Unruhige See vor Korsika
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Meeresfisch: Nachhaltig genutzt oder vom Aussterben bedroht?


15.12.2017
"Nur noch 100 Kabeljaue in der Nordsee"; "Fisch und Meeresfrüchte könnten bis 2048 verschwunden sein".[1] Nicht nur Schlagzeilen wie diese, sondern auch Wissenschaftler zeichnen teilweise ein extrem düsteres Bild vom Zustand der Meeresfischbestände.[2] Gerade in den umweltbewussten Gesellschaften Nordeuropas gilt der Konsum von wildem Meeresfisch daher vielfach als fragwürdig. Und auch der Hauptverursacher des kritischen Zustandes der Meere ist ausgemacht: die Fischerei.[3]

Die Nutzung von Fisch hat zweifellos viele Vorteile – vor allem in Hinblick auf die Proteinversorgung der wachsenden Weltbevölkerung: Kein anderes Nutztier setzt Futter effizienter in für den Menschen verwertbare Nahrung um als Fische. Ein Lachs etwa bildet pro 1,2 Kilogramm eingesetzter Nahrung ein Kilogramm Körpermasse. Bei Rindern ist die sogenannte Konversionsrate ungleich höher, sie brauchen mindestens das Vierfache.[4] Will man nicht gänzlich auf tierisches Protein verzichten, ist Fischkonsum aus ökologischen Gründen also positiv. Auch gesundheitlich bietet Wildfisch Vorteile: Er ist reich an leicht verdaulichem Protein und – je nach Art – an Omega-3-Fettsäuren. Allerdings können Fische aus einigen Gebieten Schadstoffe wie Schwermetalle anreichern, vor allem, wenn sie wie Haie, Thune und Schwertfische weit oben in der Nahrungskette stehen oder wenn sie einen hohen Fettgehalt aufweisen. Dennoch raten Ernährungsgesellschaften dazu, mindestens einmal pro Woche (fetten) Meeresfisch zu essen – auch während der Schwangerschaft: Der Verzicht auf Meeresfisch habe für die fötale Entwicklung mehr Nachteile als die mögliche Kontamination mit Umweltgiften.[5]

Der weltweite Fischkonsum wird zunehmend aus gezüchteten Fischen gedeckt. Dabei lässt sich die sogenannte Aquakultur, die in geschlossenen Anlagen an Land, in Teichen oder in offenen Netzkäfigen im Meer stattfindet, durchaus mit anderen Tiermastanlagen vergleichen: Eine große Anzahl Tiere wird auf kleinstem Raum gehalten, Krankheiten können sich ausbreiten, die Umwelt leidet unter Kot und Futtermitteln. Die Probleme sind jedoch lösbar. Seit jeder einzelne Fisch geimpft wird, finden sich beispielsweise in norwegischem Zuchtlachs erheblich weniger Antibiotika als in Geflügel oder Kälbern.[6] Das Verfahren ist automatisiert, aber aufwändig. Dennoch lohnt es sich für die Industrie: Antibiotika sind teuer – und Konsumenten zunehmend kritisch gegenüber Medikamentenrückständen in Lebensmitteln.

Was bleibt, ist die Tatsache, dass Aquakulturfische in Gefangenschaft leben. Wildfische hingegen leben bis zu dem Moment, in dem sie dem Fischer ins Netz gehen, ein vollständig natürliches Leben – ganz so, wie es die meisten Rehe und Wildschweine tun. Ihr Konsum hat also auch eine ethische Dimension, die zu berücksichtigen ist.

Zustand der Weltfischressourcen



Aber wie kann einerseits der weltweite Fischkonsum gefördert werden, wenn andererseits Schreckensszenarien von leergefischten Meeren die Runde machen? Auskunft darüber gibt der alle zwei Jahre von der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) veröffentlichte SOFIA-Report (kurz für "The State of the World Fisheries and Aquaculture"), der einzig seriösen Quelle für den Zustand der Weltfischbestände. Nach dem jüngsten Bericht von 2016 (Daten von 2014) befinden sich von den rund 500 Beständen, über die es ausreichende Daten gibt, 31 Prozent im roten Bereich. Das heißt, sie sind überfischt, kollabiert oder sich erholend. Nur elf Prozent der Bestände haben noch Entwicklungsmöglichkeiten, könnten also bei intensiverer Fischerei einen höheren Ertrag liefern (underfished). Und weitere 58 Prozent sind maximal genutzt (fully fished).[7]

In der öffentlichen Darstellung, vor allem durch Umweltverbände, werden diese 58 Prozent häufig dem roten Bereich zugeschlagen. Die griffige Schlussfolgerung lautet dann: "Fast 90 Prozent der Weltfischbestände sind überfischt oder bis ans Limit genutzt." Die maximale Nutzung ist jedoch weder schlecht noch gefährlich. Die Beurteilung der FAO bezieht sich auf den maximalen nachhaltigen Dauerertrag (Maximum Sustainable Yield, MSY),[8] ein Bewirtschaftungskonzept für marine Fischbestände. Darin wird anerkannt, dass Meeresfisch ein wertvolles Nahrungsmittel für den Menschen ist, das der gesamten Menschheit gehört und so genutzt werden sollte, dass möglichst viel davon zur Verfügung steht. Die Optimierung erfordert jedoch gesunde Fischbestände in einem gesunden Meeresökosystem. Bis 2020 sollen deshalb möglichst alle Bestände in diesem "optimalen" Zustand, also nachhaltig[9] und "maximal genutzt" sein. Wenn es nach der FAO und der Fischereibiologie geht, ist "maximal genutzt" der wünschenswerte Zustand.

Für Europas Meeresgebiete ergibt sich ein ähnliches Bild: Während 2007 etwa ein Viertel der Bestände nach MSY und damit nachhaltig bewirtschaftet wurde, war es 2013 bereits mehr als die Hälfte.[10] In der Ostsee bereiten den Fischereibiologen aktuell von 14 kommerziell genutzten Fischbeständen nur noch zwei Sorgen. Dies sind ausgerechnet die beiden für die deutsche Küstenfischerei wichtigsten Bestände, Hering und Dorsch der westlichen Ostsee. Aber auch für diese sind die Aussichten gut, dass sie bis 2020 oder kurz darauf in den grünen Bereich gebracht werden. Seit der jüngsten Reform der gemeinsamen Fischereipolitik der EU 2013 sind sowohl das MSY-Bewirtschaftungsziel als auch der Zeitrahmen, in dem es erreicht werden soll, festgeschrieben – und die Maßnahmen zeigen Wirkung.

Ein Manko haben die Daten der FAO jedoch: Sie machen nicht sichtbar, dass unter den Beständen im roten Bereich überdurchschnittlich viele große Raubfische wie Thun, Schwertfisch und Kabeljau sind. Entwicklungsmöglichkeiten haben hingegen vor allem Arten, die für den menschlichen Konsum kaum direkt geeignet sind. Dazu zählen Sprotten, Sandaale und Sardellen, die über den Umweg Fischmehlproduktion und Lachsfarmen den Weg auf unsere Teller finden. Die ertragreichsten Bestände der Welt sind überwiegend in gutem Zustand, schließlich gibt es in der globalen Fischwirtschaft ein großes wirtschaftliches Interesse, nicht alle paar Jahre eine neue Quelle für teuren Fisch suchen zu müssen.

Den größten Teil der Anlandungen machen Massenfischarten wie Hering, Seelachs und Kabeljau aus. Ihr Fang wird unlukrativ, lange bevor kritische Bestandsgrößen erreicht sind. Wenn also die Wissenschaftler von "kollabierten Beständen" sprechen, meinen sie, dass sich diese unter Umständen für viele Jahre nicht mehr ökonomisch nutzen lassen. Wie lange die Erholung dauert, lässt sich kaum vorhersagen – der Zustand kann sich rasch ändern. Schon deshalb sollten Fischbestände jährlich begutachtet werden.

Eine Handvoll mariner Arten ist tatsächlich durch menschliches Handeln vom Aussterben bedroht. Als Paradebeispiel galt lange Zeit der für die Sushi-Herstellung begehrte Blauflossenthun. Wegen der enormen Preise lohnte sich auch noch die Jagd auf den "letzten Thunfisch", betonten Umweltverbände. Inzwischen erholen sich die Bestände allerdings wieder – zum einen, weil die Fangmengen ausreichend gesenkt wurden, zum anderen aber auch, weil sie einige Jahre lang mehr Nachwuchs produzierten. Auch einige Seepferdchenpopulationen in Südostasien sind akut vom Aussterben bedroht. Obwohl sie von Schnorchlern ohne Hilfsmittel gefangen werden – die kleinste Fischereiform, die es überhaupt gibt –, wird den Tieren zum Verhängnis, dass sie nur lokal vorkommen und sich mit ihnen als Aphrodisiakum auf dem asiatischen Markt extrem hohe Preise erzielen lassen.


Fußnoten

1.
Just 100 Cod Left in North Sea, 16.9.2012, http://www.telegraph.co.uk/9546004/Just-100-cod-left-in-North-Sea.html«; John Roach, Seafood May Be Gone by 2028, Study Says, 2.11.2006, https://news.nationalgeographic.com/news/2006/11/061102-seafood-threat.html«.
2.
Vgl. Ransom A. Myers/Boris Worm, Rapid Worldwide Depletion of Predatory Fish Communities, in: Nature 6937/2003, S. 280–283; Boris Worm et al., Impacts of Biodiversity Loss on Ocean Ecosystem Services, in: Science 5800/2006, S. 787–790.
3.
Vgl. Benjamin S. Halpern et al., A Global Map of Human Impact on Marine Ecosystems, in: Science 5865/2008, S. 948–952.
4.
Vgl. World Food and Agriculture Organization (FAO), Cultured Aquatic Species Information Programme: Salmo salar, 2004, http://www.fao.org/fishery/culturedspecies/Salmo_salar/en«; Joel K. Bourne, How to Farm a Better Fish, 2014, http://www.nationalgeographic.com/foodfeatures/aquaculture«; Dan W. Shike, Beef Cattle Feed Efficiency, 2013, http://lib.dr.iastate.edu/cgi/viewcontent.cgi?article=1027&context=driftlessconference«.
5.
Vgl. U.S. Food and Drug Administration, New Advice: Pregnant Women and Young Children Should Eat More Fish, 10.6.2014, http://www.fda.gov/forconsumers/consumerupdates/ucm397443.htm«.
6.
Vgl. World Health Organization (WHO), Vaccinating Salmon: How Norway Avoids Antibiotics in Fish Farming, Oktober 2015, http://www.who.int/features/2015/antibiotics-norway/en«; The Norwegian Veterinary Institute, Use of Antibiotics in Norwegian Aquaculture, Oslo 2016.
7.
Vgl. FAO, The State of World Fisheries and Aquaculture 2016 (SOFIA), Rom 2016, http://www.fao.org/3/a-i5555e.pdf«.
8.
Der MSY ist seit dem UN-Nachhaltigkeitsgipfel in Johannesburg 2002 international anerkannter Bewirtschaftungsansatz für die nachhaltige Nutzung mariner lebender Ressourcen. Das Ziel ist die optimale Nutzung eines Bestandes. Er ergänzt den seit 1992 etablierten Vorsorgeansatz (Precautionary Approach, PA), durch den beispielsweise verhindert werden soll, dass Fischbestände zu klein werden.
9.
Der Begriff "Nachhaltigkeit" wird seit dem Abschlussbericht der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung 1987 ("Brundtland-Report") für ein ausgewogenes ökologisches, ökonomisches und soziales Handeln verwendet, das künftigen Generationen vergleichbare oder bessere Lebensbedingungen sichern soll.
10.
Vgl. Scientific, Technical and Economic Committee for Fisheries (STECF), Monitoring the Performance of the Common Fisheries Policy, STECF-16-05, Luxemburg 2016.
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Autoren: Christopher Zimmermann, Nadine Kraft für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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