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26.5.2002 | Von:
Elisabeth Noelle-Neumann
Thomas Petersen

Zeitenwende Der Wertewandel 30 Jahre später

Es ist rund 30 Jahre her, dass traditionelle bürgerliche Werte in der Bevölkerung rasch an Bedeutung verloren. Sie waren bis dahin 250 Jahre lang unangefochten geblieben.

Einleitung

"Wenn eine Seite nun besonders hervortritt", schrieb Goethe mit Blick auf den Charakter öffentlicher Diskussionen, "sich der Menge bemächtigt und in dem Grad sich entfaltet, dass die entgegengesetzte sich in die Ecke zurückziehen und für den Augenblick im Stillen verbergen muss, so nennt man jenes Übergewicht den Zeitgeist, der dann auch eine Zeitlang sein Wesen treibt." [1] Man mag sich fragen, welche Zeitspanne Goethe wohl vor Augen hatte, als er von "einer Zeitlang" schrieb. Ob er vielleicht an einen Zeitraum von 30 bis 40 Jahren dachte?

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  • Es ist rund 40 Jahre her, dass eine gesellschaftliche Entwicklung sichtbar wurde, die bereits ein Jahrzehnt vorher, in den frühen fünfziger Jahren, ihren Anfang genommen hatte und ein Jahrzehnt später, Ende der sechziger Jahre, zur Abkehr von teilweise seit Jahrhunderten unangefochtenen Wertvorstellungen führen sollte. Die ersten Anzeichen der neuen Zeit waren Veränderungen in scheinbar harmlosen Details des Alltagslebens. Die Wohnungen der Menschen wandelten sich. Die Möbel, die trotz aller Änderungen der Mode in einer Tradition standen, die mindestens bis in das frühe 19. Jahrhundert zurückreichte, machten im Laufe der fünfziger Jahre rasch neuen, vom Bauhaus inspirierten Formen Platz, die einen Bruch mit dieser Tradition darstellten [2] .


    Am auffälligsten war vielleicht der Wandel in der Musik. Das Symbol dafür sind die Beatles, die bei den Jugendlichen so große Begeisterung und bei den älteren - nicht zuletzt wegen ihrer langen Haare - so großes Entsetzen auslösten. Heute lässt sich kaum noch nachempfinden, was an den vier englischen Musikern und ihren Frisuren so schlimm gewesen sein soll. Es hat den Anschein, als habe die Bevölkerung gespürt, dass sich hier nicht nur ein Wechsel der Mode, sondern ein Erdbeben ankündigte, das die gewohnten gesellschaftlichen Normen auf den Kopf stellen konnte. "Nirgends wird an den Weisen der Musik gerüttelt", schrieb Platon, "ohne dass die wichtigsten Gesetze des Staates mit erschüttert werden." [3]

    Rund 30 Jahre ist es her, dass in vielen westlichen Ländern, ganz besonders aber in Westdeutschland, ein tief greifender Wertewandel stattfand und ein neuer Zeitgeist Einzug hielt, der dann die folgenden Jahrzehnte bestimmen sollte. Erst heute, zu Beginn des neuen Jahrhunderts, mehren sich die Anzeichen, dass die drei Jahrzehnte währende Entwicklung ihren Höhepunkt überschritten haben könnte und ein neuer Zeitgeist entsteht, der keine Rückkehr zu den fünfziger Jahren bedeutet, der jedoch einige der alten Werte wieder höher schätzt.

    Fußnoten

    1.
    Johann Wolfgang von Goethe, Werke, Briefe und Gespräche, Gedenkausgabe, hrsg. von Ernst Beutler, Bd. 14: Schriften zur Literatur, Zürich-Stuttgart 1964, S. 705.
    2.
    Vgl. Der Einzug des Bauhauses in die Wohnzimmer, in: Elisabeth Noelle-Neumann/Renate Köcher (Hrsg.), Allensbacher Jahrbuch der Demoskopie 1993-1997, Bd. 10, Demoskopische Entdeckungen, München-Allensbach 1997, S. 382-387.
    3.
    Platon, Der Staat, 4. Buch, 425 A-D.