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26.5.2002 | Von:
Werner Müller

Die DDR in der deutschen Geschichte

II. Die Sowjetunion und die DDR

Zweifelsfrei ist die Entstehung beider deutscher Staaten nicht nur als Folge der militärischen Niederlage des "Dritten Reiches", sondern mehr noch aus dem Zerfall der Anti-Hitler-Koalition und dem offenen Ausbruch des Kalten Krieges zu erklären. Zu Recht wies Wolfgang J. Mommsen auf das unbestreitbare Faktum hin, dass die "Geschichte der DDR in erster Linie als Geschichte der sowjetischen Herrschaft über ganz Ostmitteleuropa zu sehen" ist und "erst in zweiter Linie als Teil der deutschen nationalen Geschichte" [10] . Fraglos hat die Sowjetunion als Besatzungsmacht in den ersten Nachkriegsjahren höchst widerspruchsvolle Ziele zugleich verfolgt, nämlich die eigene Besatzungszone gegenüber dem Westen abzuschirmen sowie ein Höchstmaß an Reparationen von dort zu entnehmen - zugleich aber Einfluss in den Westzonen zu gewinnen und insbesondere eine Mitverfügung über die wirtschaftlichen Potenzen des Ruhrgebiets zu erhalten [11] . Das weist darauf hin, dass die sowjetische Deutschlandpolitik vor allem in den Nachkriegsjahren von unterschiedlichen Interessenlagen geprägt war, dass sie versuchte, sich alle möglichen Optionen offen zu halten, dass sich Widersprüche oder auch einander ausschließende Zielsetzungen überlagerten (und behinderten) [12] .

In ihrer Besatzungszone regulierte und reglementierte sie in den ersten Jahren häufig politische Entscheidungen bis ins Detail. Auch die dreimalige Verkündigung der Souveränität der DDR (1949, 1954 und 1955) änderte an der grundsätzlichen Abhängigkeit nichts. Nach der - von Stalin zunächst zögerlich vorangetriebenen [13] - formellen Staatsgründung war das vitale sowjetische Interesse an einer stabilen und politisch verlässlichen DDR unübersehbar: Die Niederschlagung des Juni-Aufstandes von 1953 durch sowjetische Truppen unterstreicht das ebenso [14] wie der darauffolgende letzte blutige Machtwechsel in Moskau, der - nicht zuletzt wegen der ihm unterstellten Konzessionsbereitschaft in der Deutschlandfrage - Lawrentij P. Berija Amt und Leben kostete [15] . 1970, im Vorfeld des Machtwechsels von Walter Ulbricht zu Erich Honecker, ließen Leonid Breschnews Hinweise auf die sowjetische Verantwortlichkeit für die DDR an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Gegenüber Honecker führte er aus: "Die DDR ist für uns, für die sozialistischen Bruderländer ein wichtiger Posten. Sie ist das Ergebnis des 2. Weltkrieges, unsere Errungenschaft, die mit dem Blut des Sowjetvolkes erzielt wurde . . . Erich, ich sage dir offen, vergesse das nie: die DDR kann ohne uns, ohne die SU, ihre Macht und Stärke, nicht existieren. Ohne uns gibt es keine DDR." [16] Noch 1984 demonstrierte die sowjetische Führung Honecker gegenüber die engen Grenzen der Eigenständigkeit der DDR. Beunruhigt von einer möglichen wirtschaftlichen Abhängigkeit der DDR von westlichen Krediten, zitierte das Politbüro der KPdSU Honecker nach Moskau und untersagte ihm praktisch seinen geplanten und angekündigten Staatsbesuch in Bonn [17] . Neben Konstantin Tschernenko und Verteidigungsminister Dmitrij Ustinov wurde Honecker besonders vom ZK-Sekretär für Landwirtschaft, Michail Gorbatschow, attackiert [18] - ein Vorgang, der das persönliche Verhältnis zwischen beiden irreparabel belastete.

Erst mit der faktischen, dann auch formellen Aufkündigung der "Breschnew-Doktrin" war der Spielraum gegeben, den die Bürgerbewegungen in der DDR zum Sturz des Regimes mit immer noch stalinistischen Strukturen [19] nutzten. Michail Gorbatschow schrieb in seinen Erinnerungen über das Ende der "führenden Rolle" der "Bruderparteien" ab 1987: "Mit sowjetischen Panzern zum Erhalt der politischen Macht war nicht mehr zu rechnen. Plötzlich standen die sozialistischen Staatschefs ihrem Volk von Angesicht zu Angesicht gegenüber, gezwungen, die Berechtigung ihres Machtanspruchs durch Leistungen unter Beweis zu stellen." [20]

Indes darf nicht übersehen werden, dass die Sowjetunion als Besatzungs- und später als Führungsmacht auf eine zu ihrer Version eines Sozialismus unbedingt loyale Parteiführung mit einem großen Stamm an Funktionären zählen konnte. Seit der "Stalinisierung" der KPD in der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre verfügte die stalinistische Führung in der Sowjetunion über eine deutsche Kaderpartei, die in allen Grundinteressen den sowjetischen Vorgaben folgte - insbesondere, wenn es um die Durchsetzung konservativer oder traditioneller Vorgaben des "Marxismus-Leninismus" ging. Gelegentliche "Abweichungen", wie Ulbrichts nur halbherzige Entstalinisierung nach 1956, sein Sonderweg einer "sozialistischen Menschengemeinschaft" 1967/68 (der letztlich zu seiner Ablösung mit beitrug) oder Honeckers Front gegen eine neue "Eiszeit" im Kalten Krieg zu Beginn der achtziger Jahre sowie seine unverhohlene Ablehnung der Politik von Perestroika und Glasnost unter Gorbatschow stehen dem nicht entgegen.

Es handelte sich in der DDR um "ein Kollaborationsregime, dessen Akteure zumindest anfangs ehrlich glaubten, daß es im besten Interesse der Deutschen - oder zumindest der deutschen Arbeiterschaft - liege, in jenem Teil Deutschlands, der nach dem Zweiten Weltkrieg unter sowjetische Kontrolle geraten war, den Weg zum Sozialismus einzuschlagen. Und nicht wenige unter ihnen waren gegebenenfalls bereit, zwecks Errichtung dieses Ziels auch Gewalt anzuwenden . . ." [21] Die beständige Beschwörung der Vorbild- und Führungsrolle der Sowjetunion war für die DDR eine Sinn- und Existenzfrage, gerade auch weil sie sich als deutscher Teilstaat im permanenten Legitimationsdefizit befand.

Fußnoten

10.
Wolfgang J. Mommsen, Der Ort der DDR in der deutschen Geschichte, in: Die DDR als Geschichte. Fragen - Hypothesen - Perspektiven, herausgegeben von Jürgen Kocka und Martin Sabrow, Berlin 1994, S. 28.
11.
Vgl. Gunther Mai, Der Alliierte Kontrollrat in Deutschland 1945-1948. Alliierte Einheit - deutsche Teilung, München 1995, S. 165 ff.
12.
Grundsätzlich Hannes Adomeit, Imperial Overstretch: Germany in Soviet Policy from Stalin to Gorbachev. An Analysis Based on New Archival Evidence, Memoirs and Interviews, Baden-Baden 1998, S. 57 ff.; Gerhard Wettig, Bereitschaft zur Einheit in Freiheit? Die sowjetische Deutschlandpolitik 1945-1955, München 1999, S. 33 ff.
13.
Vgl. Rolf Badstübner/Wilfried Loth (Hrsg.), Wilhelm Pieck - Aufzeichnungen zur Deutschlandpolitik 1945-1953, Berlin 1994, S. 294 ff., 314 f.
14.
Vgl. Heidi Roth, Der 17. Juni 1953 in Sachsen. Mit einem einleitenden Kapitel von Karl Wilhelm Fricke, Köln - Weimar - Wien 1999, S. 55 ff.
15.
Vgl. Der Fall Berija. Protokoll einer Abrechnung. Das Plenum des ZK der KPdSU Juli 1953. Stenographischer Bericht, herausgegeben und aus dem Russischen von Viktor Knoll und Lothar Kölm, Berlin 1999², S. 335 ff., G. Wettig (Anm. 12), S. 247 ff., zuletzt Leonid Luks, Geschichte Russlands und der Sowjetunion. Von Lenin bis Jelzin, Regensburg 2000, S. 431 ff.
16.
Protokoll einer Unterredung zwischen Breschnew und Honecker am 28. Juni 1970, in: Peter Przybylski, Tatort Politbüro. Die Akte Honecker, Berlin 1991, S. 280 f.
17.
Vgl. Fred Oldenburg/Gerd-Rüdiger Stephan, Honecker kam nicht bis Bonn. Neue Quellen zum Konflikt zwischen Ost-Berlin und Moskau 1984, in: Deutschland Archiv, 28 (1995) 8, S. 798 ff.; Detlef Nakath/Gerd-Rüdiger Stephan, Aufstieg und Fall des Herbert Häber. Zur Vorgeschichte und Hintergründen seines Ausschlusses aus dem SED-Politbüro 1985, in: Deutschland Archiv, 32 (1999) 2, S. 202.
18.
So Jürgen Nitz, Unterhändler zwischen Berlin und Bonn. Nach dem Häber-Prozess: Zur Geschichte der deutsch-deutschen Geheimdiplomatie in den 80er Jahren, Berlin 2001, S. 106 f.
19.
Der Begriff des Stalinismus folgt hier Hermann Weber, vgl. Hermann Weber, SED und Stalinismus, in: Die DDR im vierzigsten Jahr. Geschichte, Situation, Perspektiven. Zweiundzwanzigste Tagung zum Stand der DDR-Forschung in der Bundesrepublik Deutschland, 16. bis 19. Mai 1989, Köln 1989, S. 3 ff. Weber unterscheidet hier Stalinismus im engeren Sinne als Willkürherrschaft und Personenkult von einem Stalinismus im weiteren Sinne als gesellschaftspolitischem System. Andreas Malycha entwickelte (in Anlehnung an Ljudmila A. Mercalowa) einen Katalog von 13 Merkmalen einer stalinistischen Partei, der vom zentralistischen Apparat mit Anspruch auf Wahrheitsmonopol bis zum Zugriff auf die Geschichte als Legitimationsbasis der Parteidiktatur reicht. Vgl. Die SED. Geschichte - Organisation - Politik. Ein Handbuch, herausgegeben von Andreas Herbst/Gerd-Rüdiger Stephan/Jürgen Winkler, Berlin 1997, S. 3 f.
20.
Michail Gorbatschow, Erinnerungen, Berlin 1995, S. 845 f. Vgl. insgesamt etwa Michael Ploetz, Wie die Sowjetunion den Kalten Krieg verlor. Von der Nachrüstung zum Mauerfall, Berlin-München 2000, S. 253 ff. oder Wilfried Loth, Die Sowjetunion und das Ende der DDR, in: Weg in den Untergang. Der innere Zerfall der DDR, herausgegeben von Konrad H. Jarausch und Martin Sabrow, Göttingen 1999, S. 119 ff.
21.
W. J. Mommsen (Anm. 10), S. 31.