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26.5.2002 | Von:
Hans Joas

Ungleichheit in der Bürgergesellschaft

Über einige Dilemmata des Gemeinsinns

Worin unterscheiden sich die drei Dilemmata des Gemeinsinns? Sie ergeben sich aus dem Spannungsverhältnis des Gemeinsinns zu drei Formen von Ungleichheit.

I. Begriffliche Fragen

Gemeinwohl und Gemeinsinn sind nur zwei der zahlreichen Begriffe, die gegenwärtig regelmäßig auftauchen, wenn es um Diagnose und Therapie sozialen Zusammenhalts und politischer Handlungsfähigkeit geht. Zivilgesellschaft und Bürgergesellschaft, Kommunitarismus und wieder belebter Republikanismus, "soziales Kapital" und "Vertrauen", "Dritter Weg" und "Modernisierung des Regierens" - sie alle gehören zum selben Themenfeld. Jeder dieser Begriffe hat seine eigene Geschichte, seine Vor- und Nachteile; mancher stößt sicher auf Unverständnis oder löst Aversionen aus und Misstrauen gegenüber den Motiven derer, die ihn verwenden. Aber im Kern geht es in dieser Vielzahl koexistierender und eben teils auch konkurrierender gegenwärtiger Diskurse um eine gemeinsame Fragestellung: Durch welche gesellschaftlichen Kräfte kann gesichert werden, dass Markt und Staat als die beiden dominierenden Mechanismen moderner Vergesellschaftung durch ein drittes Prinzip relativiert und modifiziert werden - so dass wir nicht vor der Alternative stehen, entweder die Folgen unregulierten Marktgeschehens einfach passiv hinzunehmen oder umgekehrt zu ihrer Bewältigung ausschließlich auf staatliche Interventionen zu setzen mit der Gefahr einer erstickenden Bürokratisierung des gesellschaftlichen Lebens?

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  • Wenn auch die verschiedenen Begriffe in die gleiche Richtung zielen, eignen sie sich nicht alle gleich gut für die Bezeichnung des Gemeinten: Der Begriff Zivilgesellschaft etwa hat zwar eine bis auf John Locke zurückgehende Geschichte, ist aber doch erst durch die antikommunistischen Dissidenten Osteuropas und insbesondere die polnische Solidarnosc-Bewegung in den Vordergrund gerückt worden. In ihm drückt sich in aller Deutlichkeit das antitotalitäre Bemühen aus, dem Staat Zuständigkeiten zu entreißen und überhaupt erst wieder eine vitale und in sich differenzierte Gesellschaft entstehen zu lassen. Aus demselben Grund liefert er für die westliche Diskussion aber nur wenige Anstöße; so wichtig die Stärkung der Zivilgesellschaft im Westen auch sein mag, um ihre Herstellung geht es zum Glück hier ja nicht.

    Der Terminus Kommunitarismus wiederum löst - vornehmlich in Deutschland, über die Assoziation mit der Semantik des deutschen Gemeinschaftsbegriffs - Ängste aus vor einer Rückkehr zu homogenen Kollektiven oder gar einer gesellschaftsübergreifenden, potentiell totalitären "Volksgemeinschaft" - Ängste, die bei den amerikanischen Vertretern des Kommunitarismus, deren demokratische Glaubwürdigkeit ja über jeden Zweifel erhaben ist, auf Kopfschütteln stoßen.

    Der Begriff Dritter Weg [1] wiederum ist zumindest in Kontinentaleuropa in der Vergangenheit mit so vielen, oft abseitigen Projekten verbunden worden, dass seine Wiederbelebung durch Anthony Giddens und Tony Blair nicht gerade auf begeisterte Zustimmung stieß. Auch seinen Verfechtern scheint er inzwischen nicht mehr ganz geheuer zu sein.

    Ich werde im Folgenden den Terminus Bürgergesellschaft verwenden, obwohl mir auch dieser Ausdruck nicht ganz glücklich gewählt erscheint. Schwierigkeiten, den richtigen Begriff zu finden, signalisieren meist auch Schwierigkeiten in der Sache. Diese lassen sich gegenwärtig in den Programmdiskussionen aller politischen Parteien in Deutschland identifizieren, da sie alle ihr Verständnis der Balance zwischen Staat, Markt und Gesellschaft oder zwischen Individuum und Gemeinwesen neu justieren müssen. Dabei entdecken sie zeitweise vernachlässigte Stränge ihrer eigenen Traditionen neu - wie das Subsidiaritätsprinzip der katholischen Soziallehre oder die Genossenschaftsideen der Arbeiterbewegung - und setzen sich mit historisch neuen Phänomenen wie einem breitenwirksamen Individualismus auseinander. Aber dieselben Schwierigkeiten durchziehen auch die publizistisch wirksamen Zeitdiagnosen und selbst die professionellen sozialwissenschaftlichen Forschungen.

    Es waren in den neunziger Jahren vor allem zwei Einstellungen, die sich störend und belastend auf eine weiterführende Erörterung der Chancen verstärkten bürgerschaftlichen Engagements ausgewirkt haben: zum einen der eher "linke" Verdacht, es handle sich bei all diesen Debatten nur um unterschiedliche Varianten des Versuchs, dem Abbau des Wohlfahrtsstaats eine gefällige Fassade vorzublenden, zum anderen der kulturpessimistische Topos eines fortschreitenden Verfalls der Werte und der Gemeinschaft. Eine kurze Erörterung dieser Vorbehalte soll den Weg freimachen für die Präsentation einiger empirischer Befunde und für Reflexionen auf das, was ich die "Dilemmata des Gemeinsinns" nenne. Ich werde drei solche Dilemmata unterscheiden; sie ergeben sich aus dem Spannungsverhältnis des Gemeinsinns zu drei Formen von Ungleichheit: sozialer, kultureller und politischer Ungleichheit. Diese Dilemmata werden sich als der rationale Kern in den Einstellungen erweisen, die zuvor als Belastung der Diskussion bezeichnet wurden.

    Fußnoten

    1.
    Mit Dank an Frank Adloff und die Mitglieder der (von Herfried Münkler geleiteten) Arbeitsgruppe "Gemeinwohl und Gemeinsinn" der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Anmerkung der Redaktion: Siehe hierzu Aus Politik und Zeitgeschichte, B 16-17/2001 zum Thema "Dritter Weg".