Unruhige See vor Korsika
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Plastikmüll im Meer: Zur Entdeckung eines Umweltproblems


15.12.2017
Es ist erst wenige Jahre her, dass mehrere Medien von der Entstehung eines "achten Kontinents" berichteten. Dieser bestehe aus allerlei Unrat und Müll, vor allem Plastikmüll, der sich durch die Meeresströmung im Nordpazifik gesammelt habe. Die Vorstellung eines neuen Kontinents beflügelte einige zunächst: Niederländische Architekten entwickelten Visionen, den Plastikmüll einzusammeln, um neuen Wohnraum auf einer Insel aus recyceltem Material zu gewinnen. Und der junge Erfinder Boyan Slat entwarf eine Art marine Plastikmüllauffanganlage, die er durch Crowdfunding finanzierte. Inzwischen ist bekannt, dass das Plastik im Nordpazifik keine tragende, kontinentartige Fläche bildet, sondern eher eine "Plastiksuppe". Wegen der Strömungen sammelt sich darin vor allem sogenanntes Mikroplastik, das entweder durch den Zerfall von Plastikmüll entstanden ist oder bei dem es sich um verlorengegangenes Plastikgranulat handelt.[1] Dieses aus dem Meer herauszuholen, wird als zu aufwendig und kostspielig angesehen. Zudem würden durch die Filtration auch kleine, für die Meeresökologie wichtige Lebewesen herausgefischt.[2]

Wie der Klimawandel ist auch das Problem des mikroskopisch kleinen, aber umfangreichen Plastikmüllaufkommens in den Meeren und Ozeanen ein "Hyperobjekt". Der Begriff wurde von dem US-amerikanischen Philosophen Timothy Morton eingeführt und bezeichnet Dinge, die sich in Zeit und Raum so ausdehnen, dass sie für den Menschen (lange Zeit) nicht unmittelbar erfahrbar sind. Im Fall der "Plastiksuppe" trifft dies in zweierlei Hinsicht zu: Zum einen sind die Partikel zu klein, als dass sie direkt sichtbar wären, zum anderen ist die Partikelansammlung in Ausdehnung und Tiefe zu groß, um direkt "fassbar" zu sein.[3] Den Naturwissenschaften kommt bei Hyperobjekten daher eine entscheidende Rolle zu. Sie müssen das Problem "entdecken" und Wege finden, es sichtbar zu machen, etwa durch Messinstrumente.

Im Folgenden werden wir nachzeichnen, wie sich das Thema "Plastik im Meer" aus einem zunächst unsichtbaren Phänomen dahingehend entwickelt hat, dass es gegenwärtig als eine der größten Umweltbedrohungen wahrgenommen wird.[4] Danach werden wir einen Blick auf die damit verbundenen Risiken und Ängste werfen, um abschließend Fragen der Verantwortung zu diskutieren.

Wissenschaftlicher Beifang



Die Entdeckung von Plastikobjekten auf dem offenen Meer, weitab von menschlichen Lebensräumen, geschah eher zufällig und unerwartet. Die ersten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die Anfang der 1970er Jahre unabhängig voneinander mit Plastik im Meer in Berührung kamen, waren von unterschiedlichen wissenschaftlichen Fragestellungen angetrieben.

So war der norwegische Ethnograf Thor Heyerdahl mit seinem Team eigentlich zu einer Atlantiküberquerung in einem Papyrusboot angetreten, um den Nachweis zu führen, dass schon die alten Ägypter dazu in der Lage gewesen wären. Doch Heyerdahls Reisen blieben vor allem deshalb in Erinnerung, weil er mitten auf dem Atlantik auch abseits der gängigen Schiffsrouten Ölklumpen und andere synthetische Materialien entdeckte und die Verschmutzung des Ozeans öffentlichkeitswirksam dokumentierte.[5]

Edward Carpenter vom Woods Hole Oceanographic Institute in Massachusetts und seine Kolleginnen und Kollegen hatten ursprünglich den Einfluss von Atomkraftwerken auf marine Küstenökosysteme untersuchen wollen. Um Proben von aquatischen Organismen und Fischeiern zu nehmen, setzten sie Netze ein, die das Oberflächenwasser durchkämmten. In diesen Netzen fanden sie jedoch nicht nur das, wonach sie suchten, sondern auch kleinere Partikel aus Plastik, die sie als "pellets", "spherules" oder "particles" beschrieben.[6] Ihre Funde führten sie richtigerweise auf Plastikgranulat zurück, das durch die kunststoffproduzierende Industrie in die Umwelt gelangt war.

Größere Plastikgegenstände im Meer wurden erstmals 1973 von Ozeanografen und Ozeanografinnen der kalifornischen Scripps Institution of Oceanography erwähnt. Auch diese Entdeckung war ein wissenschaftlicher "Beifang": Die Forscher hatten eine Expedition unternommen, um auf hoher See in einem vom Menschen unbeeinflussten Ökosystem Phytoplanktongemeinschaften zu untersuchen. Da viele Küstengewässer bereits mit Chemikalien verschmutzt waren, sollten die Proben weit auf dem Pazifik genommen werden. Auf dem Rückweg hatte die Crew viel Zeit, das Meer zu beobachten. 600 Meilen von der Zivilisation entfernt entdeckten sie menschengemachte Gegenstände wie Plastikflaschen, eine Kaffeekanne und einen alten Ballon. Um sich die Zeit zu vertreiben, führte die Crew ein Logbuch, in dem alle Funde mit Ort und Zeit eingetragen wurden. Die Ergebnisse veröffentlichte die Gruppe um Elizabeth Venrick schließlich in der Fachzeitschrift "Nature".[7]

Es wurde vermutet, dass die Funde entweder durch direkte Abfallentsorgung oder durch die Säuberung von Schiffstanks in die Ozeane gelangt waren. Eine Verbindung mit der Meeresströmung wurde in den ersten wissenschaftlichen Publikationen nicht hergestellt.[8] Auch die vom Plastik ausgehende gesundheitliche Gefahr für Mensch und Tier – etwa durch die Möglichkeit, dass es in die Nahrungskette gelangt – schätzten Wissenschaftler als gering ein. So wurde der umhertreibende Kunststoffmüll zunächst nicht als Schadstoff, sondern vor allem als ein ästhetisches Problem wahrgenommen.


Fußnoten

1.
Vgl. United Nations Environment Programme (UNEP), Marine Plastic Debris and Microplastics: Global Lessons and Research to Inspire Action and Guide Policy Change, Nairobi 2016, S. 71.
2.
Auffanganlagen wie die von Boyan Slat entworfene könnten dennoch sinnvoll sein, um in stark verschmutzten Küstenregionen größere Plastikteile aus dem Wasser zu fischen.
3.
Vgl. Timothy Morton, Hyperobjects. Philosophy and Ecology after the End of the World, Minneapolis 2013.
4.
Vgl. Plastikmüll im Meer: "Eines der größten Probleme unserer Zeit", in: Augsburger Allgemeine, 18.3.2016, http://www.augsburger-allgemeine.de/id37269322.html«.
5.
Vgl. Thor Heyerdahl, Atlantic Ocean Pollution and Biota Observed by the "Ra" Expeditions, in: Biological Conservation 3/1971, S. 164–167.
6.
Vgl. Edward Carpenter et al., Polystyrene Spherules in Coastal Waters, in: Science 4062/1972, S. 749f.
7.
Vgl. Elizabeth Venrick et al., Man-made Objects on the Surface of the Central North Pacific Ocean, in: Nature 5387/1973, S. 271.
8.
Vgl. Kim De Wolff, Gyre Plastics. Science, Circulation and the Matter of the Great Pacific Garbage Patch, San Diego 2014, S. 37.
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Autoren: Johanna Kramm, Carolin Völker für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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