APUZ Dossier Bild

26.5.2002 | Von:
Thomas Gensicke

Freiwilliges Engagement in den neuen und alten Bundesländern

Ergebnisse des Freiwilligensurveys 1999

Öffentliches freiwilliges Engagement außerhalb von Beruf und Familie ist in den neuen Ländern weniger verbreitet als in den alten. Dennoch findet es in beachtlichem Umfang statt.

I. Weniger freiwilliges Engagement in den neuen Ländern

1999 wurde der "Freiwilligensurvey - Ehrenamt, Freiwilligenarbeit und bürgerschaftliches Engagement" durchgeführt, der vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert wurde [1] .

  • PDF-Icon PDF-Version: 371 KB





  • Die umfassende Erhebung sollte in detaillierter und repräsentativer Form Verbreitung, Situation, Charakteristik und Potenziale freiwilligen Engagements in dessen verschiedensten Formen erfassen, wobei sich dieses Engagement ohne Erwerbszweck hauptsächlich außerhalb des privaten und beruflichen Bereichs vollziehen sollte. Der Survey, der mit einer Stichprobe von ca. 5 400 Befragten für die neuen Länder eine der größten Erhebungen darstellt, die dort bisher durchgeführt wurden, ermöglichte es, statistisch sicher und aufgrund einer anspruchsvollen Methodik den Umfang des freiwilligen Engagements zu erfassen. Die in Tabelle 1 kursiv gedruckten Prozentquoten der freiwillig Engagierten entstammen einer Ergebnisvariable, die aus anderen Variablen des Freiwilligensurveys konstruiert wurde [2] .

    Als erstes Ergebnis der Analyse fällt auf, dass in den neuen Ländern der Anteil "freiwillig Engagierter" um sieben Prozentpunkte geringer ist als in den alten Ländern. Ebenso konnten weniger so genannte "Aktive" identifiziert werden, die in Ver-einen, Organisationen und Gruppen "aktiv beteiligt" sind, aber darüber hinaus keine "ehrenamtlichen" oder "freiwilligen" Aufgaben und Arbeiten übernommen haben (Tabelle 1). Deshalb wurden in den neuen Ländern deutlich mehr Befragte als so genannte "nicht Aktive" eingestuft, da sie nicht in der erwähnten Art und Weise aktiv "öffentlich beteiligt" und auch nicht "freiwillig bzw. ehrenamtlich engagiert" waren.

    Dieser Befund deutet darauf hin, dass sich das Engagement der Bevölkerung in den neuen Bundesländern - aus in der Folge noch zu untersuchenden Gründen - stärker auf den beruflichen und privaten Bereich konzentriert und weniger dem öffentlichen Leben in Vereinen, Gruppen etc. gewidmet ist. Dies gilt auch für den engeren Bereich des freiwilligen und ehrenamtlichen Engagements. Geringere Aktivitäts- und Engagementquoten sind außerdem in allen neuen Ländern zu beobachten, sind also sind nicht etwa Kennzeichen bestimmter Regionen auf dem Gebiet der neuen Bundesländer (Tabelle 2).

    Tabelle 3 weist das freiwillige Engagement im Vergleich zwischen den neuen und alten Ländern detaillierter aus, nunmehr dargestellt nach den ermittelten Engagementbereichen. Insbesondere im Bereich "Kirche und Religion" bleibt das En-gagement in den neuen Ländern hinter dem der alten zurück, relativ gesehen ist dieses Zurückbleiben in den höher besetzten Bereichen "Kultur und Musik" und "Soziales" ebenfalls auffällig. Quantitativ am stärksten wirkt sich jedoch das zurückbleibende freiwillige Engagement im größten Bereich "Sport und Bewegung" aus. In den neuen Ländern wird in diesem Bereich freiwilliges Engagement etwa zu zwei Dritteln des Prozentsatzes der alten Länder angegeben.

    Nach Prüfung verschiedener Erklärungsansätze für die Unterschiede zwischen den neuen und alten Ländern habe ich mich dazu entschlossen, folgende Leithypothese zugrunde zu legen: In den neuen Ländern ist jene längerfristig gewachsene Organisations- und Vereinsstruktur bzw. -kultur, die in den alten Ländern blüht und die durch die Eigenart einer von den alten Ländern her bestimmten Transformation "Vorbildcharakter" hat, auch längere Zeit nach der staatlichen Vereinigung nicht entsprechend entwickelt. In der DDR gab es diese Struktur bzw. Kultur in geringerem Maße, da ein größerer Teil der nichtfamiliären und nicht direkt beruflichen Aktivitäten an Betriebe und öffentliche Institutionen gebunden war. Diese Struktur hat sich nach der Wende aufgelöst, und eine gegenüber den DDR-Verhältnissen andersartige Organisations- und Vereinskultur hatte zum Messpunkt erst zehn Jahre Zeit, sich zu entwickeln. Dieser Erklärungsansatz [3] soll in der Folge anhand weiteren Materials vertieft werden.

    Fußnoten

    1.
    Dieser Artikel beruht auf einer wesentlich umfangreicheren Studie, vgl. Thomas Gensicke, Freiwilliges Engagement in den neuen und alten Bundesländern, in: Hans-Joachim Braun/Helmut Klages (Hrsg.), Zugangswege zum freiwilligen Engagement und Engagementpotenzial in den neuen und alten Bundesländern, Bonn 2000, S. 15-113. Sie ist einer von sieben vertiefenden Themenberichten zu den weiteren Themen "Gender", "Jugend", "Ältere Menschen", "Sport", "Zugangs-wege" sowie "Engagementpotenzial", die von den Mitgliedern des Projektverbundes "Freiwilligensurvey 1999" erstellt wurden, vgl. Bernhard von Rosenbladt (Hrsg.), Freiwilliges Engagement in Deutschland. Ergebnisse der Repräsentativerhebung zu Ehrenamt, Freiwilligenarbeit und bürgerschaftlichem Engagement in Deutschland, Bonn 2000; Sybille Picot (Hrsg.), Freiwilliges Engagement in unterschiedlichen Lebenswelten, Bonn 2000. Diese 3 Bände sind in der Schriftenreihe des Auftraggebers, des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, als Nr. 194.1-3 erschienen und dort über die Broschürenstelle zu beziehen. Der Freiwilligensurvey wurde von Anfang Mai bis Ende Juli 1999 durch Infratest Burke im Rahmen des Projektverbunds bei ca. 15 000 deutschsprachigen Befragten ab 14 Jahren telephonisch (CATI) nach vorherigem Pretest durchgeführt. Die Stichprobe der Untersuchung konnte durch die Unterstützung der Robert Bosch Stiftung um etwa 5 000 Befragte aufgestockt werden, so dass für alle Bundesländer (außer Bremen und Saarland) repräsentative Aussagen möglich sind. Aufgrund der ungewöhnlich großen Stichprobe können für die neuen Länder insgesamt statistisch besonders sichere Aussagen getroffen sowie einzelne Bevölkerungsgruppen genauer untersucht werden (außerdem auch jedes einzelne neue Land selbst bzw. Berlin sowie wiederum Gruppen oder Regionen innerhalb dieser einzelnen Länder). Als erste einzelne Landesstudie wird Mitte 2001 die Studie "Freiwilliges Engagement in Rheinland-Pfalz" erscheinen, die vom Autor im Auftrag des Landesministeriums für Inneres und Sport erarbeitet wurde.
    2.
    Es wurde in Anknüpfung an frühere Studien (etwa an den Speyerer Survey "Wertewandel und bürgerschaftliches Engagement 1997") ein anspruchsvolles Verfahren zur Ermittlung einer Quote des freiwilligen Engagements gewählt (vgl. Helmut Klages/Thomas Gensicke, Wertewandel und bürgerschaftliches Engagement an der Schwelle zum 21. Jahrhundert, Speyerer Forschungsberichte 193, Speyer 1998; Thomas Gensicke, Deutschland im Übergang: Lebensgefühl, Wertorientierungen, Bürgerengagement, Speyerer Forschungsberichte 204, Forschungsinstitut für öffentliche Verwaltung, Speyer 2000). Zunächst sollten die Befragten angeben, ob sie in 15 vorgegebenen Bereichen "außerhalb von Familie und Beruf irgendwo mitmachen", ob sie sich "in einem Verein, einer Initiative, einem Projekt oder einer Selbsthilfegruppe . . . aktiv beteiligen". Wenn mindestens ein Aktivitätsbereich angegeben wurde, erfolgte die Zuordnung der Befragten zu der Gruppe der so genannten "Aktiven". Die in dieser Weise "aktiven" Befragten (insgesamt 66 %) wurden dann in einem weiteren Schritt aufgefordert, in den von ihnen genannten Aktivitätsbereichen von ihnen "freiwillig" oder "ehrenamtlich" übernommene Aufgaben und Arbeiten zu nennen. Wenn solche Aufgaben und Arbeiten angegeben wurden, konnten die Befragten (nach einer späteren Prüfung dieser sämtlich erfassten offenen Nennungen) als so genannte "freiwillig Engagierte" klassifiziert werden.
    3.
    Diesem Erklärungsproblem widme ich in meiner Studie viel Raum. Zu dem Faktor "unterentwickelte" Organisations- und Vereinsstruktur, den ich favorisiere, gesellen sich dort noch weitere Erklärungsmuster, unter anderem sozioökonomische und Einstellungsunterschiede (z. B. unterschiedliche Gewichtungen von Lebensbereichen).