheit. "Sie haben nicht aus Geldgier ,gespitzelt', auch nicht aus Karrieregründen. Sie waren von der Notwendigkeit der Sicherung ihres Staates überzeugt, erfüllten Verfassungspflichten und trugen zur Einhaltung der Gesetze bei." Es sind die gleichen Argumentationsmuster wie in den Stasi-Memoiren. Zum Teil stimmen sie bis in Formulierungen hinein überein. Josef Schwarz ist einer der Mitunterzeichner. War er auch ein Mitverfasser?

Die Erklärung der Stasi-Veteranen dokumentiert gleichsam, dass sie die Zeit für reif halten, aus ihren Schlupfwinkeln hervorzukommen und offen zur politischen Offensive überzugehen. Dass sich ihr hernach mehr als sechzig weitere ehemalige Generäle und Offiziere des MfS öffentlich angeschlossen haben, gibt zu vermuten, wie gut die alten Seilschaften noch funktionieren. Sollte sie die ihnen vom Bundesverfassungsgericht zuerkannte, vom Bundestag beschlossene, häufig mit erklecklichen Nachzahlungen verbundene Rentenerhöhung ermutigt haben?

Wie provokativ sie argumentieren, belegt nicht zuletzt folgender Passus aus der Erklärung: "Unter Verwendung von falschem Zahlenmaterial, Verdrehung von Sachverhalten und Erfindung von Schauermärchen wird versucht, die DDR als Unrechtsstaat darzustellen, und der Anschein erweckt, dass die Bürger der DDR flächendeckend überwacht und bespitzelt wurden." Die Affinität zu den Memoiren ist hier unverkennbar.

Einmal mehr hat der Vorgang zudem demonstriert, dass sich Medien finden - sei es auch nur die "Junge Welt" -, die den Stasi-Altkadern ein öffentliches Forum bieten. Es war ja nicht damit getan, dass die ehemalige Zeitung der FDJ den Text druckte. Er wurde von vielen Zeitungen zumindest auszugsweise zitiert, er wurde ins Internet gestellt und war Gegenstand von Rundfunkkommentaren. Die Nomenklatura des MfS von ehedem hatte öffentliche Beachtung gefunden. In einer freien Mediengesellschaft ist das möglich, aber es ist gleichwohl unerträglich, dass sich die Verfolgten von einst, die Opfer der Diktatur, von ihren Verfolgern von einst pauschal und ungestraft als "Spione", "kriminelle Menschenhändler", "Terroristen" und "Feinde der DDR" verunglimpfen und beschimpfen lassen müssen in einem Jargon, der nur allzu gut noch in unguter Erinnerung ist.

Die Notwendigkeit einer differenzierten Auseinandersetzung mit der Vergangenheit des MfS - das machen die Erklärung wie die Memoiren aus dem Stasi-Milieu bewusst - ist nicht nur eine historische Frage, sondern ein Erfordernis von politischer Aktualität. Dabei ist festzustellen, dass die Ex-Stasi-Generäle zu einem Wort des Bedauerns über begangenes Unrecht unfähig sind. Dazu fehlt es ihnen an innerer Souveränität. Wer umgekehrt die Geschichte des MfS kritisch aufarbeitet, der versucht die DDR nachträglich zu "kriminalisieren". Das ist ihre Logik.

In ihrer Selbstüberschätzung haben sie bis heute nicht verwinden können, dass die von ihnen einst geschützte "sicherste DDR der Welt" so ruhmlos untergegangen ist. Gewiss sind sie überfordert, schon aus Gründen der Selbstachtung, Einsichten in die Ursachen für das Scheitern des realen Sozialismus zu gewinnen. Der Abschied von der Ideologie, an die sie ein Leben lang geglaubt haben, die ihnen nicht Dogma, sondern Anleitung zum Handeln war, würde den totalen Bruch mit ihrer eigenen Biographie zur Folge haben.

Daher bekennen sie sich als nach wie vor Gläubige. "Das Scheitern des Sozialismus, wie er von der SED-Führung verstanden wurde, und die Ereignisse des Jahres 1989/90 beweisen nicht, dass die Theorie von Marx und Lenin falsch ist" [51] , beteuert Schwarz. Großmann formuliert seine Hoffnung zurückhaltender, verklausuliert. "Die Niederlage, die ich akzeptieren muss, betrifft nicht nur den Aufklärungsdienst, sie betrifft vor allem Dingen meine Vorstellung von dieser Welt, die Sehnsucht vieler Menschen nach dauerhaftem Frieden, nach sozialer Gerechtigkeit, nach einer sicheren Zukunft. Zugegeben, der realexistierende Sozialismus in der DDR und in anderen Ländern überdeckte in vielen Bereichen diese Vision. Doch sie wird ihre Kraft wieder zurückgewinnen." [52] Auch Wolf lässt seine Memoiren mit einem Credo ausklingen. "Der Kalte Krieg ist zu Ende, ein Modell des Sozialismus, dessen Beginn mit großen Hoffnungen verbunden war, ist gescheitert, doch meine Ideale habe ich nicht verloren." Und ein wenig prätentiös zitiert er Jean Ziegler, der "seinem Buch über die Unsterblichkeit des Marxismus den Titel gab: A demain, Karl - bis morgen, Karl" [53] . Die Utopie als Trost?

Zu bereuen haben sie nichts, die ehemaligen Generäle aus dem Staatssicherheitsdienst im Staat der SED. Sie sind sogar noch immer "stolz" auf ihr Tun in Geheimpolizei und Geheimdienst, aber sie vergessen, dass sie im Auftrag einer Diktatur gehandelt haben, die durch das Volk zu ihrem Ende gebracht wurde.

Fußnoten

48.
M. Wolf (Anm. 8), S. 256.
49.
Ebd., S. 485.
50.
Junge Welt, Nr. 66 vom 19. März 2001, S. 6.
51.
J. Schwarz (Anm. 10), S. 71.
52.
W. Großmann (Anm. 11), S. 315.
53.
M. Wolf (Anm. 8), S. 488.