Schlaraffenland. Farbdruck nach Zeichnung von Pauli Ebner

5.1.2018 | Von:
Ursula Hudson

Schlafende Riesen? Über den selbstwirksamen Verbraucher - Essay

Manchmal – das gebe ich gern zu – bin auch ich eine ganz normale, ein wenig ratlose Verbraucherin. Dann stehe ich wie viele andere vor der Ladentheke, sondiere das Angebot und kann mich nur schwer entscheiden: Die Auberginen sehen gut aus, stammen aber bestimmt von einer dieser modernen Hybridsorten ab, die makellos glänzen, riesengroß sind und nach nichts schmecken. Die Tomaten sind aus Bio-Anbau, aber sie kommen aus den endlosen Gemüseplantagen Andalusiens. Und die Zuckerschoten? Sind unverkennbar Opfer einer Verpackungsorgie geworden. Zehn Schritte weiter, an der Fischtheke, wird überwiegend Zuchtfisch aus Aquakultur angeboten, das ist nun wirklich nicht mein Ding. Wenn schon Fisch, dann aus Wildfang und nicht aus dem Netzkäfig. Die Koteletts am Fleischerstand sind schön marmoriert, endlich einmal, aber sie kommen aus konventioneller Haltung. Vielleicht doch lieber eine Hühnersuppe …

Das Einkaufen von Lebensmitteln, eigentlich ein großes Vergnügen, kann ganz schön schwierig werden. Wie viele Flugstunden hat die Ananas hinter sich? Wie wurde dieses Hähnchen gehalten? Haben die Spargelstecher aus Osteuropa den Mindestlohn für ihre Schufterei erhalten? Und haben sich eigentlich die Kabeljau-Bestände in der Nordsee nachhaltig erholt?

Man kann zwar niemals alle ethischen und moralischen Aspekte bei der Lebensmittelauswahl ständig mitdenken, aber man hat ja doch seinen inneren Kompass. Selbst wenn ich die Moralkeule zuhause im Waffenschrank lasse, gibt es für mich beim Einkaufen einige rote Linien: Superschnäppchen, die die Erzeuger mit absurden Dumpingpreisen um ihren fairen Lohn bringen, sind für mich ein No-Go. Wenn die Leberwurst billiger ist als Hundefutter und die Milch weniger kostet als Mineralwasser – dann hört der Spaß auf. Dann ist ein Lebensmittelsystem aus den Fugen geraten.

Am liebsten kaufe ich direkt beim Erzeuger ein: auf Wochen- und Bauernmärkten, in den Hofläden oder bei den sogenannten Food-Assemblies, das sind Treffpunkte, bei denen ausgesuchte Erzeuger regelmäßig ihre Produkte anliefern. Nachfragen, fachsimpeln, die Produzenten persönlich kennenlernen, eine Beziehung aufbauen – das mag ich und das suche ich. Aber seien wir ehrlich: Der Alltag sieht oft anders aus, der bewusste Einkauf kann ziemlich anstrengend sein. Der nächste Hofladen ist womöglich weit weg, der Wochenmarkt im eigenen Wohnviertel ist für viele nur samstags eine Option und der Bioladen hat nur eine begrenzte Auswahl. Dagegen ist der Supermarkt ständig geöffnet, das Angebot riesig und ich bekomme alles auf kurzem Weg zu relativ günstigen Preisen. Wenn die Zeit knapp ist, wenn Arbeit und Termine drücken, fällt es schwer, längere Wege zu absolvieren, um nachhaltig und gut einzukaufen.

Erwartungen an König Kunde

Dennoch gehört es heute zu den Selbstverständlichkeiten im aufgeklärten kulinarischen Diskurs, dass wir die Verbraucherinnen und Verbraucher in die Pflicht nehmen. Alle zwei Jahre untersuchen das Umweltministerium und das Umweltbundesamt das ökologische Bewusstsein der Nation und die Bereitschaft, alltägliche Konsumgewohnheiten umzustellen.[1] Ebenso fordern unzählige Ratgeber und auch die Verbraucherschutzorganisationen einen der Vernunft und Nachhaltigkeit gehorchenden Konsum. Die Hoffnung, die hinter all diesen Forderungen steht, ist uns bestens vertraut: Die Verbraucher sind machtvoll, zusammen eigentlich unschlagbar. Wenn sie als kollektiver Akteur das Richtige tun, können sie gemeinsam Großes vollbringen und die Industrie auf den richtigen Kurs zwingen. Gern wird das Bild vom schlafenden Riesen bemüht: Wehe, wenn der aufgeweckt wird und zur Tat schreitet. Denn der private Konsum von Kunde König macht bekanntlich mehr als die Hälfte unseres Bruttoinlandprodukts aus.[2]

Würde zum Beispiel niemand mehr die mit absurden Zuckermengen gesüßten Limonaden kaufen, müssten die Hersteller umdenken und ein besseres und gesünderes Produkt anbieten. Dasselbe gilt für jene hochprozessierten Industrieprodukte, die mit Zusatzstoffen und Geschmacksverstärkern vollgepumpt sind und deren Zutatenlisten nur mit Chemiestudium zu entschlüsseln sind. Das gilt aber auch für die Kalbsleberwurst ohne Kalb, für Vanilleeis ohne Vanille, für Karottensaft, der größtenteils aus Orangen gewonnen wird, für Thüringer Buttermilch aus Bayern und für schwarze Oliven, die ihr Outfit einer künstlichen Färbung verdanken; oder für einen Himbeer-Rhabarbersaft, der neben Wasser, Kunstaromen und Zucker amtlich festgestellte 0,1 Prozent Saft aus den bezeichneten Quellen enthält. Leider lassen sich jedoch viele Verbraucher täuschen oder legen keinen Wert auf Qualität und authentische Lebensmittel. Deshalb wird es eine gezielte Konsumverweigerung nur in Ausnahmefällen geben.

Aus unterschiedlichen Gründen werden also weiter gefälschte, ungesunde und minderwertige Lebensmittel gekauft, Produkte mit zu vielen Food-Miles und schlechtem ökologischen Fußabdruck; Fleisch von Puten mit regelmäßigen Antibiotika-Behandlungen, Räucherfisch vom bedrohten Aal, Spargel aus beheizten Gewächshäusern, Hähnchennuggets aus anonymer industrieller Massenhaltung. Alles angeblich schwer lecker. Und vieles auch noch spottbillig. Egal, welchen Preis die Gesellschaft am Ende bezahlt.

Sollen Organisationen wie Slow Food, das Forum Umwelt & Entwicklung und das Institut für Welternährung e.V. deshalb resignieren? Sollen sie aufhören, die Menschen aufzuklären und vom mündigen, kritischen Konsumenten zu träumen? Nein, das wäre zynisch. Solange sie an die Überzeugungskraft guter Argumente glauben, solange sie im demokratischen Diskurs Einfluss nehmen können, gibt es keine Alternative. Und tatsächlich erreichen sie ja viele Verbraucher, die ihre Empfehlungen dankbar annehmen. Und es gibt auch immer wieder erstaunliche Erfolge:

Erinnern Sie sich noch an die alten Käfigbatterien unserer Legehennen? Weniger als ein DIN-A-4-Blatt für jedes Geschöpf? Nach langen Kämpfen landete diese Haltungsform schließlich auf dem Komposthaufen der Geschichte. Nicht, dass die heute dominierende Bodenhaltung oder die ausgestalteten "Komfortkäfige" für Kleingruppen das Nonplusultra wären. Aber es gab eine echte Revolution im Hühnerstall, und die Verbraucher hatten daran durch ihre täglichen Kaufentscheidungen und ihre Empathie für die gequälten Hühner einen wesentlichen Anteil.

Die Ansprache an die Konsumenten ist aber auch deshalb wichtig und unverzichtbar, weil sie zugleich in den politischen Raum eindringt und dort Spuren hinterlässt. Umgekehrt sind die an die Politik gerichteten Forderungen natürlich auch immer an die Verbraucher adressiert. Der gern in den Raum gestellte Gegensatz zwischen Top-Down und Bottom-Up, also zwischen Veränderungen, die von oben von der Politik oder von unten von den Verbrauchern angestoßen werden, ist ein künstliches Konstrukt. In demokratischen Gesellschaftsformen geht immer beides Hand in Hand: Wenn unten neue Entwicklungen brodeln, müssen sie oben Dampf ablassen. Und ohne politische Weichenstellungen von oben läuft das Engagement unten auf Dauer ins Leere.

Ein aktuelles Beispiel sind die geschredderten Küken. 45 Millionen männliche Eintagsküken werden in deutschen Brütereien kurz nach dem Schlüpfen getötet, weil nur die weiblichen Tiere, die Hennen, Eier legen können. Wenn Politik und Justiz nun aufgefordert werden, dieses Gemetzel zu beenden, dann erreicht dieser Aufruf auch die Verbraucher. Und die Hühnerhalter sowieso. Die Verbraucher werden damit nicht nur über ein schauriges und lange verdrängtes Kapitel unserer Massentierhaltung aufgeklärt. Sie können sich seit einigen Jahren auch dafür entscheiden, die derzeit noch wenigen Betriebe zu unterstützen, die auch die männlichen Tiere aufziehen. Als Ausgleich für die unrentable Aufzucht der "Brüder" werden die Eier der "Schwestern" etwas teurer verkauft. Der Preisaufschlag ist notwendig, weil die Hähne aus der Legehennen-Zucht stammen und deshalb langsamer wachsen als die auf schnellen Fleischansatz getrimmten Rassen.

Wenn über solche Initiativen berichtet wird, dann mag sich das vorrangig an die Verbraucher richten. Es wirkt aber ebenso in die politische Arena hinein. Weil die Leserinnen und Leser nicht nur Verbraucher, sondern auch Bürger und Wählerinnen sind, die mit anderen Organisationen vernetzt sind. Weil auch Lehrer, Erzieherinnen, Politiker, Lebensmittelhändlerinnen, Gastwirte und andere Multiplikatoren solche Berichte lesen und ihre persönlichen Gedanken und Gefühle weitertragen.

Fußnoten

1.
Vgl. Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit/Umweltbundesamt, Umweltbewusstsein in Deutschland 2016, Berlin 2017, http://www.umweltbundesamt.de.
2.
Vgl. Statistisches Bundesamt, Bruttoinlandsprodukt, http://www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/GesamtwirtschaftUmwelt/VGR/Methoden/BIP.html«.
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Autor: Ursula Hudson für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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