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26.5.2002 | Von:
Peter Steinbach

Geschichte und Politik - nicht nur ein wissenschaftliches Verhältnis

II. Abschnitt

Die Konsequenzen einer plötzlich in die Politik der Gegenwart zurückgekehrten "Geschichte" sind in der sozial- und politikwissenschaftlichen Forschung noch nicht gezogen worden. Weiter werden abstrakte Modelle entwickelt, orientiert man sich unverdrossen an Theorien, die Politik als Markt der Möglichkeiten konstruieren und den Eindruck erwecken, wir hätten in der Politik immer die Freiheit der Wahl. Dabei kommt es längst darauf an, die Voraussetzungen unserer gegenwärtigen Politik aus historisch entstandenen Befindlichkeiten, Erfahrungen und Zwängen zu erkennen - also zu akzeptieren, dass gegenwärtige Politik immer die historischen Bedingungen von Entscheidungen oder Veränderungen zu respektieren hat. Wenn es gilt, dass gegenwärtige Politik immer auch Politikfolgenbewältigung ist, dann bleibt die Vergangenheit stets eine wichtige Rahmenbedingung, wenn nicht das Rückgrat der Politik.

Wenn man in den Gedenkfeiern von der Fortwirkung der Vergangenheit in der Gegenwart sprach und das "Nie wieder!" beschwor, dann half das oftmals nicht, denn manche negativen Entwicklungen hatten die Gegenwart anderenorts schon längst wieder erreicht. In den Geschichtsappellen hatte man vor allem an die Bewältigung der Kriegsfolgen, an die Verpflichtung zur Wiedergutmachung, an die Vergangenheitsbewältigung durch Erinnerung und an die Kulturleistung des Gedenkens gedacht. Die Auseinandersetzung mit der Geschichte schien zumeist eine Übung in historisch-politischer Reflexion zu sein - interessant für die Feuilletons, reizvoll für Tagungen, belebend für Party-Gespräche. Die moralische Ästhetik vieler Diskurse ließ übersehen, dass es sich nicht selten in vielen Teilen der Welt wiederum um blutigen Ernst handelte, der die Geschichte zum Faktor der Politik machte.

Geschichte als der Stoff, aus dem die Diskussionen der Intellektuellen sind, geht in der Erinnerung und in der Politik allein nicht auf. Dies spüren jene, die bis heute unter den Folgen einer bedrängten, beschädigten, verfehlten Lebensgeschichte leiden. Verfolgte, Zwangsarbeiter, Vertriebene, Gefolterte, Inhaftierte, Menschen, deren Angehörige im Krieg oder in den Nachkriegswirren umgekommen sind, leben mit ihrer Geschichte und verlangen Respekt, Wiedergutmachung, die Erklärung von Verantwortung und Schuld. Noch immer wird zu wenig deutlich, dass es dabei nicht um Prinzipien oder Ideologien geht, sondern um konkrete Schicksale.

Ein Blick über die deutschen Grenzen - etwa nach Polen, wo am Beispiel der Gemeinde Jewabne über die Beteiligung der Polen an den Verfolgung der Juden gestritten wird, nach Frankreich, wo das Vichy-Regime weiterhin ein Stachel im Fleisch der französischen Gesellschaft ist, oder in die Schweiz, wo es um die Immigrationsbedingungen und die Abweisung von Flüchtlingen vor 1945 geht, oder nach Tschechien, wo man jetzt mehr, als die Deutschen wahrnehmen, über die Benes-Dekrete diskutiert - macht deutlich, dass die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit mehr als eine politisch aktuelle Aufgabe der Nachlebenden ist. Überall wurde die Geschichte zu einer neuen Dimension der Politik und zwang die Politiker, die historischen Grundlagen der Gegenwart schärfer in den Blick zu nehmen. Denn die europäische Gesellschaft, die nach den Umbrüchen der Jahre 1989/90 entstand, musste die Voraussetzungen wie die Erfahrungen ihrer vergangenen, oft gewaltsamen Transformationen seit der Zwischenkriegszeit als Faktor zukünftiger und erstrebter politischer Veränderungen ernst nehmen. Die deutsche Vereinigung konnte ebenso wie die europäische nur dann gelingen, wenn ihre ideellen wie historischen Wurzeln denjenigen bewusst waren, die aus unterschiedlichen Staaten und Gesellschaften eine neue politische Gemeinsamkeit erwachsen lassen wollten. Innerhalb der politischen Bildung hat sich der Bedeutungswandel des Historischen allerdings noch nicht im notwendigen Umfang niedergeschlagen: Geschichte ist weit davon entfernt, als Summe bisheriger politischer Erfahrungen wahrgenommen und damit als Rückgrat politischer Bildung anerkannt zu werden.