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26.5.2002 | Von:
Klaus W. Wippermann

Editorial

Der Umgang mit der Zeitgeschichte ist in Deutschland aus verständlichen Gründen ein Problem. Allerdings verweisen die mittlerweile unüberschaubar gewordenen Bibliotheken zeitgeschichtlicher Literatur fast schon wieder auf einen deutschen "Sonderweg".

Einleitung

Der Umgang mit der Zeitgeschichte ist in Deutschland aus verständlichen Gründen ein Problem - auch wenn die mittlerweile unüberschaubar gewordenen Bibliotheken zeitgeschichtlicher Literatur sowie die große Zahl der Gedenkstätten fast schon wieder auf einen deutschen "Sonderweg" verweisen. Problematisch ist eher, wie die unterschiedlichen Erinnerungen aufgrund unterschiedlicher Erfahrungen in der Generationenfolge zu einer gemeinsamen Erinnerung - auch im Sinne einer nationalen Identität - werden können. Noch aber gibt es allzu oft ein Spannungsverhältnis zwischen persönlicher Erinnerung, öffentlichem Gedenken sowie strittigen politisch-historischen Diskussionen.

Wenn Politik die Geschichte instrumentalisiert, wird daraus "Geschichtspolitik" - das hat es zu allen Zeiten und in allen Systemen gegeben. Umgekehrt kann Politik ohne historische Bezüge nicht verantwortlich gestaltet werden. Die Geschichtswissenschaft ist daher angesichts dieser beiden Aspekte gefordert, das rechte Maß zu finden, weder Verführerin noch Verführte zu sein. Peter Steinbach plädiert in seinem Essay dafür, sich in den allzu oft ideologischen Geschichtsdebatten um mehr Differenziertheit und Reflexivität zu bemühen.

Die Geschichtswissenschaft, insbesondere die Zeitgeschichte, von politischen Vorgaben freizuhalten ist auch das Anliegen Horst Möllers. Dies wird jedoch dann recht schwierig, wenn es um die Erinnerungskultur geht, die in der Bundesrepublik besonders ausgeprägt ist. Auch hier muss gemeinsam das rechte Maß gefunden werden im Hinblick darauf, dass nicht zuletzt durch die zweimaligen Systemumbrüche ganz unterschiedlicher Opfer zu gedenken ist sowie das Handeln ebenso unterschiedlicher Täter offengelegt werden muss.

Dass die Vermittlung von Zeitgeschichte vielfältig oder einfältig sein kann, erleben wir täglich in den Medien. Was aber prägt unser Geschichtsbild wirklich? Dieser Frage geht Hans Günter Hockerts in seinem Beitrag anhand einer Vielzahl von Beispielen nach. Die durchaus nicht konfliktfreie Spannweite reicht vom Boulevardblatt über den Geschichtsunterricht, Museen und Ausstellungen bis zu wissenschaftlichen Symposien. Was aber wirklich bleibt und prägt, ist wohl auch von Moden und dem "Zeitgeist" beeinflusst - und dies ist zugleich wieder ein Thema für die Zeitgeschichtsforschung selbst.

Wenn "Laien" in der Beurteilung ihrer Zeit oder vorangegangener Epochen irren, dann ist das wohl verständlich. Anders verhält es sich bei Historikern, deren Beruf die differenzierte, objektive Analyse ist - oder doch sein sollte. Martin Sabrow untersucht, wie Historiker nach den Umbrüchen von 1945 und 1989/90 in biographischen Rückblicken ihre in den jeweiligen Systemen geleistete Arbeit im Nachhinein darstellen und bewerten. Seine Ergebnisse können u. a. auch als eine Aufforderung dafür gelten, ideologisierte Geschichtsbilder als solche frühzeitig zu erkennen.

In diesem Zusammenhang wird auch immer wieder die Frage gestellt, welche Bedeutung die DDR in der deutschen Geschichte hat. Ist sie geschichtsphilosophisch als Sühne für die Verbrechen des Dritten Reiches zu verstehen - wie nicht wenige Intellektuelle meinten -, oder war sie das politische Experiment einer ideengeschichtlichen Alternative oder schlicht das Ergebnis eines imperialen sowjetischen Machtkalküls? Werner Müller geht in seinem Beitrag diesen unterschiedlichen Deutungen nach, auch unter Berücksichtigung des in verschiedenen Manifesten formulierten politischen Selbstverständnisses und entsprechender Legitimationsbemühungen der DDR-Führung.