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26.5.2002 | Von:
Günter Feuerstein
Regine Kollek

Vom genetischen Wissen zum sozialen Risiko: Gendiagnostik als Instrument der Biopolitik

Die Gendiagnostik verspricht, Krankheitsdispositionen frühzeitig zu erkennen. Prädiktive Gentests können allerdings nur selten medizinische Ungewissheiten tatsächlich reduzieren.

I. Einleitung

Genetische Diagnostik, so vielfältig und ausdifferenziert sie in einzelnen Anwendungsgebieten (pränatale und prädiktive Medizin, Pharmakogenetik, Ökogenetik) bereits in Forschung und Praxis etabliert wurde, kann insgesamt als ein Projekt der Moderne charakterisiert werden. Sie erzeugt neue Gewissheiten auf einem von Unsicherheiten geprägten Terrain, sie verspricht Transparenz auf einem Feld, das nicht nur der sinnlichen, sondern auch der medizinisch-apparativen Wahrnehmung entzogen war, und sie holt zukünftig zu Erwartendes in die Kontrollsphäre und den Entscheidungshorizont der Gegenwart. Der erwartete Nutzen der Gendiagnostik liegt zunächst in der erhöhten Qualifizierbarkeit natürlicher Gegebenheiten und in der Kalkulierbarkeit von Risiken. Die gentechnische Erweiterung naturwissenschaftlicher Gewissheiten über den menschlichen Körper und die fortschreitende ökonomische Durchdringung des Lebens zeigen dabei eine "strukturelle Affinität", eine wechselseitige Anziehungskraft: Der gemeinsame Fluchtpunkt beider Zugriffsformen liegt in der Rationalisierung einst unzugänglicher Sphären menschlicher Existenz, in der ausgedehnten Kolonialisierung des Lebens und der Lebenswelt. [1]

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  • Eine bisher wenig diskutierte Frage ist, wie tragfähig diese positiv wie negativ besetzten Visionen überhaupt sind. Trägt die genetische Diagnostik tatsächlich dazu bei, Ungewissheiten in Gewissheiten zu transformieren, den rationalen Umgang mit Risiken zu erhöhen oder Risiken gar zu reduzieren, im Vorgriff auf die Zukunft schon in der Gegenwart entscheidbare Situationen herzustellen und damit die Berechenbarkeit der individuellen Lebenschancen zu erhöhen? Oder sind die Leistungsdimensionen der Gendiagnostik vielleicht nur ein Vexierspiel konstruierter Gewissheiten, vorgespiegelter Rationalitäten, beherrschbarer Risiken? Mit anderen Worten: Verdankt sich die erhöhte Kontrollkompetenz genetischen Wissens vielleicht einfach nur dem biologisch verengten Blick auf einen in seiner Komplexität verfehlten Gegenstand? Produzieren die neu geschaffenen Gewissheiten nicht neue, andere Ungewissheiten? Ist die erhöhte Kontrolle über Biologisches eventuell mit sozialen Kontrollverlusten erkauft? Verdeckt die Vorstellung von der Transparenz und Beherrschbarkeit genetischer Risiken vielleicht nur den Blick auf die Verschärfung oder Neuentstehung anderer Risiken? Insofern könnte man durchaus fragen, ob die Gendiagnostik in Summe zur Erhöhung der "Selbsttechnologie" des Menschen führt, oder ob sie lediglich die Dinge neu arrangiert, das Verhältnis von Sichtbarem und Unsichtbarem verändert, und damit die sozialen Wahrnehmungsmuster und Relevanzstrukturen umbaut.


    Fußnoten

    1.
    Anmerkung der Redaktion: Zur Begrifflichkeit siehe das Glossar auf Seite 16.