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26.5.2002 | Von:
Peter Steinbach

Geschichte und Politik - nicht nur ein wissenschaftliches Verhältnis

V. Abschnitt

Politikwissenschaft kommt niemals ohne Modelle und Theorien aus und bedarf deshalb in ganz besonderer Weise klarer begrifflicher Grundlagen. Ihre Begriffe entstammen in der Regel nicht den Epochen, auf die sie angewendet werden - dies macht zuweilen die großen Verständigungsschwierigkeiten zwischen der Geschichtswissenschaft und der Politikwissenschaft aus. Während der Historiker in geschichtlichen Ereignissen und Entwicklungen Vorgänge von hochgradiger Individualität und Einmaligkeit sieht, wollen historisch orientierte Sozialwissenschaftler gerade durch Vergleiche versuchen, Voraussetzungen, Strukturen, Verläufe und auch Folgen von Ereignissen präziser zu bestimmen.

Verändern sich geschichtswissenschaftliche Theorien, Methoden und Interpretationen grundlegend, dann kann dies ein Signal für eine tief greifende Veränderung der öffentlichen Wahrnehmung der Vergangenheit, aber auch der Funktion der Geschichte für die politischen Auseinandersetzungen sein. Dies wurde deutlich, als man in Deutschland in den sechziger Jahren über die Fragen stritt, wie die Verantwortung für den Ausbruch des Ersten Weltkrieges zu klären sei. Auch der "Historikerstreit" war ein wichtiges Anzeichen für die Veränderung der Bedeutung der Geschichte für die Politik. Zunehmend werden Auseinandersetzungen um das Spannungsverhältnis von persönlicher Erinnerung und öffentlichem Gedenken, um die Inhalte von Schulbüchern, um Denkmale, Gedenkfeiern oder Ausstellungen, um die Voraussetzungen und Folgen der Aufarbeitung der Geschichte des Dritten Reiches oder der DDR, um Museen und Geschichtsbilder geführt.

Die Deutung der Vergangenheit wird dabei nicht nur zum Streitfall, sondern sie kann auch, national wie international, zum Ziel politischer Einflussnahme werden - sei es, um bestimmte Inhalte kollektiver Identität zu beeinflussen, sei es, um politische Gegner mit historischen Argumenten zu bekämpfen, sei es, um in den internationalen Interessenkonflikten Ansprüche historisch zu rechtfertigen. Nicht selten wird in diesem Zusammenhang "Gedenken" instrumentalisiert. Die Folge einer solchen Beschäftigung mit der Vergangenheit ist dann der politische Konflikt, die Polarisierung der Öffentlichkeit; Zielsetzung ist nicht mehr die Rezeption der Vergangenheit im kritischen Urteil der Nachgeborenen. Es geht dann häufig um eine bestimmte kollektive Identität statt um Aufklärung. Vergangenheitserforschung und Gegenwartserfahrung sind unlösbar miteinander verschränkt - was auch die Einsicht in die Zeitbedingtheit von Fragen einschließt.

Wissenschaftlicher Fortschritt spiegelt deshalb immer einen Entwicklungsprozess wider. Forschung ist immer von bestimmten Interessen bzw. Voraussetzungen geleitet. Deshalb stellt auch jede Generation neue Fragen an die Geschichte, nicht zuletzt auch an die Historiker, die sich aus dem jeweiligen Horizont ihrer Gegenwart mit der Analyse der Vergangenheit befassen. Geschichtsschreibung zeichnet sich deshalb immer auch durch das politisch relevante Ziel aus, die vielfältigen Zusammenhänge zwischen Interessen, Abhängigkeiten und Absichten zu durchschauen, die das Bild von der Geschichte bestimmen. Neben den Deutungen der Vergangenheit steht die durch "Quellen" zu erschließende vergangene Wirklichkeit, die mit den Methoden empirischer Sozialforschung ebenso präzise bestimmt werden soll wie mit dem Instrumentarium geschichtswissenschaftlicher Forschung. Es geht also nicht nur darum, dass jede Generation neue Fragen an die Geschichte stellt - es geht auch darum, zu erkennen, wie zuverlässig die jeweiligen Beantwortungsversuche sind.

Es ist ein vielfach gehörter Gemeinplatz, dass ohne eine gründliche Erfassung der geschichtlichen Dimensionen Politik nicht angemessen analysiert werden könne. Die Vergangenheit bietet dem Politikwissenschaftler ein breites Feld für seine Theorie- und Modellbildung ebenso wie für die Interpretationen und Illustrationen seiner Thesen. Die Auseinandersetzung mit den geschichtlichen Grundlagen der Politik ist mehr als eine politikwissenschaftliche Teildisziplin und fachwissenschaftliche Perspektive. Sie zielt auf die Analyse des politischen Wandels in der Zeit und dessen Bewältigung in der Gegenwart. Sie berücksichtigt im fachwissenschaftlichen Zusammenhang, dass keine kultur- und sozialwissenschaftliche Disziplin ohne historische Fundierung auskommt, und sie erhebt den Anspruch, dass gerade diese Fundierung wissenschaftlicher Analyse erkennbar und zugänglich gemacht werden muss. Dies macht den Umgang mit Geschichte interessant, zuweilen auch politisch brisant - und zugleich sichtbar, dass die Deutung der Vergangenheit unausweichlich und deshalb unvermeidlich eine politische Dimension besitzt.