Unruhige See vor Korsika

15.12.2017 | Von:
Ulrike Kronfeld-Goharani

Blauer Reichtum in Gefahr: Der Schutz der Tiefsee vor neuen Herausforderungen

Schätze der Tiefsee

Trotz des immensen Erkenntnisgewinns in den vergangenen Jahrzehnten ist die Tiefsee – der weitaus größte Lebensraum der Erde – noch immer vergleichsweise wenig erforscht.[1] Allerdings hat das, was bisher über die mineralischen Ressourcen bekannt ist, die Tiefsee – angesichts steigender Rohstoffpreise, eines schwieriger werdenden Abbaus in schwer zugänglichen Regionen oder politisch instabilen Staaten und ein höherer Wertstoffanteil der Tiefseebodenschätze – verstärkt in den Fokus des internationalen Interesses gerückt. Buchveröffentlichungen und Medienberichte haben Hoffnungen auf den Ressourcenreichtum in der Tiefe geweckt und die Illusion entstehen lassen, entstandene Engpässe auf dem Land damit ausgleichen zu können. Nicht nur spektakuläre Buchtitel wie "Goldrausch in der Tiefsee" oder "Schatzkammer Tiefsee" stellen Vergleiche zur US-amerikanischen Pionierzeit im 19. Jahrhundert her, auch die bekannte amerikanische Tiefseetaucherin Sylvia Earle stellte einmal fest: "So little of the ocean has been seen, it is like the early days of exploring the American West."[2] Jedoch, so der britische Science-Fiction-Schriftsteller Arthur C. Clarke, seien moderne Tiefsee-Goldgräber nicht mit denen des Wilden Westens vergleichbar. Vielmehr handele es sich heute um millionenschwere Unternehmen, die Armeen von Angestellten beschäftigten, um die wirtschaftliche Nutzbarkeit der mineralischen Ressourcen – Manganknollen, Kobaltkrusten, Massivsulfide, Sulfidschlämme und Gashydrate – zu erkunden.[3] Doch was genau sind die begehrten Schätze, die die Tiefsee birgt?

Manganknollen sind kartoffelförmige Mineralienklumpen, die sich aus verschiedenen Metallen – unter anderem Mangan, Eisen, Kobalt und Kupfer – zusammensetzen und unterhalb von 4.000 Metern auf dem Meeresboden verstreut zu finden sind. 1978 initiierte das amerikanisch-kanadisch-japanische Konsortium SEDCO erste Fördertests und zeigte, dass Tiefseebergbau technisch grundsätzlich möglich ist. Innerhalb weniger Tage wurden 800 Manganknollen gefördert – was jedoch zu wenig ist, um wirtschaftlich zu sein. Dazu müssten im gleichen Zeitraum rund 5.000 Knollen gefördert werden.

Bei den Kobaltkrusten handelt es sich um Ablagerungen von Mangan, Eisen, Kobalt, Kupfer, Nickel, Platin und Spurenmetallen auf vulkanischen Substraten, die in 1000 bis 3000 Metern Tiefe an den Flanken submariner Vulkane auftreten und wegen ihres relativ hohen Kobaltgehaltes interessant sind. Allerdings wäre ein Abbau an den schroffen und steilen Vulkanhängen technisch schwieriger als das Einsammeln von Manganknollen am Meeresboden.

Als Massivsulfide und Sulfidschlämme werden erkaltete Schwefelverbindungen bezeichnet, die in 500 bis 4.000 Metern Tiefe in der Umgebung von Schwarzen Rauchern auftreten und wegen ihres hohen Wertstoffgehalts an Kupfer, Gold, Silber und Zink begehrt sind.

Gas- oder Methanhydrate bilden sich unter hohem Druck und bei niedriger Temperatur in 350 bis 5.000 Metern Tiefe und sind in der Öl- und Gasindustrie seit Langem bekannt. Die eisähnliche Substanz, die auch in Permafrostböden vorkommt, bildet Schichten von einigen 100 Metern Mächtigkeit. Es wird angenommen, dass im Meeresboden riesige Mengen Kohlenstoff in Form von Methanhydraten lagern, in der Größenordnung vergleichbar mit den weltweiten Kohlevorräten. Einige Staaten wie Japan, China, Indien, Südkorea und Taiwan unternehmen große Anstrengungen, um die Hydratvorkommen in ihren Hoheitsgebieten zu erkunden.

Auch die lebenden Ressourcen der Tiefsee sind von großem Interesse. Über 90 Prozent der in den Ozeanen entdeckten Biomasse besteht aus Mikroorganismen, Bakterien, Viren, Pilzen und Mikroalgen, deren Erforschung für Anwendungen in der Medizin, Pharmazie, Kosmetik, im Pflanzenschutz und als Nahrungsergänzungsmittel immer gefragter sind. So hat beispielsweise das renommierte US-amerikanische Meeresforschungszentrum Scripps in San Diego ein Patent auf einen Wirkstoff aus Fächerkorallen gegen Hautreizungen angemeldet, den der Kosmetikkonzern Estée Lauder in einer Hautcreme verarbeitet.

Risiken für die Umwelt

Aus den Erfahrungen an Land ist bekannt, dass Bergbau nicht ohne Beeinträchtigung der Umwelt möglich ist. Neben Lärm, Abraum und zerstörter Landschaft treten in der Tiefsee weitere Faktoren hinzu: Als kritisch wird die mögliche Trübung des Seewassers angesehen, die durch den Einsatz von Bergbaumaschinen am Meeresboden entstehen könnte, wenn Bodensedimente aufgewirbelt, zerwühlt und umgelagert werden. Der Teil, der in die Wassersäule gelangt, könnte durch Meeresströmungen im Bodenbereich verdriften. Noch ist unklar, welche Auswirkungen die Trübung des Meerwassers auf Tiefseelebewesen hat – etwa die Einschränkung der Biolumineszenz, also die Fähigkeit von Meerestieren, Licht zu erzeugen, von der angenommen wird, dass sie zur Kommunikation eingesetzt wird. Erste Forschungsergebnisse weisen darauf hin, dass Tiefseeorganismen weniger anpassungsfähig sind und daher längere Zeiträume benötigen, um sich von schädlichen Umweltauswirkungen zu erholen. Auch andere Prozesse in der Tiefsee laufen aufgrund kleiner Sedimentationsraten und sehr geringer Strömungsgeschwindigkeiten nur langsam ab, sodass Spuren am Meeresboden viele Jahre erkennbar bleiben. So zeigten Untersuchungen eines simulierten Manganknollenabbaus 1989 vor der peruanischen Küste, dass die am Meeresboden verursachten Spuren auch 2015 noch so deutlich zu erkennen waren, als wären sie gerade erst erzeugt worden. Zwar hatte im Untersuchungsgebiet eine Wiederbesiedelung stattgefunden, aber bestimmte Arten fehlten. Offenbar hatte sich die ursprüngliche Lebensgemeinschaft auch nach 26 Jahren nicht regenerieren können.[4]

In der Umgebung von Schwarzen Rauchern ist eine große Vielfalt von Leben entdeckt worden. Zum Teil handelt es sich um Arten, die nur in bestimmten Meeresgebieten vorkommen. Der Abbau von Kobaltkrusten oder Sulfidschlämmen, der nur mit schwerem Gerät möglich ist, würde diese einzigartige Lebenswelt langfristig schädigen. Umweltschützer befürchten, dass unter Umständen einzelne Arten verschwinden könnten, bevor sie überhaupt kennengelernt werden. Zwar gibt es derzeit noch keine ausgereifte Technologie, um Kobaltkrusten von den Seebergen zu brechen, aber Japan, China und Russland haben bereits 2013 Anträge an die Internationale Meeresbodenbehörde ISA gestellt, um diese zu erkunden.

Auch der mögliche Abbau von Gashydraten ist mit erheblichen Risiken für die Umwelt verbunden. Zunächst müsste gewährleistet sein, dass die Förderung bei konstanten Druck- und Temperaturverhältnissen erfolgt, um zu verhindern, dass die Gashydrate aufbrechen und Methangas – ein 15- bis 30-fach klimawirksameres Gas als Kohlendioxid – in die Atmosphäre entweicht. Eine plötzliche Methangasfreisetzung könnte zudem zur Destabilisierung von Kontinentalhängen führen und die Gefahr von Erdrutschen und Tsunamis erhöhen.

Fußnoten

1.
Vgl. United Nations Environment Programme, Ecosystems and Biodiversity in Deep Waters and High Seas, UNEP Regional Seas Reports and Studies 178/2006, S. 10, https://wedocs.unep.org/bitstream/handle/20.500.11822/11811/rsrs178.pdf«.
2.
Zit. nach Gary Kroll, America’s Ocean Wilderness: A Cultural History of Twentieth-Century Exploration, Lawrence 2008, S. 1.
3.
Vgl. Arthur C. Clarke, The Challenge of the Sea, New York 1960, S. 121.
4.
Vgl. Gerd Schriever, Tiefseebergbau: Risiken und Gefahren für die Umwelt?, 17.2.2017, http://www.wissenschaftsjahr.de/2016-17/aktuelles/das-sagen-die-experten/tiefseebergbau-risiken-und-gefahren-fuer-die-umwelt.html«.
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