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26.5.2002 | Von:
Horst Möller

Erinnerung(en), Geschichte, Identität

III. Abschnitt

Wir stoßen hier mit dem Begriff "Erinnerung" aber auf ein grundsätzliches Problem: Zwar wird häufig von Orten der Erinnerung gesprochen, doch können sich im strengen Sinn nur diejenigen erinnern, die an diesen Orten auch waren, beispielsweise die noch lebenden Angehörigen der Lagergemeinschaft Dachau. Angesichts der Altersstruktur der deutschen Bevölkerung - und dies gilt analog auch für die anderen Staaten - vermindert sich die Zahl derjenigen, die persönliche Erinnerungen an die Zeit vor 1945 haben, ständig. 1999 waren weniger als fünf Millionen Bundesbürger - bei einer Gesamtzahl von 82 Millionen - 75 Jahre und älter, das sind etwa sechs Prozent. Mit anderen Worten: 94 Prozent der heutigen Deutschen lebten 1945 noch nicht oder waren unter 20 Jahre alt; über 80 Prozent der heute lebenden Deutschen sind überhaupt erst nach dem Kriegsende 1945 geboren worden.

Die persönlichen Erinnerungen werden also immer mehr durch historische Kenntnis - leider oft auch durch Unkenntnis -, in jedem Fall aber durch eine rekonstruierende oder mahnende Form ersetzt. Eine Ausstellung, ein Museum, ein Denkmal treten an die Stelle der unauflöslichen Verbindung der persönlichen Erfahrung von Betroffenen mit dem authentischen Ort ihres Leidens. Allerdings kann und muss die Aura dieser Orte für das mahnende Erinnern an die Opfer genutzt werden; dies kann aber nicht ohne Information geschehen.

Ein anderer Aspekt ist, dass die individuelle Erinnerung immer nur subjektiv und selektiv sein kann. Das gilt nicht allein für schreckliche Erinnerungen, sondern ebenso für positive oder banale Vorgänge. Der Historiker hat damit seine Not: Sind Zeitgenossen grundsätzlich überzeugt, mehr über ihre Zeit zu wissen als der Historiker, gilt tatsächlich doch zumeist das Gegenteil - allein schon deshalb, weil es zu jeder Zeit eine unendliche Fülle von Schauplätzen, Vorgängen und Personen gibt, von denen auch der aufmerksamste Zeitzeuge nur einen Bruchteil kennen kann. Und vor allem: Nie kennt der Zeitgenosse die Wirkungen, die ein Geschehen auslöst und die erst der Historiker aus der Distanz beurteilen und erklären kann; nie kennt er die wichtigsten Quellen auch nur für zentrale Vorgänge, nie kennt er die komplexen Dimensionen wichtiger historischer Ereignisse und Entwicklungen, sondern eben nur Einzelerfahrungen und Einzelwahrnehmungen, die sich zu persönlich gefärbten Erinnerungen, nicht aber zu Erinnerung verdichten - historisch objektivierte Erinnerung ist ein späterer, reflektierter Vorgang.

Geschichte und damit die Erinnerung ist also zumal für die späteren Generationen nicht unmittelbar "gegeben", sondern sie wird an Originalschauplätzen oder in Museen und Ausstellungen, vor allem aber in wissenschaftlichen Werken rekonstruiert. Neben die historischen Überreste in Form schriftlicher und sächlicher Quellen tritt die Tradition, die bewusst gebildet wird. Die Vergegenwärtigung der Geschichte durch den Historiker ist eine empirische, systematische, kontrollierte Rekonstruktion und Interpretation - eine auf den jeweiligen Kontext, aber auch auf Ursache und Wirkung bezogene Einordnung historischer Phänomene, Ereignisse, Personen und Entwicklungen. In den Ausstellungen und Museen werden durch Arrangement, Erläuterungen und Konzeption aus ihrem historischen Kontext isolierte Exponate auf der Basis der historischen Forschung wieder in einen Zusammenhang gestellt, doch handelt es sich bei der musealen Rekonstruktion nicht um ein "gegebenes" räumliches, zeitliches oder ursächliches Kontinuum.

Diese wissenschaftlich fundierte, bewusst auf Vermittlung gerichtete Form der Erinnerung ist allerdings nicht die einzige - leben doch fragmentarische Elemente der Überlieferung im kollektiven Gedächtnis von Nationen und Gesellschaften fort, bestimmen doch mindestens ebenso sehr Legende und Mythen, schließlich sogar zweckgebundene politische Instrumentalisierung der Geschichte das historische Bewusstsein, was auch für die Gegenwart demokratischer Staaten gilt. Ein Beispiel unter anderen bildet jüngst in Deutschland die Geschichtsklitterung, dass eine demokratische, weltoffene politische Kultur und Rechtsstaatlichkeit erst seit 1968 hätte erkämpft werden müssen - als ob nicht Rechtsstaatlichkeit, demokratischer Parlamentarismus, Westintegration und auch kritische Erinnerung an die diktatorische Vergangenheit tatsächlich bereits seit 1945 bzw. 1949 die Bundesrepublik charakterisierten. Die Inanspruchnahme historischer Erinnerung - angemessener wie falscher - für die Politik stellt denn auch selbst in demokratischen Gesellschaften, wo es ein offizielles, verordnetes Geschichtsbild nicht geben kann und die Wissenschaft frei ist, ein Problem dar.

Geschichtliche Erinnerung wird nicht allein durch die Historiker betrieben, sondern zum nicht geringen Teil durch die Medien, denen folglich eine erhöhte Verantwortung zukommt. Wie die Fülle der Gedenktage oder Jubiläen aus Anlass von "runden" Geburts- oder Todestagen, jüngst etwa ein neues Preußenjubiläum (1701), zeigt: Nichts entzieht sich heute auch Gefahren der Banalisierung oder ideologischen Trivialisierung. Die beliebige, z. T. künstliche Aktualisierung von historischer Erinnerung lässt sie oftmals zum Unterhaltungsartikel verkommen. Geschichte "gehört" nicht in erster Linie mehr den Historikern oder den historisch Gebildeten. Schon Marc Bloch hat einst in seiner "Apologie der Geschichte" bemerkt: Selbst wenn Geschichte auch zu nichts anderem gut sei, so sei sie doch unterhaltsam.

Doch ist dies nicht das einzige Problem: Nicht allein Zeitgenossen und Betroffene haben oft differente Erinnerung, vielmehr differiert die Erinnerung an den gleichen Vorgang, an den gleichen Ort der Erinnerung nach Epochen und Nationen, oft auch sozialen Gruppen. Sedan bedeutet für Franzosen und Deutsche unterschiedliches; der Sedanstag, der 2. September 1870, an dem preußische Truppen das französische Heer schlugen und Kaiser Napoleon III. gefangen nahmen, wurde im deutschen Kaiserreich zum Feiertag, in Frankreich zum Trauertag. Heutigen Generationen, sofern sie nicht Historiker sind, sagt der Tag kaum noch etwas oder gar nichts mehr. Stalingrad und die Niederlage der deutschen Armee zu Beginn des Jahres 1943 hat für Russen und Deutsche selbstverständlich eine unterschiedliche Bedeutung und lebt für die französische Öffentlichkeit als Pariser Metro-Station fort. Der Spiegelsaal von Versailles sowie Verdun bündelten symbolisch buchstäblich die Probleme der deutsch-französischen Geschichte und wurden für beide Nationen zum Symbol bzw. im Falle Verduns zu einem Alptraum gegenseitiger Vernichtung, aus dem erst zwei Generationen später die Lehre gezogen wurde.

Wir haben uns angewöhnt, und auch ich habe den Begriff verschiedentlich verwendet, von der Identität einer Nation zu sprechen. In unserer Thematik meint dies Identität, die durch historische Erinnerung geformt wird. Tatsächlich aber handelt es sich hier um eine höchst problematische Vereinfachung. Ist schon die Identität eines Individuums viel zu komplex, als dass sie mit diesem Singular erfasst werden könnte, so gilt dies in weit stärkerem Maße für Kollektive oder gar eine ganze Nation. Die kollektive Identität, auch die nationale, prägt das Individuum ebenfalls. Die Identität jedes einzelnen Menschen ergibt sich aus dem Schnittpunkt ganz verschiedener Rollen und Rollenerwartungen individueller, sozialer, regionaler und nationaler Provenienz: Er gehört zu einer bestimmten Generation, einer bestimmten Konfession, einer Nation, einer sozialen Gruppe, einem Berufsstand, einem bestimmten Bildungshorizont - während seines Lebens wechseln die Lebenssituationen, vom Kind wird er zu Vater oder Mutter, vom Schüler zum Lehrer, vom Jugendlichen zum Rentner usw. - kurz, die Identität bleibt während eines Lebens nicht unverändert. In gewisser Weise hat der Mensch sogar mehrere Identitäten, die Perzeption der Vorgänge seines eigenen Lebens (aber auch historischer Phänomene) wandelt sich: Max Frischs Romane "Stiller" und "Mein Name sei Gantenbein" zeigen auf literarische Weise die Problematik der Identität. Von nur einer konsistenten Identität zu sprechen birgt die Gefahr nicht nur einer Vereinfachung, sondern vielleicht auch eines totalitären Anspruchs.

Zwar gibt es Schlüsselereignisse, die das Selbstverständnis einer Nation prägen - in Frankreich etwa die Französische Revolution von 1789 -, doch wandelt sich oftmals die Erinnerung an sie. Die Deutschen haben aufgrund der Teilung bis 1989 auch eine geteilte Vergangenheit in ihrer jüngsten Zeitgeschichte. Es ist aber nicht die Vergangenheit, es ist die Gegenwart, die jeweils den Symbolwert von Personen und Ereignissen und die spezifische historische Erinnerung definiert. Die Gegenwart wählt aus der Geschichte aus, was sie interessiert; das formt das historische Gedächtnis - jenseits der in jedem Fall umfassenden Arbeit des Historikers. Kontinuität und Wandel nationaler Erinnerungssymbolik werden z. B. in dem von Pierre Nora herausgegebenen siebenbändigen Pionierwerk "Lieux de mémoire" an 130 sehr aussagekräftigen Beispielen dokumentiert. Das Werk "Deutsche Erinnerungsorte", das Etienne François und Hagen Schulze herausgeben und dessen erster Band soeben erschienen ist, versteht den Begriff "Erinnerungsort" als Metapher; insgesamt sollen die drei geplanten Bände 120 einschlägige Artikel enthalten.