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26.5.2002 | Von:
Peter Steinbach

Geschichte und Politik - nicht nur ein wissenschaftliches Verhältnis

In den Auseinandersetzungen um Denkmäler, Museen und Gedenktage ist sichtbar geworden, dass Deutungen der Vergangenheit stets auch ein Politikum sind. Dies hat Konsequenzen für den Umgang mit der Vergangenheit.

I. Abschnitt

Mit dem Umbruch, der sich 1989/90 in Europa ereignete, kehrte die Geschichte in die Politik zurück. Am wenigsten überraschte dies vielleicht die Deutschen. Sie hatten nach 1945 auf eine besonders intensive Weise - die manche Historiker sogar als Sonderweg der Vergangenheitsbewältigung bezeichneten - mit ihrer Zeitgeschichte gelebt. Politik war nach 1945 vorrangig durch die Aufgabe der Bewältigung vergangener Politik geprägt und damit immer wieder zur "Politikfolgenbewältigung" (Claus Offe) geworden. Zu der Verantwortung, die aus der Vergangenheit resultierte, haben sich die Deutschen als zu einer sie verpflichtenden Last bekannt und sich auf eine unvergleichliche Weise auch als Schuldgemeinschaft empfunden. Gleichwohl war es den Deutschen trotz ihres gemeinsamen Erschreckens über die "deutsche Katastrophe" (Friedrich Meinecke) und in heftigen Auseinandersetzungen um das eigene Geschichtsbild nicht gelungen, eine gemeinsame Überzeugung von den historischen Grundlagen deutscher Nachkriegspolitik herauszubilden. Denn die Erinnerungen einer landsmannschaftlich, konfessionell und politisch außerordentlich differenzierten Gesellschaft ließen sich kaum in ein gemeinsames Geschichtsbild zusammenfassen. Hinzu kamen die Folgen der deutschen Teilung, die auch das deutsche Geschichtsbild nach 1945 gespalten hatte.

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  • Diejenigen, die sich an das Ende des Dritten Reiches erinnerten, verbanden damit höchst unterschiedliche persönliche Empfindungen. Manche fühlten sich von der nationalsozialistischen Herrschaft befreit, für andere aber standen die Last der Teilung, der Verlust der Heimat, die Zerstörung ihrer Städte, die Schrecken von Flucht und Vertreibung oder der noch viele Jahre dauernden Gefangenschaft im Mittelpunkt ihres Rückblicks. Kollektives, durch Politiker und Publizisten vermitteltes Gedenken und individuelle Erinnerung ließen sich offensichtlich nur schwer in einen Gleichklang oder gar in Deckung bringen - und wenn dies schließlich in gewisser Hinsicht gelang, so war das die Folge einer gemeinsamen und im Laufe der Zeit akzeptierten Bemühung um ein "integrierendes Gedenken", in dem die Erinnerung an Schuld und Verantwortung im Vordergrund stand.

    Unübersehbar war also, dass die Deutung der Vergangenheit oftmals ein Politikum war. Politiker, die ein als falsch empfundenes Wort gesagt hatten, mussten zurücktreten. Auseinandersetzungen über Denkmäler, Museen, Gedenkfeiern hatten unmittelbar politisierende Wirkungen und rückten politisch vermittelte Deutungsangebote eines angemessenen Gedenkens rasch in das Zentrum von Parteienstreit, der durch die Bedingungen der Mediengesellschaft noch verstärkt wurde. Insofern lenkte der Umbruch von 1989/90 den Blick auf eine weniger medial inszenierte, sondern nun auch von der nachwachsenden Generation selbst erlebte, zudem tief in der historischen Erfahrung verankerte Geschichte, die geradezu eine politisch-existenzielle Dimension besaß. Geschichte war augenscheinlich doch mehr als ein Politikum in innenpolitischen Auseinandersetzungen. Sie war auch zum wichtigen Faktor internationaler Politik geworden, wie die Demonstration historischer Parallelen zu den "ethnischen Säuberungen" in Jugoslawien zeigte.

    Die entschiedene Reaktion auf jene Vorgänge widersprach zugleich der These, die Geschichte sei mit dem Zusammenbruch der kommunistischen Diktaturen und dem Sieg der liberalen Systeme an ihr Ende gekommen oder habe gar einen neuen Aggregatzustand - die "Post-Histoire" - erreicht. Die vielerorts aufbrechenden ethnischen Konflikte in der untergehenden Sowjetunion, in Ostmittel- und Südosteuropa machten deutlich, wie anhaltend prägend kollektive Erinnerungen mit ihren historischen Tiefenschichten sind. Volksgruppen, Völker und Staaten erinnerten sich an die Zwischenkriegszeit, wollten an Epochen und Entwicklungen anknüpfen, die durch die Diktaturen des 20. Jahrhunderts angeblich dauerhaft und unwiderruflich abgeschnitten worden waren. Es verging nur eine kurze Frist, bis auf dem Balkan die Volksgruppenkämpfe aufflammten, die schon den Beginn des Jahrhunderts geprägt hatten.