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26.5.2002 | Von:
Joachim H. Spangenberg
Sylvia Lorek

Sozio-ökonomische Aspekte nachhaltigkeits-
orientierten Konsumwandels

VI. Fazit und Ausblick: Für einen Genuss ohne Reue

Der Umweltverbrauch unterschiedlichster Konsumakte ist den Haushalten nicht nach einheitlichen Kriterien zuzurechnen. Der Einfluss der privaten Haushalte auf den Umweltverbrauch lässt sich aus wissenschaftlicher Sicht nicht pauschal beziffern. Haushalte sind ein Akteur unter vielen, nachhaltiger Haushaltskonsum bedarf zu seiner Realisierung der externen, auch politischen Unterstützung: Ein nachhaltiger Lebensstil darf nicht ständig finanziell bestraft werden. Also müssen Ökosteuern eingeführt werden, ebenso wie Abgaben auf kurzlebige und ineffiziente Güter (das könnte für Kommunen eine neue, umweltentlastende Einnahmequelle sein), sodass für die Verbraucher das ökologisch Richtige auch das ökonomisch Attraktive wird, dass also der ökologisch-ethische Imperativ mit dem ökonomischen zur Deckung gebracht wird.

Kosten sind jedoch nicht die einzige Verbindung von Produktion und Konsum. So wurde aufgezeigt, wie sich durch die wechselseitige Entwicklung von Märkten und Technologien pfadabhängige Entwicklungen verfestigen können, die zu ständig steigendem Ressourcenverbrauch führen, wenn die politischen Rahmenbedingungen dies nicht verhindern [22] .

Solche Rahmensetzungen werden politisch leichter durchsetzbar, je mehr Leitbilder der nachhaltigen Entwicklung gegenüber den herrschenden neo-klassischen Normen an Boden gewinnen. Leitbilder sind Zielprojektionen, gemeinsamer Fluchtpunkt von Wunsch und Machbarkeitsvorstellungen sozialer Gruppen [23] . Nachhaltigkeit in der Breite der genannten vier Dimensionen kann aufgrund ihrer Komplexität kein Leitbild sein (und ist weit davon entfernt, als Norm zu gelten), sie enthält aber in ihrer Konkretisierung eine Vielzahl von Leitbildern [24] . Beispiele hierfür sind eine sozial- und umweltfreundliche Mobilität, soziales/ethisches Einkaufsverhalten oder soziale/ethische Formen der Geldanlage. Nachhaltigkeit als ein gemeinsamer Nenner solcher Leitbilder kann die unterschiedlichen (Teil-)Ansätze eines sozial-ökologischen Zusammenlebens zusammenführen. Insofern stellt Nachhaltigkeit eine (zu konkretisierende) Utopie dar, die eine Alternative zum herrschenden Fortschrittsverständnis bietet, wie es sich im Wohlstandskonsum manifestiert.

Neue Leitbilder sind erforderlich, die sich nicht am Lebensstil der heute Wohlhabenden orientieren - gleichzeitig bilden diese (und die statistisch nicht so gut erfassbaren "Lifestyle-Gruppen") eine wichtige Zielgruppe für neue Wohlstandsmodelle, die dann auch Vorbildfunktion gewinnen könnten. Dieser Herausforderung stehen Politik, Umwelt- und Verbrauchergruppen bisher weitgehend hilflos gegenüber - dies zum Teil auch deshalb, weil sie den von anderen hoch geschätzten Symbolkonsum (Mode, Kosmetik) ohne ökologische Signifikanz bekämpfen, dafür aber Felder potentieller Übereinstimmung (gesunde Ernährung) weniger in den Vordergrund der öffentlichen Diskussion gerückt haben. Die BSE-Krise könnte eine Möglichkeit bieten, diese Fronten aufzubrechen und das offensichtliche Bedürfnis nach Neuorientierungen im Konsumverhalten durch konkrete Maßnahmen zu unterstützen. Insbesondere im Bereich der Freizeitmobilität wird der Widerspruch von Konsumnachfrage und Umweltfolgen nicht ohne Präferenzänderungen und Politikrestriktionen aufhebbar sein.

Nachhaltig leben heißt, gut, gesund, partnerschaftlich und tolerant zu leben, den Dingen ihren Wert gewähren, bewusst genießen, auch genussvoll konsumieren. Das heißt auch, auf Qualität zu achten, nicht jeder Mode nachzulaufen, aber auch nicht jede zu verachten - das gehört zur Lebensqualität. Nachhaltig konsumieren heißt, sich zu erinnern, dass das Bessere der Feind des Guten sein sollte, nicht das Billigere; dass ferner Gemeinschaftlichkeit und Individualismus zusammengehören wie Partnerschaftlichkeit und Selbstständigkeit.

Nachhaltige Lebensstile sind die Kunst des richtigen Verhaltens in falschen Strukturen. Deshalb braucht es beides - Politik von oben und Handeln von unten. Nur zusammen entstehen nachhaltige Produktions-, Konsum- und Wirtschaftsstrukturen.

Fußnoten

22.
Vgl. Viki Sonntag, Sustainability in the light of competitiveness, in: Ecological Economics, 34 (2000) 1, S. 101-113.
23.
Vgl. Meinolf Dierkes, Leitbild und Technik, Berlin 1992.
24.
Vgl. Joachim H. Spangenberg, Zukunftsfähigkeit als Leitbild? Leitbilder, Zukunftsfähigkeit und die reflexive Moderne, in: Eckart Hildebrandt / Gudrun Linne (Hrsg.), Reflexive Lebensführung, Berlin 2000.