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26.5.2002 | Von:
Peter Steinbach

Geschichte und Politik - nicht nur ein wissenschaftliches Verhältnis

III. Abschnitt

Politikwissenschaftler stehen wohl immer in besonderer Weise unter dem Eindruck des Wandels in der Zeit und verändern deshalb in der Regel mehrmals den Grundansatz ihres wissenschaftlichen Zugriffs. Sie bahnen sich den Weg zur Wirklichkeit auf vielfältige Weise, die im Rückblick oftmals mehr über die Forschung als über die untersuchte Wirklichkeit aussagt. Geschichte hingegen ist abgeschlossen und nicht beeinflussbar - sie erzeugt den Rahmen für jene, die Verhältnisse politisch verändern und neu gestalten wollen. Analyse der Geschichte in Verbindung mit sozialwissenschaftlichen Fragestellungen - dies zielt auf die Durchdringung einer Komplexität, die Gegenwart nicht nur als Ergebnis der Vergangenheit sieht, sondern darauf abstellt, die Auswirkungen der Vergangenheit für die Zukunft zu erkennen. Dabei geht es vorrangig nicht allein um Modellbildungen oder intertemporale und interregionale Vergleiche, sondern es kommt auch auf die bewusste Reflexion von vergangenen Konstellationen der Politik für die Gegenwart an. Es geht mithin bei einer Verbindung von Geschichts- und Politikwissenschaft um eine Dimensionierung der Komplexität in historischer Perspektive.

Dass die Geschichte wirklich die Lehrmeisterin (guten) Lebens gewesen sei, das wird heute, nach den Erfahrungen im Europa der Diktaturen des letzten Jahrhunderts, kaum jemand mit Überzeugung behaupten können. In der Geschichte verbirgt sich offenbar auch kein tieferer Sinn, und mit der Krise der Fortschrittshoffnungen wird auch deutlich, dass es kein Entwicklungsziel der Geschichte gibt. Hinzu kommen methodische Entwicklungen moderner Wissenschaft. So hat sich auch die Einheit der Geschichtswissenschaft im Zuge einer Ausdifferenzierung der Wissenschaften in methodischer Hinsicht und in ihren räumlichen und sachlichen Bezügen aufgelöst. Viele neue historische Bindestrichdisziplinen sind entstanden: Zeit- und Verfassungs-, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte haben sich fast zu eigenen Disziplinen mit eigenständigen Methoden und Fragestellungen entwickelt. Hochspezialisierte Ansprüche der Fachvertreter haben dabei das Interesse der Öffentlichkeit an den Forschungsergebnissen schwinden lassen. Wenn Historiker aber erzählende Darstellungen lieferten, sank das Interesse der Vertreter von benachbarten Fächern - sahen diese doch in der historischen Erzählung vielfach weniger die verständlich aufbereitete Forschungssynthese als vor allem den Ausdruck willkürlicher, beliebiger Interpretationen.

Unbestritten ist, dass sozialwissenschaftliche Forschungen historischer Fundierung bedürfen, ebenso wie geschichtswissenschaftliche Untersuchungen nicht auf sozialwissenschaftliche Fragestellungen und Methoden verzichten können. Die Perspektive der Geschichtswissenschaft veränderte sich nicht zuletzt unter dem Einfluss der grundlegenden Herausforderungen und Wandlungen unseres Jahrhunderts: In den engen Grenzen des Nationalstaates lässt sie sich nicht mehr rechtfertigen und strebt nach europäischen Vergleichen oder gar nach der Darstellung welthistorischer Zusammenhänge. Dadurch haben sich neue Berührungspunkte zu den Sozialwissenschaften im weitesten Sinn ergeben, die immer auch Analysen von Veränderungen im Zeitverlauf angestrebt haben und die ihrerseits aus diesem Grunde der Geschichtswissenschaft als einer wichtigen Korrektivwissenschaft bedürfen. Es wird also für Geschichtswissenschaftler immer wichtiger, sozialwissenschaftliche Modelle und Theorien mit den spezifischen Fragestellungen der eigenen Disziplin zu verbinden. Aus diesem Grunde wird das Spannungsfeld Politik und Geschichte nicht nur durch realhistorische Aspekte, sondern auch durch methodische Reflexionen zu bestimmen sein.

Stand nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der Befreiung von der NS-Diktatur zunächst die Frage nach dem Scheitern der Weimarer Republik, nach der Entstehung und den Strukturen des NS-Staates sowie der Wiederbegründung einer zweiten deutschen Demokratie (und einer zweiten deutschen Diktatur) im Mittelpunkt des historisch-politikwissenschaftlichen Fragens, so hat sich dieses Interesse mit der Entstehung einer wissenschaftlichen Zeitgeschichte als geschichtswissenschaftliche Teildisziplin auf die Geschichtswissenschaft selbst verlagert. Den Vertretern der historisch-politikwissenschaftlichen Teildisziplin geht es nun vor allem darum, systematische Fragestellungen aufzunehmen, sie zugleich aber dezidiert in historische Perspektiven zu rücken - etwa die Entstehung von politischen Grundstrukturen und Elementen des politischen Prozesses nachzuzeichnen, sie in ihrer Dynamik zu begreifen, politische Begriffe als Resultat historisch-politischer Konzepte zu erfassen oder deutlich zu machen, in welchem Maße gegenwärtige politische Herausforderungen auch Folgen vergangener und nicht selten Jahrhunderte zurückliegender politischer Konstellationen, Konflikte und Entscheidungen sind. Aktuelle Politik scheint immer öfter unter der Notwendigkeit einer Politikfolgenbewältigung zu stehen - dieses Verständnis von Politik setzt aber die Einsicht in die zeitliche, also historische Dynamik politischer Konstellationen voraus.