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26.5.2002 | Von:
Jan W. van Deth

Wertewandel im internationalen Vergleich Ein deutscher Sonderweg?

Seit Anfang der siebziger Jahre unterscheidet sich der Wertewandelprozess in Deutschland kaum von den Entwicklungen in anderen Ländern. Ein außergewöhnlicher Erfolg neuer Wertorientierungen führte allerdings nicht zu dieser "Normalisierung".

I. Das deutsche Dilemma

In London, Prag, Berlin und Atlanta sind die Hüte aus dem Straßenbild verschwunden, es leben immer weniger Personen in Familien, die Wahlbeteiligung ist gesunken, und man fährt lieber silberfarbene als rote Autos. Und überall machen sich viele Menschen Sorgen um Umweltverschmutzung und Migration. Demonstrationen gegen Atomkraftwerke sehen in England genauso aus wie in Japan oder Connecticut. Diese Ähnlichkeiten sind zudem keine Neuheit: Fotos und Filmaufnahmen der Studentenrevolte der sechziger und siebziger Jahre und die Proteste gegen den Vietnamkrieg in Berkeley, Paris oder Frankfurt am Main sind nur bei genauerer Betrachtung voneinander zu unterscheiden. Nicht nur Kleidung, Frisur und Durchschnittsalter der Beteiligten sind sehr ähnlich, auch die Inhalte und Ziele der politischen Aktivitäten sind fast identisch. Slogans auf Transparenten und Schildern bringen an verschiedenen Orten die gleichen Forderungen zum Ausdruck. Das gilt für die Hausbesetzer der siebziger Jahre genauso wie für derzeitige Parteitage der Christdemokraten in verschiedenen europäischen Ländern.

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  • Wo mehr oder weniger ähnliche politische Themen in den Vordergrund treten - wie der Vietnamkrieg, die Umweltverschmutzung oder die Wohnungsnot -, sind ähnliche Aktionen und Reaktionen zwar nicht zwangsläufig, allerdings kaum überraschend. Das Gleiche trifft auch für die Konsequenzen von abstrakteren Phänomenen wie Regierungs- oder Legitimitätskrisen oder die Bedeutung von gesellschaftlichen Konfliktlinien zu. Ähnliche politische Problemlagen werden zunächst ähnliche Reaktionen auslösen. Anders sieht es jedoch aus, wenn sich die Reaktionen in Frankfurt am Main gegen eine Erweiterung des Flughafens, in Paris gegen Präsident de Gaulle und in Berkeley gegen die Wehrpflicht richten. Warum sollten diese Aktionen (und die Beteiligten) dann so viele Ähnlichkeiten aufweisen? Gibt es vielleicht doch ein latentes gemeinsames Thema wie z. B. die Bekämpfung des Spätkapitalismus oder die Dominanz der Vereinigten Staaten, das die augenscheinlich so unterschiedlichen Aktionen verbindet? Oder sind die Ähnlichkeiten eher zufällig, und es handelt sich hierbei eigentlich nur um den unbedeutenderen Ausdruck eines modischen Lebensstils neuerer Generationen?

    Insbesondere in Deutschland stößt der Gedanke an allgemeine, d. h. nicht typisch deutsche Erklärungen für soziale und politische Entwicklungen immer wieder auf Ablehnung. Ein gutes Beispiel dieser Neigung bietet die Diskussion um Joschka Fischers revolutionäre Vergangenheit. Nachdem im Frühjahr 2001 bekannt wurde, dass sich der Außenminister vor 25 Jahren während Demonstrationen in Frankfurt am Main an gewalttätigen Auseinandersetzungen mit der Polizei beteiligt hatte, erschienen sofort Hinweise auf die "unverarbeitete deutsche Vergangenheit" als Erklärung für den Protest der sechziger und siebziger Jahre. Offenbar ist die Tatsache, dass zur gleichen Zeit ähnliche politische Aktionen in fast allen westlichen Ländern stattfanden, weniger relevant als die Frage, wie die Väter der deutschen Studenten ihre nationalsozialistische Vergangenheit zu diesem Zeitpunkt bewältigt hatten. Natürlich sind für spezifisch deutsche Phänomene wie die Rote Armee Fraktion (RAF) spezifisch deutsche Erklärungen erforderlich. Allerdings sind die Gemeinsamkeiten zwischen Amsterdam, Frankfurt am Main und Berkeley so evident, dass allgemeinere Erklärungen der Ereignisse mindestens so plausibel erscheinen wie Hinweise auf die späten Konsequenzen des deutschen Sonderwegs in den letzten hundert Jahren.

    Die Wertewandelforschung ist somit in Deutschland mit einem eindeutigen Dilemma konfrontiert. Einerseits erheben die meisten Vertreter dieser Ansätze Anspruch auf universelle Gültigkeit ihrer individualisierungstheoretischen Erklärungen [1] . Herzstück dieser Theorien ist die These, dass Selbstentfaltung, Autonomie und Gleichberechtigung immer wichtiger werden und dass zur gleichen Zeit Zwang, materieller Gewinn und Autoritäten an Bedeutung verlieren. Aus der Perspektive der Bürger spricht man kurzerhand von Individualisierung, aber manche Kommentatoren bevorzugen Termini wie "Werteverfall" oder "Werteverlust", welcher ". . . in fast allen gesellschaftlichen Bereichen von Industrieländern zu beobachten ist" [2] . Diese Entwicklung wird in der Regel weitergehender gesellschaftlicher funktionaler Differenzierung und Pluralisierung sowie kultureller Säkularisierung und Rationalisierung zugeschrieben [3] . Da diese Prozesse in Deutschland genauso stattfinden wie in vielen anderen Ländern, werden auch die Konsequenzen große Ähnlichkeiten aufweisen. Dennoch ist Deutschland natürlich kein Land wie andere Länder. Die Erfahrungen mit Kaiserreich, Versailles und Weimar, aber insbesondere die "braune Vergangenheit" machen es zu einem "schwierigen Vaterland". Jüngeren Datums sind der "real existierende Sozialismus" und die unerwartete Wiedervereinigung zweier sehr unterschiedlicher Landesteile. Vielleicht ist in Deutschland tatsächlich alles etwas anders, und es werden hier die von den Individualisierungstheoretikern betonten universellen Prozesse und ihre Konsequenzen neutralisiert oder sogar in andere Richtungen gelenkt.

    In den letzten Jahrzehnten sind mehrere empirische Studien durchgeführt worden, welche einen Vergleich des Wertewandelprozesses in verschiedenen Ländern ermöglichen. Unterstützen diese Studien die Erwartung ähnlicher Entwicklungen unter unterschiedlichen Umständen? Ist Deutschland die Ausnahme, welche die universellen Ansprüche der individualisierungstheoretischen Wertewandelforscher widerlegt? Gibt es, mit anderen Worten, noch immer Hinweise auf einen deutschen Sonderweg?

    II. Eine "Republik zweier Generationen"

    Etwa in der Mitte seines umfangreichen Buches über die Geschichte Deutschlands von 1945 bis 1990 zieht Peter Graf Kielmansegg eine wichtige Schlussfolgerung für die siebziger und achtziger Jahre: [4] "Die Bundesrepublik ist eine westliche Industriegesellschaft unter anderen geworden, sie wird erfasst von den für diese Gesellschaften charakteristischen Entwicklungstrends und bleibt doch ein sehr besonderer, zum Extrem tendierender Fall." [5] Dies ist eine Beschreibung Deutschlands, die erst seit den siebziger Jahren gilt. Die ersten zwei Jahrzehnte der Bundesrepublik waren so außergewöhnlich, dass ein Vergleich mit anderen Ländern kaum sinnvoll wäre. Bis Ende der fünfziger Jahre waren die politischen Orientierungen im "Wirtschaftswunderland" noch eindeutig von der nationalsozialistischen Katastrophe geprägt. Insbesondere im Vergleich zu den Bürgern der Vereinigten Staaten und Großbritanniens waren die Deutschen von einer "passive subject orientation" charakterisiert, die fast ausschließlich auf den konkreten Leistungen des Systems basierte. Emotionale politische Bindungen waren Mangelware und dem System wurden kaum Überlebenschancen zugeschrieben, falls das Leistungsniveau zurückfallen würde [6] . Weniger als zwei Jahrzehnte später hatte sich jedoch eine gravierende Änderung vollzogen, und Deutschland präsentierte sich als eine sehr stabile Demokratie, die von der Bevölkerung breitere Unterstützung empfing als z. B. das politische System Großbritanniens von den Briten [7] .

    Mit seiner Theorie der "Stillen Revolution" hat der amerikanische Politikwissenschaftler Ronald Inglehart die international vergleichende Wertewandelforschung seit Anfang der siebziger Jahre maßgeblich geprägt. Seine Theorie basiert auf einer Kombination der so genannten Mangelhypothese und der Sozialisationshypothese - die erste bringt zum Ausdruck, dass Menschen Dinge bevorzugen, welche nicht ausreichend vorhanden sind, und die zweite, dass im Jugendalter gebildete Orientierungen später schwierig zu ändern sind. Obwohl spezifische historische Umstände und Ereignisse natürlich eine Rolle spielen, ist eine allgemein gültige Prognose aus den kombinierten Hypothesen einfach abzuleiten: Mit der Zunahme sozialer und wirtschaftlicher Sicherheit seit dem Zweiten Weltkrieg legen neue Generationen allmählich mehr Wert auf postmaterialistische Ziele wie Gleichberechtigung, Demokratisierung und Umweltschutz als auf materialistische Ziele wie Gewinn, wirtschaftliches Wachstum und Anerkennung von Autoritäten (Mangelhypothese). Der kontinuierliche Prozess der Generationsablösung resultiert in einem ebenso kontinuierlichen Anstieg der Postmaterialisten unter der Gesamtbevölkerung, wenn die alten, überwiegend materialistischen Generationen durch jüngere, eher postmaterialistische Generationen ersetzt werden (Sozialisationshypothese) [8] . Dieser Prozess wird sich in allen Ländern - also auch in Deutschland - durchsetzen. Allerdings ist der Unterschied zwischen der Vor- und Nachkriegsgeneration in Deutschland natürlich nicht allein in Begriffen von sozialer und wirtschaftlicher Sicherheit zusammenzufassen, da die "braunen Halbschatten" genau hier ihre Auswirkung zeigen. Kielmansegg spricht deswegen treffend von einem "spezifisch deutschen Generationsbruch, der natürlich mit der einzigartig zerklüfteten Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert zu tun hat", sowie von "der Republik zweier Generationen" [9] . Und bereits in einer seiner ersten ausführlichen empirischen Studien beginnt Inglehart mit der Annahme: "The differences between the formative conditions of younger und older groups has been greater in all of the continental countries, but one might expect Germany to show a particularly large amount of value change." [10]

    Die früheren Erwartungen bezüglich eines deutschen Sonderwegs sind von der empirischen Sozialforschung in den letzten Jahrzehnten nur teilweise bestätigt worden. Zunächst ist klar, dass in Deutschland Anfang der siebziger Jahre die jüngere Generation tatsächlich stark von postmaterialistischen Wertorientierungen geprägt ist [11] . Insbesondere im Vergleich zu ähnlichen Altersgruppen oder Kohorten in Großbritannien und den Vereinigten Staaten ist diese Orientierung in Deutschland weiter verbreitet. Allerdings ist der Anteil der Postmaterialisten in Frankreich und den Benelux-Ländern bereits 1970 und 1972 kaum niedriger als in Deutschland. Am Aufstieg des Postmaterialismus in der westlichen Welt war die Bundesrepublik offensichtlich von Anfang an auf eine Art und Weise beteiligt, welche wir auch in anderen nordwesteuropäischen Ländern nachweisen können. Dabei ist jedoch zu bedenken, dass materialistische Orientierungen unter der älteren deutschen Generation deutlich stärker verbreitet waren, als dies in anderen Ländern der Fall war [12] . Nicht der Anstieg der Postmaterialisten, sondern der hohe Anteil der Materialisten unter den ältesten Generationen unterschied Deutschland in den siebziger Jahren vom Rest der Welt: "Die älteste Gruppe in Deutschland weist ein immenses Übergewicht der Materialisten auf." [13] Folglich wird auch die Kluft zwischen jungen und alten Generationen in Deutschland größer sein als in anderen Ländern. Mit der kontinuierlichen Ablösung der Generationen verschwindet die deutsche Ausnahmeposition allmählich, da es die ältesten und nicht die jüngsten Bevölkerungsgruppen waren, welche Anfang der siebziger Jahre Deutschlands Ausnahmerolle verursachten.

    Die Entwicklung des Postmaterialismus in einigen europäischen Ländern während der letzten drei Jahrzehnte ist Abbildung 1 zu entnehmen [14] . Diese Grafik zeigt zunächst, dass es trotz aller Unterschiede zwischen diesen Ländern drei Perioden mit eindeutigen Trends gibt. Bis Anfang der achtziger Jahre verharrt der relative Anteil der Postmaterialisten auf etwa 10-15 Prozent, danach folgt eine kurze Periode mit einem starken Anstieg dieser Gruppierung auf etwa 20-25 Prozent, und ab den späten achtziger Jahren geht der Anteil der Postmaterialisten in fast allen Ländern wieder etwas zurück [15] . Diese Entwicklungen sind insbesondere für Westdeutschland deutlich zu erkennen. Nach einer Stabilisierung auf etwa 10 Prozent in den siebziger Jahren steigt der Anteil der deutschen Postmaterialisten sehr schnell, und 1987-1988 werden sogar die Niederlande - anerkannte Weltmeister in Sachen Postmaterialismus - kurzfristig überholt [16] . Auf diesen rasanten Aufstieg folgt ein ebenso deutlicher Rückgang in den neunziger Jahren, und neuerdings nimmt der Westen Deutschlands eine Position ein, welche im Vergleich zu anderen Ländern ähnlich aussieht wie vor 25 Jahren. Für die neuen Bundesländer fällt der Rückgang des Postmaterialismus seit der Wiedervereinigung genauso aus wie in anderen Ländern. Allerdings ist der Anteil der Postmaterialisten in Ostdeutschland erheblich niedriger als in Westdeutschland.

    Damit die Ähnlichkeiten und Unterschiede in der Entwicklung des Postmaterialismus in mehreren Ländern sichtbar werden, sind die empirischen Befunde in Abbildung 2 auf etwas andere Weise zusammengefasst. Aus dieser Darstellung geht hervor, dass die Trends über 25 Jahre fast identisch sind: In allen Ländern steigt der Anteil der Postmaterialisten in den Jahren 1973 bis 1990, und in allen Ländern geht dieser Anteil während der letzten zehn Jahre zurück. Nur in Frankreich ändert sich der Anteil der Postmaterialisten kaum. Unterschiede zeigen sich in den untersuchten Ländern fast ausschließlich bezüglich des Niveaus des Postmaterialismus. Auch in den neuen Bundesländern ist der Trend mit anderen Ländern vergleichbar [17] . Ein "ostdeutscher Sonderweg" ist deswegen kaum nachweisbar; vielmehr zeigen die Befunde, dass die vergleichsweise weniger entwickelte ostdeutsche Wirtschaft - in Übereinstimmung mit den Erwartungen - zu einem geringeren Anteil an Postmaterialisten führt.

    Die langen Zeitreihen, welche für die postmaterialistische Wertorientierung zur Verfügung stehen, zeigen, dass Deutschland keine Ausnahmeposition beanspruchen kann. Seit Anfang der siebziger Jahre unterscheiden sich weder das Niveau noch der Trend des Postmaterialismus von den Entwicklungen in anderen Ländern. Mit dem allmählichen Verschwinden der Generationen der ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts ist auch der relativ große Generationsunterschied in Deutschland zurückgegangen. Somit kann auch in diesem Sinne schon lange nicht mehr von einer "Republik zweier Generationen" die Rede sein.

    III. Modernisierung und Postmodernisierung

    Obwohl der Aufstieg des Postmaterialismus ohne Frage sehr bedeutsam, und die Nutzung der Indikatoren dieser Wertorientierung in der empirischen Sozialforschung seit Jahrzehnten weit verbreitet ist, umfassen die gesellschaftlichen Veränderungsprozesse natürlich viel mehr Aspekte als eine Verschiebung des Niveaus des Materialismus und des Postmaterialismus unter der Bevölkerung. Umfangreiche international vergleichende Untersuchungen richten sich deswegen nicht nur auf den Postmaterialismus, sondern fügen beispielsweise auch Orientierungen wie "Links-Rechts-Materialismus" und "Säkular-Religiöse Orientierungen" hinzu [18] . Man kann jedoch auch an Themen wie Gesundheit, Eltern und Kinder, Toleranz, Arbeitsmoral oder die Akzeptanz von Homosexualität oder Abtreibung denken, wenn die kulturellen Wandlungen in einer Gesellschaft zur Debatte stehen. Wenn man jedoch ein derartig breites Feld berücksichtigen will, muss man dann tatsächlich in all diesen Bereichen Länder vergleichende Studien durchführen? Oder lassen sich die einzelnen Trends weitergehender Individualisierung sowie Ablehnung konventioneller Werte zuordnen?

    Zur Beantwortung dieser Frage hat sich in den letzten Jahrzehnten insbesondere die so genannte World Values Survey-Gruppe bemüht, bezüglich vieler Aspekte des Wertewandels empirische Daten zu erheben und zu analysieren [19] . Auch hier spielt Ronald Inglehart eine wichtige Rolle mit seinem Versuch, auf der Basis von mehr als 100 sehr unterschiedlichen Fragen die Hauptrichtungen des Wertewandelprozesses in vielen verschiedenen Ländern zusammenzufassen. Diese Analysen führen zu der erstaunlichen Schlussfolgerung, dass offensichtlich nur zwei "Dimensionen" ausreichen, um alle Themen in kohärente Muster einzugliedern: eine "Überlebens/Selbstentfaltungs-Dimension" und eine "traditionell/säkular rationelle Dimension" [20] . Die letztgenannte Dimension entspricht der Entwicklung "moderner" Gesellschaften, in denen eher rationelle und säkulare Orientierungen allmählich die traditionellen, auf religiöse Überzeugungen gestützten Orientierungen ablösen. Dieser Prozess ist in manchen ehemaligen kommunistischen Ländern und in Nordwesteuropa weit fortgeschritten. Die erstgenannte Hauptrichtung ist eine Neu-Interpretation des Postmaterialismus in Form eines viel breiter angelegten Individualisierungsprozesses, der sich nicht nur auf den politischen Bereich beschränkt. Auf diesem "postmodernen" Entwicklungsweg sind insbesondere die skandinavischen Länder weit fortgeschritten [21] . Wenn wir diese beiden Dimensionen gemeinsam berücksichtigen, kann jedes Land als ein Punkt abgebildet werden, der seinen Werten auf beiden Hauptdimensionen entspricht.

    In Abbildung 3 sind die Positionen von 40 Gesellschaften für die Jahre 1981, 1990 und 1995 - 1997 dargestellt [22] . Erwartungsgemäß befinden sich viele ehemalige kommunistische Länder links oben in der Grafik (d. h., dass sie durch relativ weit verbreitete säkulare Wertorientierungen gekennzeichnet sind und außerdem Überlebenswerte über Selbstentfaltungswerte stellen). Die westlichen Länder haben, wie erwartet, einen Platz in der rechten Hälfte der Abbildung (d. h., dass die Bevölkerungen dieser Länder Selbstentfaltungswerte relativ stark betonen und zu gleicher Zeit große Variationen bezüglich säkularer Wertorientierungen ausweisen). Die Positionen der beiden Teile Deutschlands entsprechen eindeutig den allgemeinen Entwicklungen des Wertewandelprozesses. Die Bevölkerung der alten Bundesrepublik befindet sich 1981 etwa in der Mitte der Selbstentfaltungsdimension und ist bereits von säkularen Orientierungen gekennzeichnet. Diese Position ist Anfang der achtziger Jahre nicht weit von Ländern wie Frankreich, Finnland, Belgien oder Italien entfernt. Ostdeutschland ist 1990 auf beiden Dimensionen weiter fortgeschritten, als es Westdeutschland 1981 war. Insbesondere die Position auf der Selbstentfaltungsdimension unterscheidet die ehemalige DDR von Ländern wie Russland oder Litauen. Außerdem wird klar, dass Deutschland 1981-1990 insgesamt eine Position zwischen den (protestantischen) nordeuropäischen Ländern einerseits und den (katholischen) süd-südwesteuropäischen Ländern andererseits einnimmt. Diese Position entspricht eindeutig den Ergebnissen anderer Studien, welche zeigen, dass die sozio-ökonomischen Entwicklungen in Deutschland (und Österreich) bei genauerer Betrachtung Unterschiede zu anderen EU-Staaten ausweisen, aber trotzdem nicht zu einer Ausnahmeposition im Wertewandelprozess führen. Die Wertorientierungen der Bevölkerungen in ". . .Germany and Austria often correspond to the EU-average, and seldom do they exibit dramatic values at the ends of the European value spectrum" [23] .

    Die Wertewandelprozesse in West- und Ostdeutschland in den letzten zwei Jahrzehnten entsprechen den Änderungsprozessen in vergleichbaren Ländern. Für Westdeutschland finden wir einen klaren Trend sowohl in Richtung Selbstentfaltung als auch Säkularisierung. Fast identische Entwicklungen zeichnen sich in der gleichen Periode in Schweden, Norwegen, Belgien, Japan und Australien ab. Dagegen weisen die Änderungen in Ostdeutschland auf eine Konsolidierung auf der Selbstentfaltungsdimension hin sowie auf eine weitergehende "Enttraditionalisierung" auf der Säkularisierungsdimension. Ähnliche Entwicklungen treffen wir nur in Polen an. Mit anderen Worten: Die gesellschaftlichen Änderungen in Ost- und Westdeutschland zeigen in Richtung weitergehende Säkularisierung deutlich ähnliche Entwicklungen wie in anderen Ländern; die Entwicklung in Richtung einer stärkeren Betonung der Selbstentfaltung ist in Deutschland jedoch auf den Westen beschränkt. Diese Trends haben dazu geführt, dass beide Landesteile mittlerweile zwar zu den säkularisiertesten Gesellschaften der Welt gehören (zusammen mit Japan und Schweden), aber deutlich unterschiedliche Positionen in Bezug auf die Selbstentfaltungsdimension einnehmen.

    Auf dieser letzten Dimension befindet sich Westdeutschland 1995-1997 in einer Gruppe mit Norwegen, Schweden, der Schweiz und den Vereinigten Staaten, während Ostdeutschland zur gleichen Zeit auf dieser Dimension jenes Niveau erreicht, das Frankreich und Italien fast ein Jahrzehnt früher kennzeichnete. Inwieweit es sich hier um eine Art "Verzögerung" handelt, welche in den kommenden Jahren allmählich mit der weitergehenden sozioökonomischen Entwicklung der neuen Bundesländer verschwinden wird, ist heute schwer zu beurteilen. Die Ergebnisse entsprechen allerdings eindeutig den bereits auf der Basis des viel einfacher zu fassenden Trends des Postmaterialismus dargestellten Positionen und Entwicklungen der beiden Landesteile: Der Wertewandelprozess führte zu Unterschieden, welche insbesondere innerdeutsche Differenzen betreffen und viel weniger Konsequenzen für die Position Deutschlands im internationalen Vergleich haben [24] .

    IV. Eine "Republik zweier Kulturen"

    Zu den Ritualen der Kulturforschung gehören Hinweise auf einen deutschen "Sonderweg". Die deutsche Vergangenheit wirft ihre Schatten auf fast alle politischen und sozialen Debatten, und das Land beansprucht offensichtlich eine Ausnahmeposition in der international vergleichenden Forschung. Mehr als ein halbes Jahrhundert Erfahrung mit einem demokratischen Staat auf deutschem Boden haben nur wenig an dieser (Selbst-)Einstufung ändern können [25] . Allerdings entsprechen die Orientierungen der deutschen Bürger in den letzten Jahrzehnten kaum diesem Klischee.

    Der Aufstieg des Postmaterialismus, die weitergehende Säkularisierung und die wachsende Bedeutung von Selbstentfaltungswerten fanden in Deutschland auf fast identische Weise statt wie in vielen anderen Ländern. Ist Deutschland deswegen jetzt endlich ein "normales" Land geworden? Diese Frage lenkt die Aufmerksamkeit in die falsche Richtung. Denn dadurch wird suggeriert, dass Deutschland, bedingt durch den Wertewandel, seine Ausnahmeposition allmählich verloren hätte. Tatsächlich konnte sich dieser Prozess in den letzten 25 Jahren durchsetzen, weil sich Deutschland spätestens seit den sechziger Jahren sowohl im politischen als auch im sozioökonomischen Sinne bereits zu einem "normalen" Land entwickelt hatte. Den Aufstieg des Postmaterialismus und die damit verbundene Welle politischer Proteste um 1970 finden wir in allen westlichen Ländern. Seitdem sind die Änderungsprozesse in Deutschland kaum von den Entwicklungen im Rest der Welt zu unterscheiden. Vielmehr hat das Verschwinden der älteren deutschen Generationen mit ihrer relativ starken Betonung materialistischer und traditioneller Wertorientierungen zu einer "Normalisierung" der deutschen Position geführt und nicht etwa ein außergewöhnlicher Erfolg neuer Wertorientierungen. Die Erblasten der deutschen Vergangenheit - insbesondere der immer wieder auftauchende "braune Schatten" - sind mit dem Verschwinden der "Alten" beseitigt. Nicht beseitigt sind jedoch die Herausforderungen der deutschen Wiedervereinigung. Auch mehr als ein Jahrzehnt nach der "Wende" sind die kulturellen Unterschiede zwischen den alten und neuen Bundesländern noch immer nachweisbar. Damit hat ein neuer deutscher "Sonderweg" begonnen, der die Probleme der "Republik zweier Generationen" durch die Probleme einer "Republik zweier Kulturen" ersetzt.  

    Internetverweise zum Thema:  

    http://Europa.eu.int/comm/dg10/epo/eb.html

    http://www.isr.umich.edu
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    Fußnoten

    1.
    Anspruch auf universelle Gültigkeit bedeutet keine Auswahl deterministischer Interpretationen oder eine Vernachlässigung besonderer Umstände. Erwartet wird, dass ähnliche gesellschaftliche Entwicklungen ähnliche Konsequenzen haben werden.
    2.
    Edzard Janssen, Aspekte des Wertewandels in Deutschland, Japan und Osteuropa, in: ders./Ulrich Möhwald/Hans Dieter Ölschlager (Hrsg.), Gesellschaften im Umbruch? Aspekte des Wertewandels in Deutschland, Japan und Osteuropa, München 1996, S. 258. Vgl. auch die Kurzformel des Individualisierungsprozesses als eine Verschiebung von "Pflicht- und Akzeptanzwerten zu Selbstentfaltungswerten", wie sie Helmut Klages benutzt: Traditionsbruch als Herausforderung: Perspektiven der Wertewandelsgesellschaft, Frankfurt/M. - New York 1993, S. 26.
    3.
    Für kurze Überblicke zu diesen Erklärungen vgl. Joachim Schild, Politische Konfliktlinien, individualistische Werte und politischer Protest: Ein deutsch-französischer Vergleich, Op-
    4.
    laden 2000, S. 152-165; ebenso Jan W. van Deth/Elinor Scarbrough, The Impact of Values, Oxford 1995, S. 1-14, und Sigrid Roßteutscher, Consensus and Conflicts in Contemporary German Society, Florenz 1997, S. 33-56.
    5.
    Peter Graf Kielmansegg, Nach der Katastrophe: Eine Geschichte des geteilten Deutschlands, Berlin 2000, S. 347.
    6.
    Vgl. Gabriel A. Almond/Sidney Verba, The Civic Culture: Political Attitudes and Democracy in Five Nations, Princeton 1963, S. 429 und 496.
    7.
    Vgl. David P. Conradt, Changing German Political Culture, in: Gabriel A. Almond/Sidney Verba, The Civic Culture Revisited, Boston - Toronto 1980, S. 264.
    8.
    Die Theorie der "Stillen Revolution" ist mittlerweile in Tausenden von Aufsätzen dargestellt (und kritisiert) worden. Zu früheren Präsentationen vgl. Ronald Inglehart, The Silent Revolution in Europe: Intergenerational Change in Post-Industrial Societies, in: American Political Science Review, 65 (1971) 4, S. 991-1071 und Ronald Inglehart, The Silent Revolution: Changing Values and Political Styles Among Western Publics, Princeton 1977. Neuere Interpretationen bieten Ronald Inglehart, Modernisierung und Postmodernisierung: Kultureller, wirtschaftlicher und politischer Wandel in 43 Gesellschaften, Frankfurt/M. - New York 1997; ders., Globalization and Postmodern Values, in: The Washington Quarterly, 23 (2000) 1, S. 215-228. Eine umfangreiche kritische Auseinandersetzung mit diesen Theorien und ihrer Anwendung in Deutschland leisteten bereits Oscar W. Gabriel, Politische Kultur, Postmaterialismus und Materialismus in der Bundesrepublik Deutschland, Opladen 1986, sowie Helmut Thome, Wertewandel in der Politik? Eine Auseinandersetzung mit Ingleharts Thesen zum Postmaterialismus, Berlin 1985. Vgl. auch J. W. van Deth/E. Scarbrough (Anm. 3) für einen ausführlichen Überblick der Forschungsergebnisse und Literaturhinweise.
    9.
    Vgl. P. Graf Kielmansegg (Anm. 4), S. 358.
    10.
    R. Inglehart, The Silent Revolution (Anm. 7), S. 33. Hervorhebung im Original.
    11.
    Die empirischen Ergebnisse beziehen sich bis 1990 ausschließlich auf die alte Bundesrepublik, da für die politische Kultur in der DDR keine zuverlässigen Daten zur Verfügung stehen. Für die Periode nach 1990 werden hier die Ergebnisse für die alten und neuen Bundesländer getrennt präsentiert, damit die unterschiedlichen Entwicklungen sichtbar werden.
    12.
    Vgl. R. Inglehart, The Silent Revolution (Anm. 7), S. 32 und 36-37.
    13.
    Ders., Wertwandel in den westlichen Gesellschaften: Politische Konsequenzen von materialistischen und postmaterialistischen Prioritäten, in: Helmut Klages/Peter Kmieciak (Hrsg.), Wertwandel und gesellschaftlicher Wandel, Frankfurt/M. - New York 1979, S. 297. Vgl. auch Ronald Inglehart, Value Priorities and Socioeconomic Change, in: Samuel Barnes/Max Kaase u. a., Political Action: Mass Participation in Five Western Democracies, Beverly Hills - London 1979, S. 324. Auf der Basis anderer Indikatoren ist diese starke Vertretung der Materialisten in Deutschland allerdings weniger deutlich, vgl. Elinor Scarbrough, Materialist-Postmaterialist Value Orientations, in: J. W. van Deth/E. Scarbrough (Anm. 3), S. 139.
    14.
    Abbildung 1 und 2 basieren auf der sogenannten Eurobarometer-Umfrage, welche in allen EU-Mitgliedsstaaten zweimal pro Jahr durchgeführt wird (vgl. http://Europa.eu.int/comm/dg10/epo/eb.html).
    15.
    Über die Frage, ob ein Rückgang des Anteils der Postmaterialisten im Einklang mit der Theorie der "Stillen Revolution" steht, gibt es eine heftige Debatte in der empirischen Sozialforschung. Vgl. R. Inglehart, Modernisierung und Postmodernisierung (Anm. 7), S. 189-226, E. Scar-brough (Anm. 12), oder Markus Klein/Manuela Pötschke, Gibt es einen Wertewandel hin zum "reinen" Postmaterialismus?, in: Zeitschrift für Soziologie, 29 (2000) 3, S. 202-216 für Zusammenfassungen der wichtigsten Streitpunkte und empirischen Befunde.
    16.
    Auf Basis anderer Daten kommt R. Inglehart, Modernisierung und Postmodernisierung (Anm. 7), S. 223, zu ähnlichen Schlussfolgerungen.
    17.
    Siehe für ein frühes Erkennen dieser Situation H. Klages (Anm. 2), S. 222.
    18.
    Vgl. J. W. van Deth/E. Scarborough (Anm. 3).
    19.
    Die WVS-Gruppe hat 1981-1983, 1990-1993 und 1995-1997 umfangreiche Umfragen in vielen Ländern durchgeführt. Vgl. http://www.isr.umich.edu für weitere Informationen über diese Studien.
    20.
    Vgl. R. Inglehart, Modernisierung und Postmodernisierung (Anm. 7), S. 121-136, und ders./Wayne E. Baker, Modernization, Cultural Change, and the Persistence of Traditional Values, in: American Sociological Review, (2000) 65, S. 19-51.
    21.
    Worte wie "fortgeschritten" oder "weiter entwickelt" werden hier rein deskriptiv benutzt, um die Richtungen in Abbildung 3 zusammenzufassen.
    22.
    Diese Abbildung ist dem Artikel von R. Inglehart/W. E. Baker (Anm. 19), S. 40, entnommen. Ich bedanke mich bei den Autoren für die Genehmigung, diese Abbildung hier abzudrucken.
    23.
    Anna Michalski/Jonas Tallberg, Project on European Integration Indicators: People's Europe, Brussels 1999 (European Commission, Forward Studies Unit, Working Paper), S. 24.
    24.
    Für eine ausführliche Betrachtung der Unterschiede in den Wertorientierungen und Konfliktlinien in Ost- und Westdeutschland vgl. S. Roßteutscher (Anm. 3), Kapitel 5 und 8.
    25.
    Vgl. P. Graf Kielmansegg (Anm. 4), Kapitel 16 für einen Überblick der kritischen Auseinandersetzungen mit der "Bonner Republik".