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26.5.2002 | Von:
Peter Steinbach

Geschichte und Politik - nicht nur ein wissenschaftliches Verhältnis

IV. Abschnitt

Politik, die in dieser Weise mit der Vergangenheit verknüpft wird, spiegelt nicht nur Folgen vergangener Entscheidungen und Entwicklungen, sondern sie hat auch zunehmend die Deutung der Vergangenheit als einen Faktor gegenwärtiger politischer Auseinandersetzungen anzuerkennen. Deutungen der Vergangenheit sind nicht selten das Ergebnis politischer Auseinandersetzungen, der "Geschichtspolitik". Geschichte ist somit nicht mehr allein das Ergebnis vergangener Politik, sondern eine bestimmte Deutung der Vergangenheit wird vielfach zur wichtigen Voraussetzung neuer politischer Auseinandersetzungen und damit zu einem wichtigen Element politischer Gestaltung. Die kritische Aufarbeitung der Vergangenheit ermöglicht eine bessere Orientierung politischen Verhaltens, indem sie Handlungsvoraussetzungen klärt - dies ist eine Grundannahme der alten Vorstellung von der Geschichte als der Lehrmeisterin des Lebens. Moderne Geschichtswissenschaft, die sich als historische Sozialwissenschaft versteht, und eine historisch orientierte Politikwissenschaft, die sich zur Aufgabe macht, systematisch Zusammenhänge des Wandels von Strukturen und Institutionen oder Konstellationen und Mentalitäten im Zeitablauf freizulegen, verschränken sich gegenseitig - zum Vorteil beider Disziplinen.

Fragen wir nach den Voraussetzungen und nach der Wirklichkeit von Macht und Herrschaft, nach den Voraussetzungen ihres Erwerbs ebenso wie nach deren Gebrauch, schließlich nach Verfall oder Verlust von Macht, dann richtet sich unser Interesse auf die Bedingungen politischen Handelns - auch um die Struktur und den Wirkungszusammenhang unterschiedlicher Systeme zu erhellen. In der Regel wird dabei schnell deutlich: Die Zustände der Welt folgen nicht im chronologischen Sinne aufeinander, sondern im genetisch-kausalen Sinne auch auseinander. Deshalb sind multikausale Erklärungsansätze in der historisch-politischen Analyse in besonderer Weise notwendig. Hier liegt die Bedeutung der historischen Grundlagen der Politik: Allgemein formuliert geht es darum, die Entstehung gesellschaftlicher und politischer Probleme, ihrer Strukturen und der dahinter stehenden Interessen unter einem bewusst historischen Blickwinkel herauszuarbeiten. Mit der ganzen Komplexität historischer Prozesse werden wir vor allem dann konfrontiert, wenn wir versuchen, zeitübergreifende Vergleiche vorzunehmen und uns dabei die Frage stellen, ob - und gegebenenfalls welche - Unterschiede oder Gemeinsamkeiten im Hinblick auf bestimmte politische Strukturen oder Entwicklungen bestehen. - national wie international.

Geschichte ist aber niemals allein die vergangene Wirklichkeit. Geschichte ist auch das Bild, das sich Menschen von ihr machen. Deshalb müssen wir erkennen, dass politische Konstellationen der Gegenwart sehr häufig in Gestalt von Geschichtsbildern wahrgenommen werden, die der vergangenen Wirklichkeit oft nicht entsprechen. Geschichtsbilder sind oftmals bewusst durch Eliten erzeugt und durchgesetzt worden; sie werden deshalb als "Konstrukte" bezeichnet, die wiederum ideologische Debatten auslösen oder, wie Wahlkämpfe zeigen, politische Wirkungen entfalten können. Hier wird vom Historiker verlangt, dass er einseitige Bilder von der Vergangenheit korrigiert. Der historisch orientierte Politikwissenschaftler will überdies die politische Funktion bestimmter Deutungen der Vergangenheit analysieren. Er untersucht die Auseinandersetzungen um die Interpretation der Vergangenheit unter dem Aspekt von - häufig ideologischen - Auseinandersetzungen um Geschichtsbilder und um Versuche, ein gleichsam "kollektives" Geschichtsbewusstsein zu prägen. Dies, so sollte man meinen, wird in pluralistischen Gesellschaften immer schwieriger, denn weil die Strukturen unserer Gegenwart historisch entstanden sind, sollten sie immer auch vor dem Hintergrund möglicher historischer Alternativen bewertet werden. Die politische Funktion von Geschichte zu analysieren, kann in einer offenen Gesellschaft also auch darauf abzielen, Legenden und Mythen als solche zu erkennen. Und dies wiederum verlangt, dass wir uns auch jene Entwicklungen vergegenwärtigen und Möglichkeiten reflektieren, die sich in den historischen Entwicklungen nicht als "Sieger" durchgesetzt haben.