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26.5.2002 | Von:
Horst Möller

Erinnerung(en), Geschichte, Identität

Kultur ohne Geschichte ist theoretisch undenkbar und praktisch unmöglich; es kommt also darauf an, in welcher Form sich eine Gesellschaft ihrer Geschichte stellt.

I. Abschnitt

Lernen aus der Geschichte setzt voraus, dass Geschichte gelehrt wird. Der Topos, man müsse aus der Geschichte lernen, ist alt - schon Cicero sagte: Historia magistra vitae. Aber wo eine These ist, findet sich auch eine Antithese, beispielsweise bei Winston Churchill: Das einzige, was man aus der Geschichte lernen könne, sei, dass man nichts aus ihr lerne: Dem Optimismus früherer Zeiten steht hier der Skeptizismus des 20. Jahrhunderts gegenüber. Und ebenso verhält es sich mit der Erinnerung: Der Erfahrung, dass ein Mensch, der sein Gedächtnis verliert, auch seine Identität verliert, steht Friedrich Nietzsches Diktum gegenüber: "Gesund ist, wer vergisst." Und auf die kollektive Erinnerung übertrug Thomas Jefferson diese Einschätzung, wenn er am Ende des 18. Jahrhunderts schrieb, die Toten hätten kein Recht gegen die Lebenden. Wir aber ziehen heute die gegenteilige Schlussfolgerung: krank ist, oder krank wird, wer verdrängt. [1]

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  • Doch so eindeutig, wie diese Position erscheint, ist sie nicht. Weder sind Erinnerungen schon Erinnerung, noch Geschichten schon Geschichte: Erinnern und Vergessen stehen in einem direkten Zusammenhang. Und auch der Begriff der "Identität" einer Nation ist ein zumindest fragwürdiger Begriff. In jedem Fall gilt aber: Es gab und es gibt keine Hochkultur, die ohne historische Erinnerung auskäme. Kultur ohne Geschichte ist theoretisch undenkbar und praktisch unmöglich; selbst der radikalste Neuerer oder Revolutionär setzt sich mit dem Bestehenden und Vorangegangenen auseinander, ist in seinem Bewusstsein und Handeln also historisch bedingt. Der Geschichte können wir nicht entrinnen - diese Feststellung ist banal, aber trotzdem wahr; daher kommt es nicht darauf an, ob eine Gesellschaft sich ihrer Geschichte stellt, sondern wie sie es tut. "Erst im Gedächtnis formt sich die Wirklichkeit", schrieb Marcel Proust.

    Es ist ein entscheidender Unterschied, ob eine Gesellschaft aus der Tradition lebt, ob die Alten in ihr als die Weisen gelten und die Normen bestimmen, ob das alte Recht - wie in der mittelalterlichen Geschichte - den Rechts- und Werthorizont bestimmt oder das jeweils Neue, also das Postulat des Fortschritts zur Norm und zum Bewegungsgesetz einer Gesellschaft wird. Die "querelles des anciens et des modernes" belegten im Frankreich des 17. Jahrhunderts diese Wendung: Seit der Aufklärung - die bei allen nationalen Ausprägungen eine der großen gemeineuropäischen Bewegungen gewesen ist - wird die frühere Leitkategorie der Herkunft durch die der Zukunft verdrängt. Trotz aller "Modernitätsmüdigkeit", von der der große Basler Kulturhistoriker Jacob Burckhardt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ergriffen wurde, hat sich bis heute nichts Wesentliches an der Dominanz des Fortschritts als Leitbegriff geändert - dies setzt jeglichen Konservativismus einem ständigen Legitimationsdruck aus.

    Trotzdem erschütterte gerade das 20. Jahrhundert - wie kaum ein Jahrhundert zuvor - den bisherigen Fortschrittsoptimismus, und nicht zufällig nannten Theodor W. Adorno und Max Horkheimer ihr berühmtes Buch von 1947 "Dialektik der Aufklärung": Obwohl sie weder etwas von der Entschlüsselung des Genoms noch der Möglichkeit des Klonens von Lebewesen wissen konnten, und auch George Orwells negative Utopie "1984" erst ein Jahr später erschien, hatte die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts die beiden ursprünglich marxistischen Philosophen doch die Fragwürdigkeit geschichtsphilosophischer Ideologien gelehrt, die den Fortschritt und die "Verbesserung des Menschengeschlechts", wie man im 18. Jahrhundert sagte, als unausweichliches Ergebnis der Geschichte ansahen. Ganz im Gegenteil hatte sie schon der Erste Weltkrieg - nach den Worten George F. Kennans die "Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts" - gelehrt, zu welchen Schrecken die unbegrenzte technische Machbarkeit und der nicht mehr beherrschbare technische Fortschritt führen können. Doch erwiesen sich die zehn Millionen Toten des Ersten Weltkriegs - in der historischen Erinnerung der Franzosen lange Zeit der "große" Krieg, "la Grande guerre" genannt - im Rückblick lediglich als eine Vorstufe für die 55 Millionen Toten des Zweiten Weltkriegs.

    Fußnoten

    1.
    Erweiterte Fassung eines Vortrags im Rahmen des Europarats-Projekts "Lernen und Lehren der Geschichte Europas des 20. Jahrhunderts" im Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Bonn, 23. März 2001.