Unruhige See vor Korsika

15.12.2017 | Von:
Felix Schürmann

Raum ohne Ort? Meere in der Geschichtsforschung

"Where are your monuments?", fragt der Schriftsteller Derek Walcott das Meer in seinem Gedicht "The Sea Is History". Das Meer schweigt, Walcott gibt selbst die Antwort: "The sea has locked them up."[1] In den Wracks versunkener Schiffe, Boote und Flugzeuge materialisiert sich die Geschichtlichkeit mariner Räume, ebenso in Seekabeln oder künstlichen Riffs. An der Seite solcher Überreste finden sich seit einigen Jahren die artefaktischen Resultate von Bestrebungen, in den Meeren Museums-, Kunst- und Archivräume zu schaffen: Im Schwarzen Meer etwa haben ukrainische Taucher ab 1992 dutzende Büsten sozialistischer Größen versenkt – und so ein Unterwasser-Pantheon der zerfallenen Sowjetunion entstehen lassen. Vor Grenada, Cancún, Lanzarote und den Bahamas baut der britische Künstler Jason deCaires Taylor seit 2006 submarine Skulpturenparks, die das Verhältnis des Menschen zu seiner meeresökologischen Umwelt thematisieren.

Spuren von Vergangenheit offenbaren auch die Oberflächen der Meere. Als vergegenständlichte Zeugnisse menschlicher Arbeit erheben sich von ihnen etwa die skelettartigen Ruinen aufgegebener Bohrplattformen oder Seebrücken. Auch zeigen Besuche von Veteranengruppen an Schauplätzen einstiger Seeschlachten, dass sich kollektive Erinnerung selbst an die unbebaute Meeresoberfläche zurückbinden lässt.

Und dennoch: Die Zahl der realen wie imaginären Orte, an denen Vergangenheit zu Raum geronnen ist,[2] bleibt in marinen Seeschaften hinter der in kontinentalen Landschaften zurück. Jede Stadt offenbart in ihrer baulichen Gestalt zeitliche und kulturelle Schichten. Jeder Acker kann über den agrarischen Wandel vergangener Zeiten Auskunft geben. Jeder Baum, jede Bank, jede Wiese vermag einen Menschen an intime Erlebnisse seiner individuellen Lebensgeschichte zu erinnern. Und die Meere? Auf ihnen gab und gibt es Grenzen, aber keine Zäune; Verkehr, aber keine Straßen; Kriege, aber keine Gräber. Gemessen an der Ortsfülle des Landes trägt die See nur wenige Spuren des Vergangenen. In der Retrospektive wirkt das historische Geschehen auf den Meeren dem Gebiet seines Entspringens auf seltsame Weise entrückt. Ein Raum ohne Ort, so scheint es fast.

In verflüssigter Umgebung mangelt es an verfestigten Orten, an Wissensspeichern und Erinnerungszeichen, von denen Geschichtserzählungen ihren Ausgang nehmen können. Welche Wege beschreitet die Geschichtsforschung, um in Anbetracht dieser Herausforderungen die Meere als historische Räume zu fassen? Wo liegt der historische Ort des Ozeans?

Arenen und Verkehrswege

Mit den Meeren haben sich Historiker schon in der Frühphase der Verwissenschaftlichung der Geschichtsschreibung befasst. Anfang des 19. Jahrhunderts aber beschränkte sich ihr Interesse auf wenige Bereiche des historischen Geschehens zur See, vor allem auf den militärischen: Unter dem Eindruck der Napoleonischen Kriege (1792–1815) entstanden vor allem in Großbritannien und Frankreich ab den 1820er Jahren oft mehrbändige Abhandlungen über die Seeschlachten der zurückliegenden Jahrzehnte und ihre Hauptprotagonisten.[3] So besehen erschien der Meeresraum als weitere Arena des Ringens zwischen Völkern, Staaten und "großen Männern", in dem man seinerzeit die eigentliche Geschichte zu erkennen meinte.

Die Beschäftigung mit dem Maritimen weitete sich in der zweiten Jahrhunderthälfte auf zivile Bereiche der Seefahrt aus, etwa auf die Handelsschifffahrt und den Walfang.[4] In der dabei vorherrschenden (national)ökonomischen Betrachtung galten die Meere zuvorderst als Wirtschaftsräume und Verkehrswege. Stärker als in der Marinegeschichtsschreibung schien so die verbindende Dimension des Meeresraums auf, wie sie Immanuel Kant in seiner Schrift "Zum ewigen Frieden" (1795) prominent herausgestellt hatte.

Indes verhalfen die geopolitischen Rivalitäten des hochimperialistischen Zeitalters der Geschichtsschreibung über Seemächte und Seekriege ab etwa 1890 zu einem neuerlichen Popularitätsschub. Untersuchungen über Flottenpolitik und Taktikentwicklung galten den politischen und militärischen Eliten Europas und der Vereinigten Staaten als wertvolle Ratgeber; am Vorabend des Ersten Weltkrieges zählten manche Marinehistoriker zu den einflussreichsten Intellektuellen ihrer Zeit.[5]

Weil aber das Geschehen auf See im Weltkrieg entgegen verbreiteter Erwartungen keine entscheidende Rolle spielte, mehrten sich nach 1918 die Zweifel am Anwendungsnutzen der Marinegeschichtsschreibung. Zugleich sahen sich Marinehistoriker alter Schule mit neuen Ansätzen des Zugriffs auf ihre Themen konfrontiert. In Deutschland etwa analysierte Eckart Kehr die wilhelminische Flottenpolitik als imperiales, von Kapitalinteressen durchwirktes Projekt. In den Vereinigten Staaten reüssierte Elmo Hohman mit einer sozialhistorischen Untersuchung über Arbeitsbedingungen einfacher Seeleute.[6] Zwar fanden Studien über Seeschlachten, Marinestrategien und bedeutende Offiziere weiterhin ihr Publikum – und finden es bis heute. Doch ihre Verfasser handelten sich mehr und mehr den Ruf detailversessener Kanonenzähler ein, die über den Tellerrand ihres Spezialgebiets hinaus wenig über die eigentliche Geschichte zu sagen hätten.

Das freilich hing auch mit einem Wandel des Verständnisses davon zusammen, was Geschichte ausmacht. In Frankreich entwarfen Historiker ab den 1920er Jahren das ambitionierte Programm einer Histoire totale: Die bis dahin isoliert voneinander beforschte Politik-, Militär-, Sozial-, Wirtschafts- und Kulturgeschichte sollte in ganzheitliche Großanalysen zusammengeführt werden. In diesem Sinne untersuchte Fernand Braudel in seinem 1949 erschienenen Hauptwerk über die mediterrane Welt des 16. Jahrhunderts das Mittelmeer als Kristallisationsraum politischer, wirtschaftlicher, gesellschaftlicher und kultureller Strukturveränderungen. Anders als in Studien zur Marinegeschichte und zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Seefahrt begriff Braudel das Meer nicht als Behältnis, in das sich vom Land ausgehende Vorgänge gewissermaßen verlängerten. Vielmehr galt es ihm als geohistorisches Bedingungsgefüge, auf das Menschen ihr Handeln orientierten und das die Geschichte seinerseits umfassend prägte.[7]

Fußnoten

1.
Derek Walcott, Selected Poems, New York 2007, S. 137.
2.
Zur Idee der raumgewordenen Vergangenheit siehe Walter Benjamin, Das Passagen Werk, Gesammelte Schriften, Bd. 5, Frankfurt/M. 1982, S. 1041.
3.
Prominente Vertreter der ersten Generation von Marinehistorikern sind etwa Edward Pelham Brenton, Charles Cunat, Alberto Guglielmotti und William James.
4.
Vgl. etwa William Schaw Lindsay, History of Merchant Shipping and Ancient Commerce, 4 Bde., London 1874–1876; Alexander Starbuck, History of the American Whale Fishery from Its Earliest Inception to the Year 1876, Waltham 1878.
5.
Breite Rezeption erfuhren etwa Darstellungen von Julian Corbett, Alfred Thayer Mahan, Philip Howard Colomb, Raoul Castex und Cesáreo Fernández Duro.
6.
Vgl. Eckart Kehr, Schlachtflottenbau und Parteipolitik 1894–1901, Berlin 1931; Elmo P. Hohman, The American Whaleman, New York u.a. 1928.
7.
Vgl. Fernand Braudel, La Méditerranée et le monde méditerranéen à l’epoque de Philippe II., 3 Bde., Paris 1949.
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Autor: Felix Schürmann für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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