Schlaraffenland. Farbdruck nach Zeichnung von Pauli Ebner
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5.1.2018 | Von:
Ursula Hudson

Schlafende Riesen? Über den selbstwirksamen Verbraucher - Essay

Manchmal – das gebe ich gern zu – bin auch ich eine ganz normale, ein wenig ratlose Verbraucherin. Dann stehe ich wie viele andere vor der Ladentheke, sondiere das Angebot und kann mich nur schwer entscheiden: Die Auberginen sehen gut aus, stammen aber bestimmt von einer dieser modernen Hybridsorten ab, die makellos glänzen, riesengroß sind und nach nichts schmecken. Die Tomaten sind aus Bio-Anbau, aber sie kommen aus den endlosen Gemüseplantagen Andalusiens. Und die Zuckerschoten? Sind unverkennbar Opfer einer Verpackungsorgie geworden. Zehn Schritte weiter, an der Fischtheke, wird überwiegend Zuchtfisch aus Aquakultur angeboten, das ist nun wirklich nicht mein Ding. Wenn schon Fisch, dann aus Wildfang und nicht aus dem Netzkäfig. Die Koteletts am Fleischerstand sind schön marmoriert, endlich einmal, aber sie kommen aus konventioneller Haltung. Vielleicht doch lieber eine Hühnersuppe …

Das Einkaufen von Lebensmitteln, eigentlich ein großes Vergnügen, kann ganz schön schwierig werden. Wie viele Flugstunden hat die Ananas hinter sich? Wie wurde dieses Hähnchen gehalten? Haben die Spargelstecher aus Osteuropa den Mindestlohn für ihre Schufterei erhalten? Und haben sich eigentlich die Kabeljau-Bestände in der Nordsee nachhaltig erholt?

Man kann zwar niemals alle ethischen und moralischen Aspekte bei der Lebensmittelauswahl ständig mitdenken, aber man hat ja doch seinen inneren Kompass. Selbst wenn ich die Moralkeule zuhause im Waffenschrank lasse, gibt es für mich beim Einkaufen einige rote Linien: Superschnäppchen, die die Erzeuger mit absurden Dumpingpreisen um ihren fairen Lohn bringen, sind für mich ein No-Go. Wenn die Leberwurst billiger ist als Hundefutter und die Milch weniger kostet als Mineralwasser – dann hört der Spaß auf. Dann ist ein Lebensmittelsystem aus den Fugen geraten.

Am liebsten kaufe ich direkt beim Erzeuger ein: auf Wochen- und Bauernmärkten, in den Hofläden oder bei den sogenannten Food-Assemblies, das sind Treffpunkte, bei denen ausgesuchte Erzeuger regelmäßig ihre Produkte anliefern. Nachfragen, fachsimpeln, die Produzenten persönlich kennenlernen, eine Beziehung aufbauen – das mag ich und das suche ich. Aber seien wir ehrlich: Der Alltag sieht oft anders aus, der bewusste Einkauf kann ziemlich anstrengend sein. Der nächste Hofladen ist womöglich weit weg, der Wochenmarkt im eigenen Wohnviertel ist für viele nur samstags eine Option und der Bioladen hat nur eine begrenzte Auswahl. Dagegen ist der Supermarkt ständig geöffnet, das Angebot riesig und ich bekomme alles auf kurzem Weg zu relativ günstigen Preisen. Wenn die Zeit knapp ist, wenn Arbeit und Termine drücken, fällt es schwer, längere Wege zu absolvieren, um nachhaltig und gut einzukaufen.

Erwartungen an König Kunde

Dennoch gehört es heute zu den Selbstverständlichkeiten im aufgeklärten kulinarischen Diskurs, dass wir die Verbraucherinnen und Verbraucher in die Pflicht nehmen. Alle zwei Jahre untersuchen das Umweltministerium und das Umweltbundesamt das ökologische Bewusstsein der Nation und die Bereitschaft, alltägliche Konsumgewohnheiten umzustellen.[1] Ebenso fordern unzählige Ratgeber und auch die Verbraucherschutzorganisationen einen der Vernunft und Nachhaltigkeit gehorchenden Konsum. Die Hoffnung, die hinter all diesen Forderungen steht, ist uns bestens vertraut: Die Verbraucher sind machtvoll, zusammen eigentlich unschlagbar. Wenn sie als kollektiver Akteur das Richtige tun, können sie gemeinsam Großes vollbringen und die Industrie auf den richtigen Kurs zwingen. Gern wird das Bild vom schlafenden Riesen bemüht: Wehe, wenn der aufgeweckt wird und zur Tat schreitet. Denn der private Konsum von Kunde König macht bekanntlich mehr als die Hälfte unseres Bruttoinlandprodukts aus.[2]

Würde zum Beispiel niemand mehr die mit absurden Zuckermengen gesüßten Limonaden kaufen, müssten die Hersteller umdenken und ein besseres und gesünderes Produkt anbieten. Dasselbe gilt für jene hochprozessierten Industrieprodukte, die mit Zusatzstoffen und Geschmacksverstärkern vollgepumpt sind und deren Zutatenlisten nur mit Chemiestudium zu entschlüsseln sind. Das gilt aber auch für die Kalbsleberwurst ohne Kalb, für Vanilleeis ohne Vanille, für Karottensaft, der größtenteils aus Orangen gewonnen wird, für Thüringer Buttermilch aus Bayern und für schwarze Oliven, die ihr Outfit einer künstlichen Färbung verdanken; oder für einen Himbeer-Rhabarbersaft, der neben Wasser, Kunstaromen und Zucker amtlich festgestellte 0,1 Prozent Saft aus den bezeichneten Quellen enthält. Leider lassen sich jedoch viele Verbraucher täuschen oder legen keinen Wert auf Qualität und authentische Lebensmittel. Deshalb wird es eine gezielte Konsumverweigerung nur in Ausnahmefällen geben.

Aus unterschiedlichen Gründen werden also weiter gefälschte, ungesunde und minderwertige Lebensmittel gekauft, Produkte mit zu vielen Food-Miles und schlechtem ökologischen Fußabdruck; Fleisch von Puten mit regelmäßigen Antibiotika-Behandlungen, Räucherfisch vom bedrohten Aal, Spargel aus beheizten Gewächshäusern, Hähnchennuggets aus anonymer industrieller Massenhaltung. Alles angeblich schwer lecker. Und vieles auch noch spottbillig. Egal, welchen Preis die Gesellschaft am Ende bezahlt.

Sollen Organisationen wie Slow Food, das Forum Umwelt & Entwicklung und das Institut für Welternährung e.V. deshalb resignieren? Sollen sie aufhören, die Menschen aufzuklären und vom mündigen, kritischen Konsumenten zu träumen? Nein, das wäre zynisch. Solange sie an die Überzeugungskraft guter Argumente glauben, solange sie im demokratischen Diskurs Einfluss nehmen können, gibt es keine Alternative. Und tatsächlich erreichen sie ja viele Verbraucher, die ihre Empfehlungen dankbar annehmen. Und es gibt auch immer wieder erstaunliche Erfolge:

Erinnern Sie sich noch an die alten Käfigbatterien unserer Legehennen? Weniger als ein DIN-A-4-Blatt für jedes Geschöpf? Nach langen Kämpfen landete diese Haltungsform schließlich auf dem Komposthaufen der Geschichte. Nicht, dass die heute dominierende Bodenhaltung oder die ausgestalteten "Komfortkäfige" für Kleingruppen das Nonplusultra wären. Aber es gab eine echte Revolution im Hühnerstall, und die Verbraucher hatten daran durch ihre täglichen Kaufentscheidungen und ihre Empathie für die gequälten Hühner einen wesentlichen Anteil.

Die Ansprache an die Konsumenten ist aber auch deshalb wichtig und unverzichtbar, weil sie zugleich in den politischen Raum eindringt und dort Spuren hinterlässt. Umgekehrt sind die an die Politik gerichteten Forderungen natürlich auch immer an die Verbraucher adressiert. Der gern in den Raum gestellte Gegensatz zwischen Top-Down und Bottom-Up, also zwischen Veränderungen, die von oben von der Politik oder von unten von den Verbrauchern angestoßen werden, ist ein künstliches Konstrukt. In demokratischen Gesellschaftsformen geht immer beides Hand in Hand: Wenn unten neue Entwicklungen brodeln, müssen sie oben Dampf ablassen. Und ohne politische Weichenstellungen von oben läuft das Engagement unten auf Dauer ins Leere.

Ein aktuelles Beispiel sind die geschredderten Küken. 45 Millionen männliche Eintagsküken werden in deutschen Brütereien kurz nach dem Schlüpfen getötet, weil nur die weiblichen Tiere, die Hennen, Eier legen können. Wenn Politik und Justiz nun aufgefordert werden, dieses Gemetzel zu beenden, dann erreicht dieser Aufruf auch die Verbraucher. Und die Hühnerhalter sowieso. Die Verbraucher werden damit nicht nur über ein schauriges und lange verdrängtes Kapitel unserer Massentierhaltung aufgeklärt. Sie können sich seit einigen Jahren auch dafür entscheiden, die derzeit noch wenigen Betriebe zu unterstützen, die auch die männlichen Tiere aufziehen. Als Ausgleich für die unrentable Aufzucht der "Brüder" werden die Eier der "Schwestern" etwas teurer verkauft. Der Preisaufschlag ist notwendig, weil die Hähne aus der Legehennen-Zucht stammen und deshalb langsamer wachsen als die auf schnellen Fleischansatz getrimmten Rassen.

Wenn über solche Initiativen berichtet wird, dann mag sich das vorrangig an die Verbraucher richten. Es wirkt aber ebenso in die politische Arena hinein. Weil die Leserinnen und Leser nicht nur Verbraucher, sondern auch Bürger und Wählerinnen sind, die mit anderen Organisationen vernetzt sind. Weil auch Lehrer, Erzieherinnen, Politiker, Lebensmittelhändlerinnen, Gastwirte und andere Multiplikatoren solche Berichte lesen und ihre persönlichen Gedanken und Gefühle weitertragen.

Veggie-food im Dorfwirtshaus

Zu den erfreulichen Entwicklungen im Lebensmittelsektor zählt neben dem Trend zur Regionalität das breitere vegetarische Angebot – sogar in dörflichen Wirtshäusern, in denen sonst das Schnitzel breitflächig über den Tellerrand wabert. Der Höhepunkt des Fleischverzehrs könnte in einigen Industrieländern tatsächlich überschritten sein. Längst haben auch die Supermärkte die Zeichen der Zeit erkannt und stellen reichlich Veggie-Food – wenn auch mitunter von zweifelhafter Qualität und Zusammensetzung – in ihre Regale. Gleichzeitig hält in der Spitzengastronomie der Gemüsetrend an, Fleisch wird neuerdings sogar eher als Beilage serviert.

Die Verbraucher haben diese Entwicklung ganz wesentlich mit angeschoben und mitgetragen: Gerade junge Leute ernähren sich zunehmend vegetarisch und teilweise auch vegan.[3] Als Folge ist der Fleischverzehr in Deutschland gleich mehrere Jahre hintereinander zurückgegangen, er liegt jetzt ziemlich genau bei 60 Kilogramm pro Kopf und Jahr.[4] Das gilt allerdings nicht für die Fleischproduktion. Die deutsche Agrarindustrie konnte – auch dank Exportsubventionen – den Rückgang des Fleischkonsums auf dem heimischen Markt nicht nur durch stärkere Exporte ausgleichen, sondern sogar überkompensieren. Für Klima und Umwelt sowie für bessere Haltungsformen ist also trotz des eindrucksvollen und seit einigen Jahren anhaltenden Rückgangs in den Verbrauchsziffern nichts gewonnen worden. Dieses Beispiel zeigt die Grenzen der Verbrauchermacht in unserem Land deutlich auf.

Auch der Bio-Boom und das Aufblühen der ökologischen Landwirtschaft in den vergangenen Jahren zeigen beispielhaft, wie politische Initiativen und Verbraucherverhalten zusammenwirken. "Bio" brauchte und braucht auch heute noch politischen Anschub durch Förderung und Umstellungshilfen für Bauern, durch Zielvorgaben und nicht zuletzt durch ein öffentliches Klima, das die Vorzüge einer bäuerlichen Landwirtschaft ohne den großflächigen Einsatz von Pestizid-, Dünger- und Arzneimitteln sowie einer artgerechteren Tierhaltung klar benennt und anerkennt. Und natürlich braucht diese Form der Landwirtschaft auch Käufer, die bereit und in der Lage dazu sind, für die umwelt- und klimafreundlich hergestellten Lebensmittel mehr zu bezahlen. Es braucht Kunden, die mit ihrem Alltagshandeln mithelfen, einen neuen Markt zu etablieren, egal ob sie es aus einem gesellschaftlichen Verantwortungsgefühl oder aus Eigennutz tun. Wir Deutschen gehören übrigens zu jenem knausrigen Dutzend europäischer Länder, die mit am wenigsten für Lebensmittel ausgeben.

Gerade das Beispiel Bio zeigt aber auch die Steifnackigkeit der oft beschworenen Verbrauchermacht. Sobald nämlich der Preisabstand zwischen biologisch und konventionell erzeugten Lebensmitteln zu groß ist, werden die zuvor in allerlei Umfragen artikulierten Ideale geopfert und mehrheitlich doch lieber die günstigeren Lebensmittel eingekauft. Das gilt vor allem für Fleisch. Anders als bei Milchprodukten, Obst und Gemüse dümpelt der Verkauf von Biofleisch in Deutschland noch immer in Nischenregionen und erreicht bei Schweinefleisch gerade mal die Ein-Prozent-Marke.[5] Das würde sich ändern, wenn die Haltungsvorschriften auch in konventionellen Betrieben anspruchsvoller wären und einer Billigproduktion auf Kosten der Tiere und der Umwelt Grenzen gesetzt wären. Auch bei diesem Thema sieht man, wie Politik und Verbraucherverhalten zusammenwirken.

Die große Mehrheit der Deutschen spricht sich immer wieder für eine bessere Tierhaltung aus und äußert die Bereitschaft, mehr Geld auszugeben, damit es den Tieren besser geht. Wie können wir diese Menschen nun beim Wort nehmen und sie ermuntern, ihr Budget für Lebensmittel ein wenig zu erhöhen und lieber woanders zu sparen? Schließlich geben wir für ein superelastisches Motorenöl, das im Bauch unseres Autos verschwindet, bereitwillig 30 oder 40 Euro aus – für ein Öl, das für unseren eigenen Bauch bestimmt ist, darf es dann die Billigware für 2,99 Euro sein. Der Magen braucht den guten Stoff offenbar nicht.

Ausgaben für Essen und nichtalkoholische Getränke im Jahr 2016, Anteil an den Verbraucherausgaben eines Haushalts in Prozent.Ausgaben für Essen und nichtalkoholische Getränke im Jahr 2016, Anteil an den Verbraucherausgaben eines Haushalts in Prozent. (© United States Department of Agriculture, Economic Research Service, Percent of Consumer Expenditures on Food, Alcoholic Beverages and Tobacco that Were Consumed at Home, by Selected Countries, 2016, www.ers.usda.gov/data-products/food-expenditures. Verbra)

Ausgaben für Essen und nichtalkoholische Getränke im Jahr 2016 in US-Dollar pro Person.Ausgaben für Essen und nichtalkoholische Getränke im Jahr 2016 in US-Dollar pro Person. (© United States Department of Agriculture, Economic Research Service, Percent of Consumer Expenditures on Food, Alcoholic Beverages and Tobacco that Were Consumed at Home, by Selected Countries, 2016, www.ers.usda.gov/data-products/food-expenditures.)

Ernährungsvorschriften: so beliebt wie Fußpilz

Was wir gelernt haben: Wir sollten den Verbrauchern trotz allem nicht mit Zwang, Druck und Predigten kommen – das funktioniert nicht. Strenge Vorschriften, was man gefälligst zu essen habe, sind so beliebt wie Fußpilz. Wer sich bevormundet fühlt, der macht gern das Gegenteil dessen, was er eigentlich tun sollte. Auch die Versuche, mit Steuern oder Gesundheitszuschlägen das Einkaufs- und Konsumverhalten bei Nahrungsmitteln zu beeinflussen, sind oft genug gescheitert. Es bleibt meist nur das Bohren dicker Bretter, das kluge Argumentieren, das Vorleben, die Freude am Guten, das Charisma der Qualität. Und natürlich muss die Politik die für viele Entwicklungen notwendigen Rahmenbedingungen setzen. Manchmal braucht es auch noch gute Ideen.

Ein pfiffiger Berliner Gastronom hatte solch eine Idee. Weil auf den Tellern seines Restaurants häufig beachtliche Portionen vom halben gegrillten Hähnchen oder von der Haxe liegen blieben, wies er seine Bedienungen an, grundsätzlich und ohne Aufforderung den Gästen ein Doggybag[6] an den Tisch zu bringen und sie zu ermuntern, die Reste doch einzupacken. Hemmungen und Scham der Gäste, die nicht kleinlich oder geizig erscheinen wollten, wenn sie die Reste mitnehmen, sind seitdem elegant überwunden. Die freundliche Gestaltung des Doggybags mit dem dezent gehaltenen Hinweis, dass in Europa rund ein Drittel aller Lebensmittel weggeworfen werden, tut ein Übriges. Ergebnis: Deutlich mehr Essensreste werden seitdem mit nach Hause genommen. Dadurch wird im Restaurant weniger weggeworfen, weshalb sich die Entsorgungskosten des Gastwirts spürbar reduziert haben. Alle gewinnen. In Frankreich wurde inzwischen eigens ein Doggybag-Gesetz verabschiedet, alle großen Restaurants müssen neuerdings eine Schachtel für Essensreste vorhalten.

Lebensmittelverschwendung ist eines der typischen Themen, bei denen klar wird, dass nur das Zusammenspiel multipler Akteure Erfolge verspricht. Die Verschwendung in den Industrienationen summiert sich nach Aussagen der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) auf einen Wert von 680 Milliarden Dollar im Jahr.[7] Wissenschaftliche Studien zeigen eindrucksvoll, dass nicht nur die Verbraucher, sondern bereits die Erzeuger und in der Folge viele weitere Akteure in der Verantwortung stehen. Die Erzeuger sortieren zum Beispiel bei der Karottenernte nach den Vorgaben des Markts Jahr für Jahr zwischen 25 und 40 Prozent "fehlerhafter" Exemplare aus, weil sie Risse, kleine Fraß- oder Faulstellen, Grünköpfigkeit und andere Mängel zeigen oder weil sie zu klein, zu dick, zu groß, zu lang, zu krumm, zu blass oder anderweitig schlecht gewachsen sind und nicht dem Prototyp der makellosen Musterkarotte entsprechen.[8] Bei der Lagerung, der Distribution und der Lebensmittelverarbeitung fallen weitere Abfälle und Verluste an. Die Verbraucher, aber auch Restaurants, Kantinen und Mensen stehen am Ende der Versorgungskette. In verschiedenen Studien zum Thema werden sie für den größten Teil der Verschwendung verantwortlich gemacht. Nach Zahlen der EU-Kommission sind die prozentualen Anteile der Lebensmittelabfälle wie folgt verteilt: 42 Prozent im Haushalt, 39 Prozent bei der Herstellung, 14 Prozent in der Gastronomie und 5 Prozent im Groß- und Einzelhandel.[9]

Um diese Zahlen zu reduzieren, braucht es auch hier die Unterstützung der Politik. Wir benötigen bessere Daten über Lebensmittelabfälle in der gesamten Kette, nationale Ziele für die Vermeidung, aber auch Maßnahmen gegen die Überproduktion. Zudem sollte das Mindesthaltbarkeitsdatum durch ein weicheres Verbrauchsdatum ersetzt werden. Moralische Appelle allein an die Verbraucheradresse greifen gerade bei diesem Thema zu kurz. Stattdessen muss es ein zentrales Ziel sein, die Wertschätzung von Lebensmitteln zu erhöhen. Das gilt für die gesamte Gesellschaft. Die Achtung der Esskultur und der kulinarischen Traditionen sind Teil dieser Wertschätzung, die einen achtsamen Umgang mit den Ressourcen und damit ein verantwortungsvolles Alltagshandeln befördert. Ernährung als Unterrichtsfach in den Schulen würde ebenfalls helfen, Kompetenz und Respekt im Umgang mit Nahrungsmitteln zu stärken.

Jeder Haushalt kann durch sein Alltagshandeln die Verschwendung in der eigenen Küche reduzieren und das sollte er auch. Aber erst die gesellschaftliche Anstrengung wird nachhaltige Erfolge bringen. Denn die Marktlogik und die Machtverhältnisse, Werbung und Preisgestaltung, die Verpackungsgrößen und anderes mehr setzen individuellen Strategien immer wieder Grenzen. Ein verantwortungsvolles Handeln und eine entsprechende kulinarische Orientierung werden zudem von der Lebensmittelindustrie oft genug unterlaufen, nicht nur beim Thema Verschwendung. Erinnert sei nur an die unzähligen Labels, Siegel und Qualitätszeichen, die meist nichts anderes sind als Marketingtricks. Glaubt man den Qualitätsversprechen im Lebensmittelhandel, dann gibt es heute nur noch hochwertige Lebensmittel aus natürlicher Umgebung, artgerechter Tierhaltung und von bestem Geschmack. Das jedenfalls ist die Botschaft, die uns in jedem Supermarkt begegnet. Etiketten und Verpackung versenden in Sekundenbruchteilen ihre positiven Botschaften, um den Kunden zu ködern. Dazu werden selbst verliehene Güte- und Pseudosiegel verwendet. Das Biozeichen ist zwar geschützt, aber Begriffe, die das Produkt in einen ähnlich ökologisch-natürlichen Kontext rücken, sind es nicht. Natürlich grast die auf Milchpackungen abgebildete Kuh auf einer saftigen Wiese, das Huhn pickt im Freiland, das Schwein wälzt sich wohlig im Dreck. Solche Aussagen auf den Verpackungen werden von der Lebensmittelaufsicht toleriert, schließlich, so wird argumentiert, wisse doch jeder, dass die Milch nicht direkt von der Kuh kommt, sondern pasteurisiert, homogenisiert und hocherhitzt in riesigen Abfüllstationen verarbeitet wird. Weil der Verbraucher angeblich alles weiß, ist auch alles erlaubt. So werden Verbraucher bei jedem Einkauf für dumm verkauft, consumer confusion ist eher die Regel als die Ausnahme. Gleichzeitig hat das ständige Qualitätsversprechen den Begriff "Qualität" weitgehend entwertet. Es geht nämlich nicht nur um die äußere optische Qualität. Lebensmittel haben auch eine innere ethische Qualität, die sich auf den gesamten Herstellungsprozess bezieht, auf die Tierhaltung und auf die Bezahlung der an der Herstellung beteiligten Personen.

Um die Kompetenz der Verbraucher zu stärken, damit sie bei der Lebensmittelauswahl zwischen "gut" und "böse" unterscheiden und durch ihr Alltagsverhalten tatsächlich das Lebensmittelsystem positiv mitgestalten können, brauchen wir ein ehrlicheres Bezeichnungsrecht. Solange aus Sägemehl hergestelltes Erdbeeraroma als "natürliches Aroma" im Packungsaufdruck stehen darf, sollten wir uns nicht über verwirrte Verbraucher wundern. Und erst wenn die Milch von natürlich gehaltenen Kühen mit regelmäßigem Weidegang auch als Weidemilch erkennbar und unterscheidbar ist, wird der Verbraucher überhaupt in die Lage versetzt, verantwortungsbewusst auszuwählen. Dann kann er mit seiner Kaufentscheidung dafür sorgen, dass nicht immer mehr Kühe aus unseren Landschaften in die Ställe verschwinden und dort mit brasilianischem Soja gefüttert werden, für dessen Herstellung ganze Urwälder von der Bildfläche verschwinden.[10]

Natürlich sollten die Verbraucher auch selbst ihre Kompetenz stärken. Wer sich für den Anfang vielleicht nur ein einziges Lebensmittel aussucht, bei dem er es etwas genauer wissen will und sich entsprechend informiert, der wird schnell dazulernen. Das Ur-Lebensmittel Brot wäre dafür ein guter Kandidat. Gutes Brot braucht viel Zeit in der Herstellung, die ihm die Industriebäcker nicht mehr gönnen. Wo finden Sie ein langsames Sauerteigbrot, das richtig gut nach "Zeitwohlstand" schmeckt? Machen Sie sich auf die Suche, es lohnt sich. Oder backen Sie doch einmal selbst ein Brot aus Homemade-Sauerteig. Regelmäßiges Selberkochen ist ein guter Kursus und zugleich ein Akt der Selbstbehauptung. Zumindest, solange unter Kochen nicht das Aufwärmen von Fertigprodukten verstanden wird. Wer seine Rohstoffe selbst einkauft und zubereitet, der weiß nicht nur, was er isst. Der macht sich im besten Fall auch lebensmittelschlau und entwickelt eine Leidenschaft für gutes Essen und authentische Erzeugnisse. Wer sich dann noch ein wenig Dreck unter die Fingernägel holt, weil er gärtnert und einen – vielleicht nur sehr kleinen – Teil seines Essens im Garten und auf dem Balkon selbst erzeugt, der ist weitgehend gefeit gegen die Entwertung von Lebensmitteln als reine Wirtschaftswaren, die mancherorts wie Ziegelsteine produziert werden.

Fazit

Verantwortungsvoll einkaufen und mitgestalten? Unbedingt – soweit wir das können. Eine einseitige Verantwortungszuschreibung an die Verbraucher halte ich aber für eine problematische Verengung und Vereinfachung, wie viele der obigen Beispiele gezeigt haben. Politik, Handel, Gastronomie und die Ernährungsindustrie sind machtvolle Player in diesem Spiel, die eine große Mitverantwortung tragen. Wenn wir das Ernährungssystem nachhaltig verändern wollen – und das müssen wir! –, dann können das nicht allein die Verbraucher und Verbraucherinnen richten. Deren Einkaufstasche nachhaltiger zu füllen, ihr Handeln verantwortungsbewusster zu machen, ist eine gesellschaftliche Aufgabe. Eine mächtige Wirtschaftsbranche lässt sich nicht durch freiwillige Maßnahmen und Kaufentscheidungen der Verbraucher umkrempeln. Dass jeder Einzelne einen kleinen Teil der Verantwortung trägt, wird damit nicht bestritten. Politisches und gesellschaftliches Engagement sind dabei aber genauso wichtig wie individueller nachhaltiger Konsum. Dass es in jedem Fall sinnvoll ist, bei der Wahl der Lebensmittel darauf zu achten, dass sie gut, sauber und fair sind, dafür gibt es gleich mehrere Gründe. Erstens schmeckt es besser, zweitens hat man ein gutes "Gefühl" im Bauch und im Kopf und drittens gilt, um es mit den Worten des Künstlers und Journalisten Jürgen Dahl zu sagen: Wer zuhause anfängt, verantwortungsbewusst zu handeln, der wird "vielleicht nicht die Welt retten, dafür aber die eigene Würde".[11]
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Fußnoten

1.
Vgl. Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit/Umweltbundesamt, Umweltbewusstsein in Deutschland 2016, Berlin 2017, http://www.umweltbundesamt.de.
2.
Vgl. Statistisches Bundesamt, Bruttoinlandsprodukt, http://www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/GesamtwirtschaftUmwelt/VGR/Methoden/BIP.html«.
3.
Siehe hierzu auch den Beitrag von Tamara Pfeiler in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
4.
Vgl. Deutsches Fleischerhandwerk, Weniger Schwein, dafür mehr Rind und Geflügel auf dem Teller, Pressemitteilung, 18.5.2017, http://www.fleischerhandwerk.de/presse/pressemitteilungen/weniger-schwein-dafuer-mehr-rind-und-gefluegel-auf-dem-teller.html«.
5.
Vgl. Bund Ökologischer Lebensmittelwirtschaft, Zahlen, Daten, Fakten – Die Bio-Branche 2017, S. 3, http://www.boelw.de/fileadmin/media/pdf.
6.
Doggybag ist die englischsprachige Bezeichnung für Behälter, in denen Gäste Reste ihres bestellten, aber nicht vollständig verzehrten Essens mit nach Hause nehmen können. Der Begriff entstand erstmals in den USA im Jahr 1943, als Hundebesitzer begannen, Essensreste mit nach Hause zu nehmen, um trotz strenger Lebensmittelrationierung ihre Tiere füttern zu können. Vgl. Sophie Burfeind, Kommt in die Tüte, 13.1.2016, http://www.sz.de/1.2816234«.
7.
Vgl. FAO: Key Facts on Food Loss and Waste You Should Know!, 2017, http://www.fao.org/save-food/resources/keyfindings/en/«.
8.
Vgl. Kathrin Klockgether/Walter Dirksmeyer, Lebensmittelverluste in der deutschen Gemüseproduktion – Erkenntnisse aus Fallstudien zur Erzeugung von Möhre und Salat, Präsentation, Thünen-Institut für Betriebswirtschaft, Osnabrück 3.3.2017, S. 8, http://refowas.de/images/Refowas_DGG_2017.pdf«.
9.
Vgl. Europäische Kommission, Impact Assessment on Measures Addressing Food Waste to Complete SWD (2014)207 Regarding the Review of EU Waste Management Targets, SWD(2014) 289 final, 23.9.2014, S. 10ff., http://ec.europa.eu/environment/eussd/pdf/IA.PDF«.
10.
Vgl. Joan Reijs et al., Grazing Dairy Cows in North-West Europe. Economic Farm Performance and Future Developments with Emphasis on the Dutch Situation, Wageningen–Den Haag 2013.
11.
Jürgen Dahl, Zwölfzylinder schadstoffarm – von den Aporien des sogenannten Umweltschutzes, Jahresschrift für skeptisches Denken 21/1992, S. 228–245, hier S. 245.
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Ursula Hudson für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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