Unruhige See vor Korsika

15.12.2017 | Von:
Michael Paul

Arktis und Südchinesisches Meer: Ressourcen, Seewege und Ordnungskonflikte

Anders als im schwer zugänglichen Nordpolarmeer fand im Südchinesischen Meer schon in der Antike ein reger Handelsverkehr statt. In Ostasien hat es ähnliche Bedeutung wie das Mittelmeer für Europa. Daher überrascht es nicht, dass die aufstrebende Großmacht China das sino-amerikanische Verhältnis schon vor der Amtseinführung des gerade gewählten US-Präsidenten Donald Trump im Dezember 2016 einer ersten Belastungsprobe in diesem pazifischen Randmeer unterzog.[1] Der designierte US-Außenminister Rex Tillerson versprach daraufhin "klare Signale", was chinesische Machtansprüche betreffe; der Bau künstlicher Inseln im Südchinesischen Meer müsse gestoppt werden.[2]

Der Ausbau chinesischer Außenposten war in der Tat beispiellos. Anrainerstaaten wie Vietnam haben in der Vergangenheit zahlreiche Stützpunkte im Südchinesischen Meer errichtet und erweitert, allerdings geschah dies über viele Jahre hinweg und in vergleichsweise geringem Umfang. Im chinesischen Fall wurden in wenigen Monaten mehr als zehn Millionen Kubikmeter Zement auf Riffen im Gebiet der Spratly-Inseln verbaut. Die chinesische Führung ließ Sand und Gestein vom Meeresboden saugen und auf Korallenriffs oder hinter künstlich errichteten Stützmauern aufschütten. Bis März 2015 wurde eine Gesamtfläche von über zwölf Quadratkilometern geschaffen, die der Kommandeur der US-Pazifikflotte als "Große Sandmauer" bezeichnete.[3] Darin spiegelt sich ein gewisses Verständnis für die maritime Sicherheitslage Chinas wider, aber auch die Besorgnis nach der russischen Krim-Annexion, dass Peking in Zukunft eine ähnlich aggressive Politik betreiben könnte.

In der Arktis dagegen herrscht bislang eine friedliche Zusammenarbeit der Anrainerstaaten, und im Vergleich zum Westpazifik wächst die Bedeutung arktischer Ressourcen und Seewege erst langsam. Russlands Gebietsansprüche in der Arktis sind jedoch ähnlich brisant wie die expansiven Ambitionen der Volksrepublik China im Südchinesischen Meer. Im Kern handelt es sich um latente, "eingefrorene" Konflikte. Aber wie in Ostasien der Inselkonflikt krisenhafte Elemente entwickelt, weil die von den USA geprägte Weltordnung an Bindungs- und Durchsetzungskraft verliert, so wecken schmelzende Polkappen gleichermaßen Begehrlichkeiten und Besorgnisse. Die Konfliktpotenziale sind vielfältig, denn so wie das Südchinesische Meer verfügt auch die Arktis über reiche Ressourcen, beide bieten wichtige Seewege für weltweite Handelsverkehre und sind mit Ordnungskonflikten verbunden, die eng mit der Großmachtrivalität zwischen den USA, China und Russland verknüpft sind.

Worin sind also maßgebliche Ursachen für diese potenziellen Konflikte begründet, wie ist die gegenwärtige Lage einzuschätzen, und welche Perspektiven sind damit verbunden?

Fußnoten

1.
China hatte am 15. Dezember 2016 nahe dem Scarborough-Riff eine Unterwasserdrohne der USNS Bowditch beschlagnahmt, die der Erfassung ozeanografischer Daten dient.
2.
Vgl. Michael Forsythe, Rex Tillerson’s South China Sea Remarks Foreshadow Possible Foreign Policy Crisis, in: New York Times, 12.1.2017.
3.
Vgl. Michael Paul, Eine "Große Sandmauer" im Südchinesischen Meer? Politische, seerechtliche und militärische Aspekte des Inselstreits, Stiftung Wissenschaft und Politik, SWP-Studie 9/2016.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/ Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Michael Paul für bpb.de
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.