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26.5.2002 | Von:
Horst Möller

Erinnerung(en), Geschichte, Identität

IV. Abschnitt

Im Laufe der Geschichte treten immer wieder neue Prägungen der Erinnerung hinzu, von denen zuvor niemand etwas ahnen konnte, andere verblassen. Jede Nation hat folglich nach Zeit und Region wechselnde oder modifizierte, jedenfalls mehrere Identitätsbezüge, und während einzelner Epochen sind sie ständigem Wandel unterworfen. Hierzu zählt auch ein Wertewandel zwischen den Generationen, der seinerseits mit einem Wandel historischer Erinnerung verbunden ist. Historische Erinnerungen unterliegen einer ständigen Neukonstituierung. In ihr müssen auch die Erinnerungen des 20. Jahrhunderts fortleben - die Erinnerung sollte aber nicht allein durch die Kata-strophen geprägt werden, sondern auch durch die Erinnerung daran, welche politischen und moralischen Konsequenzen aus ihnen gezogen worden sind.

Ein Beispiel dafür, wie Erinnerungen sich verschieben bzw. verschoben werden, bildet der 8. Mai 1945. In regelmäßigen Abständen wird aus diesem historischen Datum neben dem angemessenen Gedenken leider zugleich auch ein politisches Geschäft gemacht. Diejenigen, die die historischen Schlüsselereignisse, die Katastrophen instrumentalisieren und auf nur eine Dimension verkürzen, scheren sich nicht um die gerade Zeithistorikern geläufige Einsicht, wie gefährlich die politische Legendenbildung über historische Vorgänge sein kann. So hat bekanntlich die "Dolchstoßlegende" der extremen Rechten nach dem Ersten Weltkrieg erheblich dazu beigetragen, die Weimarer Demokratie zu diskreditieren.

Nach einer Meinungsumfrage waren 1995 ungefähr 80 Prozent der Deutschen der Meinung, der 8. Mai 1945 sei ein Tag der Befreiung gewesen. Zweifellos liegt hier ein Lernprozess vor. Und doch muss bedacht werden: Im Jahre 1945 wäre wohl das Ergebnis einer solchen Umfrage eher umgekehrt ausgefallen. Was aber trifft zu? Die Erinnerung der unmittelbaren Zeitgenossen oder die der Nachlebenden? Für beide Einschätzungen gibt es Gründe, das Datum und sein Symbolwert ist und bleibt ambivalent. Die Einschätzung des ersten Bundespräsidenten, Theodor Heuss, trifft den Kern: "Im Grunde genommen bleibt dieser 8. Mai 1945 die tragischste und fragwürdigste Paradoxie der Geschichte für jeden von uns. Warum denn? Weil wir vernichtet und erlöst in einem gewesen sind."

Dem Zeithistoriker braucht man nicht zu sagen, dass der 8. Mai 1945 ohne den 30. Januar 1933 nicht zu denken ist. Nach Ursache und Wirkung in der Geschichte zu fragen zählt zu seinem täglichen Geschäft. Doch aus dieser ebenso banalen wie unbestreitbaren Tatsache abzuleiten, man dürfe das Leid der "Täter" nicht mit dem der Opfer in einem Atemzug nennen, vermengt unterschiedliche Probleme und ist außerdem zynisch. Verfehlt ist diese Bemerkung deshalb, weil sie eine Kollektivschuld der Deutschen behauptet, die weder historisch noch juristisch, noch ethisch existiert. Dies ist ein Beispiel dafür, dass heute zum Teil unsachlicher diskutiert wird als früher - haben wir diese Debatte doch schon mit allen guten und schlechten Argumenten vor vierzig, fünfzig Jahren geführt, mit dem eindeutigen Ergebnis, dass Schuld immer nur individuell zu bemessen ist.

Eine solche Zurückweisung der Kollektivschuld-These ändert allerdings nichts an der politischen Verantwortung bzw. der politischen Haftungsgemeinschaft der Deutschen; sie mindert auch nicht die Schuld derer, die die grauenhaften Verbrechen des NS-Regimes begangen, angeordnet oder begünstigt haben. Die Ablehnung der Kollektivschuld-These ändert auch nichts an der moralischen Mitverantwortung derer, die weggesehen haben, wo ihnen - wenn auch oft nur im Kleinen - Hilfe möglich gewesen wäre. Aufgabe des Historikers ist stets, zu differenzieren. Er muss sowohl das Verhalten Einzelner als auch dasjenige sozialer Gruppen untersuchen; er muss das Spannungsverhältnis von Individuum und Gesellschaft, einzelner Entscheidungen und überindividueller gesellschaftlicher Strukturen analysieren - seien sie nun zeitlich begrenzt oder von langer historischer Dauer.

Behaupten wir also, die Deutschen seien kollektiv Täter gewesen, so müssen wir uns die Tatbeteiligung ansehen. Unbestreitbar ist, dass die überwältigende Mehrheit der Zivilbevölkerung, die in den letzten Kriegsjahren und -monaten Opfer der Bombenangriffe auf deutsche Städte wurde, nicht an Verbrechen des Regimes beteiligt war. Auch die politische Verantwortung, 1932 oder 1933 NSDAP gewählt zu haben, betrifft nur einen Teil, wenngleich die reichsweit von der NSDAP am 5. März 1933 erzielten 43,6 Prozent der Stimmen sehr hoch sind. Ein Exempel mag für die genannte Problematik genügen. So haben ungefähr 80 Prozent der Kölner bei den letzten freien Reichstagswahlen nicht für, sondern gegen die NSDAP gestimmt; als ihre Stadt im Zweiten Weltkrieg völlig zerstört wurde, wurden sie gleichsam in Haftung genommen für ein politisches Regime, das sie nicht verursacht hatten. Sie wurden zu Opfern, obwohl die übergroße Mehrheit unter ihnen nicht einmal im weitesten Sinne als Täter zu bezeichnen war. In Berlin, wo es ebenfalls nur eine unterdurchschnittliche Zustimmung zur NSDAP gab, erwiesen sich vielleicht einige Tausend Menschen als Helden, weil sie trotz persönlicher Gefährdung durch den Terror des Regimes oppositionelle Handlungen begingen, beispielsweise von Deportation und Tod bedrohte jüdische Mitbürger versteckten. Sicher handelte es sich - wie immer bei Helden - um eine kleine Minderheit, aber auch sie starben später wie Hunderttausende andere bei den britischen und amerikanischen Bombenangriffen überwiegend auf die Wohnquartiere in den Großstädten, ebenso wie die schätzungsweise mehr als zwei Millionen Menschen - vor allem Frauen, Kinder und Greise -, die wie die Opfer des NS-Regimes unschuldig waren, aber auf der Flucht vor der Roten Armee bzw. durch direkte Gewalteinwirkung während der Vertreibung umkamen. Sie hatten weder in Oradour-sur-Glane noch in Lidice, noch in Auschwitz oder Bergen-Belsen gemordet; sie sind an dem vom NS-Regime begangenen deutschen Verbrechen unschuldig, sie sind keine Täter.

Die moralisch außerordentlich problematische Argumentation, alle deutschen Opfer pauschal den wirklichen Tätern zuzurechnen, ist aber auch politisch fatal, weil sie eine Form von umgekehrter "Sippenhaft" konstruiert; sie ist zynisch, weil sie über das Leid von Millionen hinweggeht, als existierte es nicht (und damit buchstäblich über Leichen geht); sie ist agitatorisch, weil sie die Nennung von historischen Fakten als "Aufrechnung" bezeichnet. Denn natürlich kann kein Verbrechen durch ein anderes gerechtfertigt werden, natürlich können Hitlers Verbrechen nicht durch diejenigen Stalins entschuldigt werden, natürlich darf die Erinnerung an Auschwitz und die Analyse der Ursachen, die zu diesem unvorstellbaren Massenmord geführt haben, durch Vergleiche nicht verdrängt oder verharmlost werden. Doch darum geht es der kritischen historischen Analyse keineswegs - auch dann nicht, wenn sie komparativ verfährt.

Gegen die beliebige Verfügbarkeit der Geschichte - die als Kehrseite unbegrenzter Machbarkeit der Geschichte erscheint -, gegen ihre politische Instrumentalisierung oder auch ihre selbstgerechte Nutzung durch die nachfolgende Generation, der Glück oder Zufall die moralische Bewährung in einer Diktatur erspart hat, muss der Historiker - zumal der Zeithistoriker - zunächst darauf bestehen, dass er seine Wissenschaft zu keinem anderen Zweck betreibt als dem, wissen zu wollen, wie es eigentlich gewesen ist. Er will die Epochen und historischen Phänomene, Persönlichkeiten oder sozialen Gruppen, ihre Strukturen und Mentalitäten im Horizont ihrer Zeit verstehen; er will Ursachen analysieren und Wirkungen erklären, will Veränderungen erkennen, aber auch Kontinuitäten. Dies mag ein altmodisches Verständnis von der Aufgabe des Geschichtsschreibers sein, aber worin liegt der Unterschied zu "modernen" Auffassungen? Zunächst einmal darin, dass Vergangenheit nicht bloß der Gegenwart dient. Tatsächlich ist es die Verkürzung der Geschichte, die ihre heutige Medien-Konjunktur so problematisch macht - wird der Mensch, der in einer bestimmten Epoche gelebt hat, doch auf diese Weise um etwas Wesentliches gebracht, nämlich dass seine Biographie immer von der Zeit geprägt wird. Wir wollen alles Vergangene an unseren Maßstäben messen, denen der Nachgeborenen, die in der Tat vieles besser wissen, weil sie Nachgeborene sind und deshalb die Zusammenhänge und das Ende kennen. Dies ist tatsächlich eine wesentliche Voraussetzung historischer Interpretation, kann man doch historische Vorgänge nur aus der Kenntnis der Folgen und aus der Distanz angemessen erfassen - aber dies ist nur eine der notwendigen Dimensionen historischer Erkenntnis. Moralische Urteile ex post aber dürfen nicht allein in ihrer ethischen Begründung, sondern sie müssen auch in ihrer historischen Begrenztheit gesehen werden, wie nicht zuletzt die Auseinandersetzung mit der Geschichte der DDR und den in ihr Lebenden zeigt.

Heinrich von Treitschke, der zwar als politisch streitbarer Publizist die öffentliche Meinung beeinflussen wollte, aber als Historiker des 19. Jahrhunderts weniger für die Kollegen als für ein gebildetes, bürgerliches Publikum schrieb, dem der Selbstzweck der Geschichtsforschung noch nicht fremd geworden war, zählte die Historie mit der Philosophie und der Dichtung zu den drei idealen Zweigen der Literatur. Dies könnte man, ohne auf Widerspruch zu stoßen, auch heute noch in Frankreich schreiben, und vermutlich gilt es in vergleichbarer Weise in Großbritannien oder Italien. Treitschke vertrat die Meinung: "Der darstellende Historiker muss, sobald er seinen Rohstoff gesammelt hat, von dem Späteren auf das Frühere zurückschließen und sich in der Stille fragen, welche dieser ungezählten Ereignisse, von denen er doch nur einen Ausschnitt geben kann, wahrhaft fördernd oder hemmend auf die neuen Gestaltungen des Lebens eingewirkt haben; dann erst kann er mit Klarheit das Wesentliche nach der Zeitfolge erzählen. Dem Dilettanten, der die wissenschaftliche Geduld niemals lernt, scheint diese dreifache Arbeit zu langweilig; er bleibt auf der zweiten Stufe stehen, er sucht das Vergangene aus dem Gegenwärtigen zu erklären und stellt die Geschichte damit kurzerhand auf den Kopf."

Hinzu kommt etwas Weiteres: Eine Fragmentierung der Erinnerung, die bestimmte Bereiche und Fakten aus gegenwärtigen politischen Gründen ausklammert oder gar tabuisiert, ist nicht allein geschichtswissenschaftlich verfehlt, sondern letztlich auch politisch: Eine Tabuisierung oder gar Verdrängung historischer Vorgänge wird einer pluralistischen demokratischen Gesellschaft nicht gerecht. Und die Erfahrung lehrt, dass sie ohnehin nicht dauerhaft gelingen kann. Schwerwiegende Beispiele dafür gibt es nicht allein bei uns; die heutige schmerzhafte Diskussion in Polen über Jedwabne ist nur ein Fall unter vielen. Man kann nicht zugleich gegen das Vergessen und für das Vergessen sein. Es ist zutiefst inhuman, über das Leiden einer ganzen Generation selbstgerecht hinwegzugehen. An das völkerrechtswidrige barbarische Bombardement von Reims durch deutsche Truppen im Ersten Weltkrieg, an Guernica sowie an Hiroshima im Zweiten Weltkrieg muss erinnert werden, aber ebenso an die weit über 400 000 Zivilisten, die bei den Bombardierungen deutscher Städte im Zweiten Weltkrieg getötet, und an die 800 000, die verletzt wurden; von der beabsichtigten oder in Kauf genommenen Zerstörung der deutschen Städtekultur ganz zu schweigen.

Die Erinnerungskultur ist trotz dieser Ausblendungen eine der großen politischen und gesellschaftlichen Leistungen der Bundesrepublik Deutschland. Zu ihr zählt die fortgesetzte Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Diktatur - aber auch die Entwicklung eines gemeinsamen europäischen Bewusstseins wie der rechtsstaatlich-demokratischen Kultur in den Einzelstaaten, zu denen unverzichtbare Menschenrechte gehören: Sie müssen für alle gelten und deshalb muss auch an alle erinnert werden, die zu Opfern des ideologischen Fanatismus, aber auch des technisch unbegrenzten Zerstörungswillens des 20. Jahrhunderts wurden. Die Gründung der Bundesrepublik 1949 ist insofern auch eine Antwort auf 1933; 1989/1990 eine Antwort auf 1917 und 1939. Auch das 20. Jahrhundert hat, zum Glück für die nach 1945 Lebenden und Überlebenden, nicht bloß eine Identität.