Unruhige See vor Korsika

15.12.2017 | Von:
Günter Warsewa

Die lokale Kultur der europäischen Hafenstadt: gemeinsames Erbe Europas

Von der Wirtschaft bis zur Ausbildung spezifischer Mentalitäten und Kulturformen spiegeln gesellschaftliche Strukturen und ihre Funktionen die Auseinandersetzung mit natürlichen, geografischen und klimatischen Bedingungen wider. Um die Chancen von Küstenlagen zu nutzen und deren Risiken zu minimieren, haben sich dort spezifische Siedlungs-, Wirtschafts- und soziale Organisationsformen herausgebildet: Hafenstädte, Kaufmannsgesellschaften, spezialisierte Produktions- und Verarbeitungsindustrien, Dienstleistungsfunktionen oder Institutionen wie Hafenverwaltungen, spezialisierte Börsen, Fischmärkte, Seeversicherer, Seenotrettungs- oder Deichverbände und viele andere mehr. In der Antike vor allem im Mittelmeerraum, ab dem Mittelalter verstärkt in Nord- und Westeuropa setzte sich die funktionale Spezialisierung von Hafenstädten fort.

Bereits Max Weber wies darauf hin, dass auf der Grundlage ihrer jeweiligen Wirtschafts- und Sozialstrukturen unterschiedliche Typen von Städten – Residenz-, Konsumenten-, Produzenten-, Händlerstädte – zu identifizieren seien. Daneben beschrieb Weber aber auch die Gemeinsamkeiten, die ein zentrales Charakteristikum der abendländischen Stadt ausmachen würden: Hier hätten sich jene typischen Institutionen entwickelt, die – wie der Markt mit spezifischen Zugangs- und Funktionsregeln, Gerichtsbarkeit, Verbandscharakter und Selbstverwaltung sowie Bürgerstatus – eine der historischen Vorbedingungen des modernen Kapitalismus gewesen seien.[1]

Gestalt und Entwicklung von Städten werden in dieser Perspektive durch das Zusammenwirken von Institutionen und Wirtschafts- und Sozialstrukturen bestimmt. Immer werden aber die Entwicklungspotenziale dieses Zusammenwirkens begrenzt, verstärkt, korrigiert, ergänzt oder kompensiert durch einen Rahmen geteilter Normen, Werte, Bedeutungen, durch "Culture, Informal Rules and History".[2] Das bedeutet, dass lokale Wirtschafts- und Sozialstrukturen, lokales Institutionenarrangement und lokale Kultur ineinandergreifen, sich gegenseitig stützen und reproduzieren und so dafür sorgen, dass typische Charakteristika entstehen und eine enorme Stabilität und Prägekraft entfalten.

"Lokale Kultur" in diesem Sinne ist das Ensemble gemeinsamer Praktiken, Symbole und Bedeutungen, Sprachformen und Einstellungen, in denen sich kollektiv geteilte Erwartungen, Normen und Konventionen gleichermaßen ausdrücken und reproduzieren. Sie umfasst materielle Artefakte, etwa typische Kunstgegenstände, Gebäudeformen oder Trachten, ebenso wie kollektive Werte und gemeinsame Grundüberzeugungen, die sich ihrerseits in alltäglichen oder besonderen Praktiken widerspiegeln.[3] Die soziale Einbettung in diesen Rahmen bedeutet, dass jenseits von subkulturellen Differenzen und sozialen und ökonomischen Interessengegensätzen
  • erstens Zugehörigkeit hergestellt wird und mit wechselseitigem Vertrauen und Verlässlichkeit einhergeht,
  • zweitens Kooperationen auf gemeinsamen Handlungsorientierungen und Konventionen aufbauen können und
  • drittens Entscheidungen über wirtschaftlich oder politisch bedeutsame Alternativen in der Regel innerhalb eines kollektiv akzeptierten Rahmens getroffen werden.
Insofern ist davon auszugehen, dass lokale Kultur das Handeln individueller und kollektiver Akteure in gewissem Umfang lenkt, in einen lokal begrenzten, aber gemeinsam gültigen Rahmen stellt und so als ein Steuerungs- und Koordinationsmechanismus funktioniert, der die Entwicklung der Städte beeinflusst. Im Falle der europäischen Hafenstädte kann gezeigt werden, dass die historische Entwicklung nicht nur besondere Ausprägungen einer "hafenstädtischen" Kultur hervorgebracht hat, sondern dass die lokalen hafenstädtischen Kulturen auch einen Prozess der Angleichung durchlaufen haben, durch den sie sich insgesamt von der Kultur binnenländischer Städte unterscheiden.[4] Die kulturelle Konvergenz der Hafenstädte in Europa beruht zum einen auf dem jahrhundertelangen Austausch zwischen diesen Städten, der Übernahme beziehungsweise Adaption von Wissen, Techniken und Praktiken und zum anderen auf institutionalisierten Formen der Kooperation in Seehandelsgesellschaften, Städtebünden und Netzwerken wie der Hanse.

Fußnoten

1.
Vgl. Max Weber, Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriss der verstehenden Soziologie, Tübingen 19805 (1921/22), S. 727–741.
2.
Peter A. Hall/David Soskice, An Introduction to Varieties of Capitalism, in: dies. (Hrsg.), Varieties of Capitalism. The Institutional Foundations of Comparative Advantage, Oxford 2001, S. 1–70, hier S. 12f.
3.
Vgl. Florence R. Kluckhohn/Fred L. Strodtbeck, Variations in Value Orientations, Evanston 1961; Edgar H. Schein, Organizational Culture and Leadership, San Francisco 1992²; Günter Warsewa, The Culture of the Port City, in: ders. (Hrsg.), City on Water. Lectures and Studies from the European Urban Summer School, September 2015 at the University of Bremen, Breslau 2016, S. 18–35.
4.
Siehe hierzu und für ausführliche empirische Belege Günter Warsewa, Lokale Kultur und die Neuerfindung der Hafenstadt, in: Raumforschung und Raumordnung 5/2010, S. 373–387.
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Autor: Günter Warsewa für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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