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26.5.2002 | Von:
Ludwig Watzal

Editorial

Die Beschleunigung des wissenschaftlich-technischen Fortschritts hat im Bereich der Gentechnik viele Möglichkeiten eröffnet. Vor nicht allzu langer Zeit wären sie als Science-fiction abgetan worden.

Einleitung

Die Beschleunigung des wissenschaftlich-technischen Fortschritts hat im Bereich der Gentechnik Möglichkeiten eröffnet, die vor noch nicht allzu langer Zeit als Science-fiction abgetan worden wären. Als vor einem Jahr die Entzifferung des menschlichen Genoms gefeiert wurde, tat sich vor den Forschern eine "schöne neue Welt" auf. Die Entstehung menschlichen Lebens schien ihres Geheimnisses entkleidet zu sein. Die Gentechnik ermöglicht nicht nur die Analyse der Erbinformationen, sondern auch deren Manipulation. Ist dies der Beginn der Huxley'schen "Vision", nach der die Menschen nicht mehr geboren, sondern nur noch künstlich erzeugt und anschließend konditioniert werden? In dieser "schönen neuen Welt" werden zwar auch noch Menschen auf natürliche Weise gezeugt, diese leben aber außerhalb der Städte in Reservaten. Zu dieser "Vision" muss es nicht zwangsläufig kommen, wenn sich in Deutschland die führenden Politiker darüber einig werden, in welchem Umfang sich die Forscher an Projekten der Gentechnik beteiligen dürfen. Die Diskussion innerhalb der politischen Elite des Landes verläuft kontrovers durch alle Parteien, wie die jüngste Debatte im Deutschen Bundestag gezeigt hat. Exemplarisch für die Kontroverse stehen der Bundeskanzler und der Bundespräsident. Befürwortet der Kanzler eine liberalere Handhabung dieser Forschung und deren Umsetzung in der Praxis, weist der Bundespräsident auf die aus der Anwendung entstehenden Gefahren und die ethischen Bedenken hin.

Einen ersten Schritt zu einer Liberalisierung der Forschung im Bereich der humanen Stammzellen hat die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) mit ihren Empfehlungen vom 3. Mai diesen Jahres getan. So tritt Rüdiger Wolfrum, Vizepräsident der DFG, in seinem Essay für eine verantwortungsbewusste Öffnung im Bereich der Stammzellenforschung ein. Dass sich diese Forschungsrichtung erst noch in den Anfängen befindet und sich die großen Hoffnungen in Bezug auf humane Stammzellen bislang fast ausschließlich auf Forschungserfolge bei Mäusen gründen, betont Christine Hauskeller. Sie beschreibt den Stand der Forschung und diskutiert die ethischen Implikationen im Spannungsfeld von Forschungsdynamik und Technologieentwicklung.

Neben der Forschung an humanen Stammzellen wird die Präimplantationsdiagnostik (PID) strittig diskutiert. Dieses relativ neue Verfahren zielt darauf ab, die Entwicklung eines Kindes mit einer genetisch bedingten Krankheit oder Behinderung schon vor der Entstehung einer Schwangerschaft zu erkennen. Sigrid Graumann versucht in zehn Thesen dazu darzulegen, dass die Nachteile und Probleme die Vorteile bei weitem aufwiegen. Ähnlich kritisch bewerten Günter Feuerstein und Regine Kollek die Gendiagnostik. Sie verweisen auf die bleibenden medizinischen Ungewissheiten und sehen das Verfahren als ein Instrument der Biopolitik. Diese "Reprogenetik" konfrontiere uns auch mit neuen Formen gespaltener Elternschaft, wie Matthias Kettner in seinem kulturwissenschaftlichen Beitrag ausführt. Er verweist dabei auf die Dialektik der Reprogenetik, die darin bestehe, dass einerseits die biologisch zur Elternschaft nötigen Bestandteile frei wählbar werden, wohingegen andererseits der Wunsch nach einem gesunden Kind zunehmend abhängig werde von gesellschaftlichen Gesundheitsnormen.

Hans-Georg Koch kommt in seinem Beitrag über die Fortpflanzungsmedizin im europäischen Rechtsvergleich zu dem Ergebnis, dass es nicht das Gesetz gebe, das man nur übernehmen müsse, sondern der Blick über die Grenzen solle vielmehr Anregungen geben, eventuell alternative Lösungsmöglichkeiten aufzeigen und zur unvor-eingenommenen Betrachtung anderer Sichtweisen beitragen.